Liebe Männer, so könnt auch ihr Feministen sein

Können Männer Feministen sein? Diese Frage spaltet – und eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Ein Kommentar von WIENERIN-Redakteurin Jelena Gučanin.

Die WIENERIN-Kampagne #IchbinFeminist holt sie vor den Vorhang: Männer, die Frauen zuhören. Männer, die Gleichberechtigung einfordern. Männer, die sich als Feministen bezeichnen. Denn im Jahr 2016 sollte das eigentlich selbstverständlich sein.

Können Männer Feministen sein? Diese Frage spaltet – und eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Wir probieren’s dennoch und sagen: ja. Vor allem in einer Zeit, in der der Anti-Feminismus – vor allem im Netz – so stark grassiert wie nie zuvor, ist es wichtig, Kontrapunkte zu setzen. Und Verbündete zu finden. Wie wir diese Verbündeten nennen, liegt im eigenen Ermessen – und auch daran, ob wir uns als Frauen mit der Bezeichnung „Feminist“ für Männer wohlfühlen. Einige Männer bezeichnen sich auch selbst lieber als pro-feministisch oder „Allies“ (Verbündete). Weil Feminismus in erster Linie eine Bewegung für und von Frauen bleibt, in der sie ohne männliche Normen Selbstermächtigung erfahren. Und das ist auch gut so.

Holen wir männliche Vorbilder vor den Vorhang


Dennoch sollte klar sein: Feminismus wird nicht erst dann legitimiert, wenn Männer sich endlich dazu äußern. Die Bezeichnung FeministIn sollte selbstverständlich sein, ist sie aber leider nicht. Den meisten Menschen stellen sich immer noch die Nackenhaare auf, wenn sie das Wort hören. Umso wichtiger ist es, dem Wort ein positives Image zu geben und auch jene zu Wort kommen zu lassen, die sich davon nicht unbedingt sofort angesprochen fühlen: Männer. Denn nur gemeinsam kann der Kampf für Gleichberechtigung schneller und effizienter vorangehen. Wir müssen das System ändern, aber auch die Männer, die darin leben.

Dann könnten wir vielleicht auch einmal mit dem unsäglichen Klischee aufräumen, dass alle Feministinnen „Männerhasserinnen“ sind. Wenn „Männer“ hier für ein System stehen, das männlich dominiert ist und Frauen unterdrückt, dann: ja. Wenn „Männer“ aber einfach alle Männer dieser Welt meint, dann: nein. Schließlich steht Feminismus für die Gleichstellung aller Geschlechter (und das sind mehr als zwei). Und solange Frauen diese Gleichstellung nicht erreicht haben, rücken wir Frauen bewusst in den Vordergrund. Und das soll auch in der Bezeichnung „Feminismus“ zum Ausdruck kommen – einer Bewegung, die in erster Linie für Frauen kämpft.

Das heißt jedoch nicht, dass Männer innerhalb dieses Systems ihre Privilegien nicht hinterfragen können und sich mit dem jetzigen Zustand zufrieden geben müssen. Denn auch sie leiden unter veralteten Rollenbildern, die ihnen vorschreiben, sie dürften keine Gefühle zeigen, müssten immer stark sein, die Besten sein. Das treibt viele in die Verzweiflung. Nicht ohne Grund begehen junge Männer drei Mal so oft Selbstmord wie Frauen. In manchen Ländern ist die Suizidrate bei den Männern fast fünfmal so hoch wie unter Frauen, etwa in Russland, wie der "Welt-Suizid-Report" der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt. Auch wenn bei Frauen dreimal so häufig eine Depression diagnostiziert wird, sind es öfter die Männer, die diese Verzweiflungstat endgültig begehen.

Die Probleme der Frauen müssen noch immer Priorität besitzen


Das hat einen Grund: Ungleichheit und Diskriminierung machen sich nicht nur am Geschlecht fest – sondern entstehen aus einer Verschränkung der Achsen Geschlecht, Klasse, Ethnizität, Sexualität, Alter, Behinderung und vielen mehr. Ausgrenzung macht somit auch vor Männern nicht halt – strukturelle Diskriminierung ebenso wenig. Eine bessere Welt für alle – als Ziel des Feminismus – sollte es auch allen möglich machen, daran teilzunehmen.

Doch wer Feminist sein will, muss vor allem eins können: zuhören. Dass das einige Männer, die sich als Feministen bezeichnen, nicht können, ist ein großes Problem – darf aber nicht dazu führen, dass Männer immer und überall von der Bewegung ausgeschlossen werden. Heben wir den Diskurs von der intellektuellen Ebene hinaus in die Welt. Denn in einer Welt, in der Antifeminismus immer größer wird, ist es wichtig männliche Vorbilder zu haben, die sagen: wir hören zu. Und sind uns unserer Privilegien bewusst – und wollen gleiche Rechte für alle. Das sollen sie – vor allem vor anderen Männern – laut machen. Männern wird leider noch immer mehr zugehört, also sollten sie ihre Stimme auch nutzen.


Dass Feminismus immer eine Bewegung für die Rechte der Frauen sein wird, ist klar. Und eines ihrer Ziele wird immer die Selbstermächtigung von Frauen bleiben. Schließlich zeigen die Fakten noch immer: Männer werden nicht annähernd so oft Opfer sexueller Belästigung, sie erleben deutlich weniger häusliche Gewalt, und sie verdienen auch nicht weniger, nur weil sie Männer sind. Sie haben nicht so große Schwierigkeiten, ein politisches Amt zu besetzen oder in eine Führungsposition zu gelangen. Ihre Anliegen werden nicht als „hysterisch“ betitelt und ihre Körper werden nicht ständig kontrolliert. Das Patriarchat niederzureißen, hat zwar Vorteile für beide Geschlechter, aber die Probleme der Frauen müssen noch immer Priorität besitzen. Und wie überall gilt auch hier: Feminismus ist keine einheitliche Strömung.

Frauenräume sind und bleiben wichtig


Das heißt nicht, dass Feministinnen Männer einschließen müssen – es bleibt noch immer eine Bewegung der Frauen. Und wer immer nur ruft „Wo sind die Männer?“, wird sich zwar vieles nennen können, aber sicher nicht Feminist. Frauenräume sind und bleiben wichtig – und für Männer, die sich als Unterstützer der Bewegung sehen, sollte das selbstverständlich sein. Schließlich leben Frauen ohnehin in einer Welt, die von männlichen Normen bestimmt wird. Die Lebenswelten, die Ideen, Wünsche, Talente und Erfahrungen von Frauen ernst zu nehmen, ist eine Grundvoraussetzung, um Feminist zu sein. Patriarchale Strukturen innerhalb der Bewegung zu rekonstruieren, ist dagegen ein absolutes No-Go.

Trotz allem: Bündnisse sind immer sinnvoll, wenn alle für das gleiche Ziel kämpfen. Die patriarchale Weltordnung geht auch vielen Männern gegen den Strich, obwohl sie davon profitieren (könnten). Menschen mit politischem Bewusstsein und dem Wunsch nach einer Welt, in der alle gleichberechtigt leben können, geben sich nicht mit der jetzigen Weltordnung zufrieden und bleiben – zum Glück! – nicht unbeteiligt sitzen. Sie müssen gehört werden. Denn die Welt zu verändern – das beginnt fernab der eigenen Privilegien. Dazu ist es wichtig, sich zu interessieren. Die eigenen Netzwerke in die Diskussion miteinzubinden. Den jungen Männern von heute ein Vorbild zu sein. Und damit ist nicht gemeint, ihnen unnötig Lorbeeren dafür zu schenken, dass sie „eh für Gleichberechtigung“ sind – sondern an einem Punkt anzulangen, an dem das Bewusstsein über ungleiche Machtverhältnisse und wie wir diese verändern können in allen Köpfen angelangt ist.

Zuhören, zuhören, zuhören


Denn in einer Welt, in der Buben nicht weinen dürfen, in der Mädchen „zu hysterisch“ sind, in der Väterkarenz etwas ist, das belächelt wird, und in der unbezahlte Betreuungsarbeit weiterhin an Frauen hängebleibt, in der junge Männer unter dem ständigen Druck stehen, „männlich“ zu sein, in der Homosexualität und Transidentität noch immer Tabus sind, in der Frauenkörper verkauft werden – in dieser Welt ist es gut und legitim, wenn sich Männer auf die Seite der Feministinnen stellen und sagen: wir wollen das so nicht.

Also ja: kämpft mit uns und kämpft für uns. Politisch, solidarisch, verantwortungsvoll. Nur eine Bitte: enttäuscht uns nicht. Meint es auch so. Entlastet Frauen in eurem Leben, so gut ihr könnt. Prangert Sexismus an, wann immer ihr ihn seht. Nehmt uns und unsere Geschichten ernst. Seid respektvoll. Und vor allem: hört zu.

Der Autorin auf Twitter folgen: @jelenagucanin

 

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