Liebe > Geschlecht: Wie man auf Männer stehen, aber Frauen lieben kann

Julia und Shena haben eigentlich immer Männer gedatet - bis sie einander getroffen haben. Im Herbst heiraten sie und wollen damit zeigen, dass Liebe keine Labels braucht.

Julia und Shena

Julias Date mit ihm lief nicht besonders gut. So endet ihr Abend anders als geplant: mit einer Freundin in einer Bar. Auf der Tanzfläche sieht sie Shena. Sie tanzen. Später küssen sie sich - ohne viel darüber nachzudenken. Nach Ladenschluss setzt Shena Julia ins Taxi und drückt dem Fahrer mit den Worten "Bring sie gut heim!" noch 20 Euro in die Hand. Am nächsten Morgen versichert sie sich noch mal per SMS, ob Julia gut heimgekommen ist. "Alles gut", sendet Julia zurück, legt das Handy zur Seite und denkt:"Wow. Was für eine verrückte Nacht!"

Das war im September 2010. Heuer werden Julia (heute 35) und Shena (29) heiraten. Genau neun Jahre nach ihrem Kennenlernen. Neun Jahre nach dieser "verrückten Nacht", wie sie heute beide verschmitzt erzählen.

Weniger Labels, mehr Liebe

Beide, auch Shena, haben bis zu ihrem Aufeinandertreffen in der Bar eigentlich immer nur Männer gedatet. "Klar, mal aus Spaß beim Fortgehen ein Mädel geküsst" hätten sie beide. "Es ist Shena als Mensch, in die ich mich verliebt habe. Aber ich würde sagen, dass ich eher hetero bin, wenn man es unbedingt kategorisieren will", stellt Julia klar, die von Betitelungen wie hetero, homo und Co gar kein Fan ist.

Die Message der beiden ist klar: "Man verliebt sich in Menschen, nicht in Geschlechter. Wir wünschen uns, dass die Gesellschaft bei sexueller Orientierung weniger in Kategorien denkt -und Leute erkennen, dass eigene Denkmuster nicht für alle die Norm sind", so Julia.

Hin und her

Nach dem ersten Kuss wusste keine der beiden, wie die jeweils andere denkt, weshalb anfangs keine den Kontakt gesucht hat. "Nach der 'verrückten Nacht' im September habe ich Julia zu Silvester 'absichtlich-unabsichtlich' geschrieben, um Kontakt aufzunehmen", erzählt Shena heute schmunzelnd. Aus der anfangs offenen Beziehung wurde bald ernst. Das hat gut funktioniert, bis meine Eltern 2012 nach Wien gezogen sind", so Shena, deren Eltern aus Armenien kommen. "Ich wusste also: Ich muss meinen Eltern von der Beziehung erzählen, aber ich konnte nicht. Sie sind schon eher konservativ, sodass das nicht nur schwierig, sondern erst mal unvorstellbar für mich war", so Shena.

"Ich konnte das zwar verstehen, aber ich wollte nicht ewig warten", erinnert sich Julia, die im Sommer 2014 die Beziehung beendete: "Ich hatte ein Dilemma. Ich wollte immer heiraten und Kinder kriegen und dachte, meine Beziehung mit Shena führt nirgends hin. Hier sprach aber nur mein Verstand, nicht mein Herz. Im Frühling 2015 sind wir wieder zusammengekommen. Uns beiden ging es in der Beziehungspause sehr schlecht. "Beim Neustart war klar: Wir gehören zusammen. Wenn wir das noch mal probieren, dann richtig!", waren sie sich einig.

Neustart

Richtig - das heißt mit Outing, Antrag und Hochzeit. Shena hatte Julia gebeten, mit dem Antrag zu warten, bis sie ihren Eltern von der Beziehung erzählt hätte. Trotzdem machte Julia 2016 den Antrag noch vor Shenas Outing. "Ich hätte so gerne allen davon erzählt. Ich wollte es der ganzen Welt erzählen. Andererseits hätte ich das Outing ohne Antrag ewig rausgezögert", gesteht Shena sich ein. So war sie gezwungen, ihre Eltern einzuweihen.

"Zumindest zuerst mal die Mama. Sie war total lieb", erinnert sie sich und wirkt auch heute noch erleichtert. "Sie hatte bestimmt damit zu kämpfen, aber sie hat gesagt, sie liebt mich. Ohne 'trotzdem'! Das hat gut getan", erzählt sie und muss lächeln. Schließlich haben die beiden die ständigen Outings satt: "Wir outen uns jeden Tag, wenn wir neue Menschen kennenlernen", so Shena.

Auf und ab

Mit Erkenntnis vom 4. Dezember 2017 hat der Verfassungsgerichtshof jene gesetzlichen Regelungen aufgehoben, die gleichgeschlechtlichen Paaren den Zugang zur Ehe bis dahin verwehrt hatten. Seit 1. Jänner 2019 können in Österreich in Hinblick auf das Diskriminierungsverbot des Gleichheitsgrundsatzes auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Julia und Shena sei es wichtig, mit ihrer Eheschließung zu zeigen, "dass diese Gesetzesänderung auch jemand in Anspruch nehmen will".

Die Hochzeit sei für Julia aber vor allem auch ein "Dankbarkeitsfest" für ihre WegbegleiterInnen. "Wir wollen keine Gäste, die an der Beziehung zweifeln oder nicht hinter uns stehen." Keine Menschen, die Klischees bedienen und ihnen bis heute Fragen stellen wie:"Wer ist bei euch der Mann?" "Kommentare wie 'Schade für die Männerwelt!' nerven; dieses Labeldenken. Wozu muss man Liebe in Kategorien einteilen?"

Ein letztes Outing

Bis das Kategoriedenken aus den Köpfen draußen ist, sieht Shena die Hochzeit als ihr "letztes offizielles Outing". Ihr Papa weiß mittlerweile von der Beziehung, aber noch nicht von der Hochzeit. Möglicherweise erfährt er es jetzt gerade über diesen Text hier. Shena ist aber sicher: "Er wird zur Hochzeit kommen. Als ich ihm von der Beziehung erzählt habe, hat er - zwar sehr nüchtern, aber immerhin - gesagt: 'Das ist okay für mich, wenn ihr euch wirklich liebt.'" Und das tun sie.

Update: Julia und Shena haben mittlerweile geheiratet.

 

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