Liebe Eltern, entspannt euch!

Kein Zucker für Dreijährige, kein Nutella zum "Brunch": WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peters schonungslos ehrliche Bitte an die Mütter und Väter dieser Welt.

Vermutlich werden mich sämtliche Mütter hassen. Vermutliche werde ich auch keine Freunde mehr haben. Aber hey: No risk, no fun! Genau das gilt auch für eure Kindererziehung!

"Wir essen keinen Zucker!"

Magst probieren?" Ich halte Mona mein Nutella-Semmerl hin. Ihre Mutter sieht mich an, als hätte ich der Dreijährigen angeboten, sich einen Joint mit mir reinzuziehen. "Wir essen keinen Zucker!" Richtig! Wir schauen auch nicht Teletubbies, sondern gehen zum Kinderausdruckstanz. Wir essen keine Zuckerwatte im Prater, sondern besitzen eine Kinderjahreskarte im Kunsthistorischen Museum. Wir spielen auch nicht mit minderwertigem Plastikspielzeug, sondern vergnügen uns mit naturbelassenem, biologisch angebautem, in der richtigen Mondscheinphase geschlägertem und über kurze Transportwege geliefertem Holzspielzeug. Wer es wagt, uns als Mädchen mit rosaroten T-Shirts oder Puppen zu beschenken, und sich dann noch erdreistet, uns als "Prinzessin" zu betiteln, wird auf die Schlachtbank des Antisexismus gezerrt.

Wenn Dreijährige vom "Brunchen" reden

Mona, meine Lieblingsdreijährige - darf ich das überhaupt sagen oder belege ich das Kind dadurch mit einer zu großen Erwartungshaltung, der es nicht gerecht werden kann, wodurch es später Defizite in seiner Persönlichkeitsentfaltung erfährt und so automatisch in die verpönte Rolle der Angepassten schlüpft, die um jeden Preis gefallen will? - schaut trotz des Zuckerverbots der Mutter mit sehnsuchtsvollem Blick auf mein schokoladenbekleistertes Semmerl; im linken Mundwinkel ein kleines Speicheldepot. "Nur kosten!", versuche ich, Frau Mama zu überreden. Und was kommt in dem Moment aus dem Mund der kleinen Mona? "Nicht zum Brunch!" Ha! Eine Dreijährige, die das Wort "Brunch" verwendet. Ist das noch normal? In Bobostan vermutlich schon.

Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich finde das alles total richtig. Mädchen frei von Rollenklischees zu erziehen. Darauf zu achten, dass Kinder ausgewogen essen. Ihren Geist zu fordern und zu fördern. Aber bitte: Greifen wir uns manchmal nicht selbst ans Hirn?

Was tun wir uns und unseren Kindern da an?

Was tun wir unseren Kindern da eigentlich an mit unserem Überperfektionismus? Was tun wir uns selbst an im Bestreben, "nur das Beste für unser Kind" zu wollen? Armin etwa, bekennender Stadtmensch, tingelt seit der Geburt seines Sohnes täglich über eineinhalb Stunden in die Arbeit, nur damit sein Junior selbst angebauten Brei aus dem Garten essen kann und Landluft seine Lungen füllt. Armin ist kreuzunglücklich, aber wiederholt bei jedem Treffen brav sein Mantra:"Wir lieben das Leben auf dem Land!" Gisela, Mama von zwei Kindern, seit Wochen nicht gesehen - sie plant die Geburtstagsparty ihrer Zwillinge. Ein Projekt! Ein Clown ist so "old school", es muss ein Mentalmagier sein. Und ein DJ ist Standard. Auf einer Kinderparty?! Es gibt sogar ein Goodie-Bag! Ich mein: Seriously? Lasst uns zurückdenken an die Strandtage in Lignano: Wo wir uns ausgegrabene Zigarettenstummel in den Mund gesteckt haben, um sie anschließend mit picksüßem Cola vom Cocobello-Verkäufer (dem Handlanger des US-Konzernimperialismus) runterzuspülen. Wer von uns wurde deshalb zur Kettenraucherin oder einem Colajunkie? Amen.

olivia.peter@wienerin.at

 

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