Liebe am Arbeitsplatz: Kann das funktionieren?

Jede vierte Beziehung beginnt am Arbeitsplatz. Und ist Experten zufolge auch besonders stabil. Aber was passiert, wenn statt Funken irgendwann nur noch Giftpfeile ­zwischen Kopierer und Kaffeeautomat fliegen?

Das Büro ist die Kontaktbörse Nr. 1. – jede vierte Beziehung beginnt am Arbeitsplatz. Und Experten sind sich sicher: Hier entstandene Verbindungen sind besonders stabil, denn man weiß schon recht gut, wen man da bekommt. Doch wenn eines Tages statt Funken nur noch Giftpfeile ­zwischen Kopierer und Kaffeeautomat fliegen, wird’s für mehr als nur die beiden Ex-Partner mühsam. Lesen Sie hier, wie die Office-Liebe klappen kann. Und was man vermeiden sollte. >

"Es war schon prickelnd, die Geheimnistuerei. Zumindest für die ersten zwei Monate“, erzählt Robert. Sie geht vor, er kommt nach, sie treffen sich ein paar Häuser weiter um die Ecke. Die Geschichte von Tina und Robert beginnt im Großraumbüro. Man bespricht gemeinsame Projekte, trifft sich in der Küche, findet sich nett. Die beiden verabreden sich und kommen einander privat näher.
Für sie ist von Anfang an klar, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen. Denn: Tina und Robert stammen nicht nur aus derselben Firma, sondern auch aus zerstrittenen Abteilungen. Die Befürchtung, dass einem der beiden Nachteile daraus entstehen könnten, ist groß. „Es war weniger die Angst vor dem Gerede als die persön­liche Situation in der Firma“, sagt er. „Ich wollte es geheim halten, um mir im Falle einer Trennung die blöden Kommentare der Kollegen zu ersparen.“ Und Tina ergänzt: „Für mich galt immer: ‚Never fuck the company.‘“ Dennoch kommt es anders.

Gelegenheit macht Liebe

Mit ­ihrer Liebesgeschichte reihen sich Tina und Robert unter tausende ­andere Paare ein. Fast jedes vierte lernt sich nämlich am Arbeitsplatz kennen. Für die Berliner Buchautorin und Führungskräfte-Coachin Meike Müller ein leicht zu erklärendes Phänomen: „Gelegenheit macht Liebe“, sagt die Autorin des Buches Rendezvous am Arbeitsplatz. Unser Berufs­leben verlangt heute viel Flexibilität: Abendtermine, Dienstreisen, Projekte am Wochenende. Und dabei hat man die Möglichkeit, die Kollegen auch von ihrer privaten Seite kennenzulernen.
Angenehmer Nebeneffekt: Man kennt den zukünftigen Partner schon recht gut. Deshalb wird Beziehungen, die am Arbeitsplatz entstehen, auch besondere Stabilität nachgesagt. „Es gibt einen gewissen Abklopffaktor“, so Müller. Man weiß, wie der andere mit Kritik umgeht, wie er leidet, wenn er krank ist, und auch, ob er unter Zeitdruck noch ein nettes Lächeln übrig hat. Das kann auch Tina nur bestätigen: „Man kennt sich schon auf mehreren Ebenen. Ich weiß, wie Robert agiert, und erlebe in der Beziehung keine bösen Überraschungen.“
Ein weiterer Vorteil, wenn man nicht nur Bett, sondern auch Dienstgeber teilt: Man weiß, wie Firma und Kollegen ticken, und der Partner hat mehr Verständnis, wenn das Abend­essen wegen Überstunden flachfällt.


Geheimnisträger-Paar

Doch so aufregend das wohlgehütete Geheimnis anfangs auch sein mag, irgendwann wird es auch anstrengend. „Wir haben drei Jahre lang nie Händchen gehalten auf der Straße – aus Angst, es könnte uns jemand aus der Firma sehen“, sagt Robert. „Es war ein Pakt, den wir geschlossen hatten.“ Und dieses Geheimhalten erfordert Disziplin und Verzicht. Die beiden meiden jahrelang Orte, an denen sie möglicherweise jemand aus der Arbeit sehen könnte. „Für mich war klar: Ich will den Tratsch nicht und mich auch nicht dafür rechtfertigen müssen, was ich privat tue“, sagt Tina.
Täglich mit zwei Autos in die Arbeit, wohnen an zwei Adressen, obwohl er kaum mehr in seinen eigenen vier Wänden schläft, Urlaub um ein paar Tage versetzt. Kann das auf Dauer gutgehen? Geheimhalten oder hinausposaunen? Was sagt die Expertin? Meike Müller empfiehlt: „Bitte nicht sofort ans schwarze Brett hängen.“ Sie rät, etwa drei Monate zu warten, bevor man die Liaison öffentlich macht. Dann kann man meist schon abschätzen, ob es sich um etwas Ernstes und nicht bloß um ein Strohfeuer handelt.

Wenn es eine Affäre ist, dann so lange wie möglich geheim halten.

Doch selbst bis dahin ist es mit dem Geheimhalten so eine Sache, denn die Kollegen sind ja nicht dumm und ­riechen den Braten meist schon viel früher. Wenn jemand vorher fragt und man selbst noch unsicher ist, dann rät die Expertin zur diplomatischen Ehrlichkeit. Auf die Frage „Sag mal, läuft da was zwischen dir und dem S.?“ könnte die Antwort lauten: „Ich finde, er ist ein angenehmer Kollege.“ So vermeidet man den Erklärungsnotstand, wenn sechs Monate später die Hochzeitsglocken läuten.
Auch Robert wird eines Tages von einer Kollegin angesprochen. „Ich war mit Tina abends in einem Club. Wir waren unvorsichtig, haben wild geknutscht, wie Teenager halt. Da hat uns wohl die M. aus dem Marketing gesehen“, schildert er. Als diese ihn Tage später ungeniert darauf ­anspricht, lügt er ihr beinhart ins ­Gesicht: „Ich habe es abgestritten.“ Und die Wachsamkeit der beiden verschärft sich dadurch nur noch mehr.


Soll es der Chef wissen?

Ob man will oder nicht, in manchen Situationen hat es die Firma sehr wohl zu interessieren, ob die Mitarbeiter auch ihr Bett miteinander teilen, etwa dann, wenn die Konstellation hierarchisch ist, also der Chef mit der Sekretärin oder die Teamleiterin mit dem Mitarbeiter liiert ist. Was dann tun? „Wenn es nur eine Affäre ist, dann so lange es geht geheim halten und diskret handhaben“, sagt Müller. Wird daraus etwas Festes, sollte es der Höhergestellte bei seinem Vorgesetzten öffentlich machen. Als Führungskraft ist man in vertrauliche Prozesse eingeweiht, hat Zugang zu Interna, da entsteht schnell die Angst, dass Infos nicht mehr sicher sind. „Der Vorstand sollte nicht von der Putzfrau erfahren, dass sein Geschäftsführer mit einer Mitarbeiterin liiert ist.“ Die Frage ist dann, ob das im Team noch tragbar ist oder eine Versetzung nicht Sinn ergeben würde.


Strenge USA, liberales Österreich?

Arbeitsrechtlich gesehen darf in Österreich ein Dienstgeber die Beziehung zwischen Mitarbeitern nicht verbieten. Während amerikanische Firmen krampfhaft nach Lösungen für das „Liebes-Problem“ am Arbeitsplatz suchen und teilweise sehr restriktiv vorgehen, gehen heimische Unternehmen scheinbar ganz locker damit um. „Bei uns gibt es keine Richtlinien“, heißt es etwa bei Austrian Airlines. Die Erste Bank mit mehr als 14.000 Mit­arbeitern in Österreich regelt Verwandtschaftsverhältnisse im Kollektivvertrag. Eltern und Kindern, Geschwistern oder Ehepartnern ist es nicht gestattet, in einer gemeinsamen Abteilung zu arbeiten. Kommt es zu einer Liebesbeziehung zwischen Kollegen einer Filiale oder Abteilung oder verlieben sich Führungskraft und untergebener Mitarbeiter, wird nach einer Lösung gesucht. Aber nicht Kündigung, sondern Versetzung, wie eine Unternehmenssprecherin betont.
Juristin Doris Rauscher-Kalod, ­Leiterin der Abteitung Arbeits- und ­Sozialrecht in der Arbeiterkammer Niederösterreich, sieht in Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz kein rechtliches Problem: „Bei uns in der Beratung ist das kein Thema, zumindest nicht, wenn eine Beziehung beginnt.“

Ein striktes Durchgreifen des Dienstgebers ist nur dann unausweichlich, wenn sich die Liebenden unprofessionell verhalten und die ­Arbeitsleistung darunter leidet. „Habe ich eine Beziehung im Job, muss ich meine Arbeitsleistung dennoch erbringen, sonst gibt es alle Konsequenzen, die das Recht ermöglicht“, erklärt die Juristin. Und darunter fällt auch die Kündigung. Man muss Privates vom Beruflichen also sehr gut trennen können. Händchen halten, Knutschen oder Streitereien im Büro sind tabu.
Unbeliebt machen sich Pärchen-Kollegen auch, wenn sie sich isolieren und mittags allein zum Italiener um die Ecke anstatt mit den Kollegen in die Gemeinschaftskantine gehen.

Händchen halten, Knutschen oder Streiten im Büro sind tabu.


Und besonders Frauen sind gefordert, nicht in der „Wir-Form“ zu sprechen. Immer wieder kommen Coachin Müller Fälle unter, in denen sich Frauen zu sehr an die Meinung des Kollegen-Mannes anlehnen und plötzlich ihre Eigenständigkeit verlieren. Das kann zum Karriereproblem führen.

Abstand suchen nach „Aus“

Wirklich problematisch wird es dann, wenn die Beziehung nicht funktioniert, besonders, wenn die Hierarchieebenen der beiden Partner stark unterschiedlich sind, also z. B. die Frau im Betrieb des Mannes mitarbeitet. Wenn das in die Brüche geht, dann wird es schwierig, eine Regelung zu finden.
Eines Tages ist es auch für Tina und Robert so weit. Geheimhalten ist nicht mehr länger nötig. Einer geht.
Und wenn es in der Beziehung kracht, dann wird es schwer. Wer sich Bett und Schreibtisch teilt, hat kaum noch Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Die Vorstellung, mit dem Ex zusammenzuarbeiten, ist weit weniger prickelnd, als es einst die Vorstellung war, mit dem Kollegen aus der Buchhaltung im Kopierkammerl zu verschwinden. Und sind einmal negative Emo­tionen da, ist es meist nicht mehr möglich, vernünftige Überlegungen anzustellen. Die Expertin rät klar: Abstand suchen. Das kann unbezahlter Urlaub, ein Sabbatical oder eine Versetzung sein.
Bei Robert und Tina war der Bruch übrigens keine private Trennung: ­Robert ging, weil er gekündigt hatte. Die beiden heiraten und heute trägt sie seinen Nachnamen. Spätestens jetzt wissen alle Bescheid.

Darf der Chef ­dagegen sein, wenn sich Mitarbeiter verlieben?
Im Grunde genommen ist jeder in der Wahl des Partners frei. Das bedeutet, es ist nicht zulässig, Rege­lungen aufzustellen, die Beziehungen der Mitarbeiter verbieten, oder diese zu kündigen. Versetzungsmöglichkeiten zu prüfen ist hingegen schon okay. Problematisch wird es eher bei Hierarchieverhältnissen (Chefin mit einem Mitarbeiter). Dass ­Unternehmen solche Liebschaften nicht so gern ­sehen, ist schon nachvollziehbar.

Muss ich meine ­Beziehung dem Unternehmen melden?
Generell nicht. Als Arbeitnehmer habe ich aber eine „Treuepflicht“ dem Dienstgeber gegenüber. Das bedeutet, den Dienstgeber über Vorgänge zu informieren, die für ihn von Interesse sind. Dass einer seiner Geschäftsführer mit einer Mitarbeiterin aus demselben Team ­liiert ist, fällt da hinein. Umgekehrt hat ein ­Arbeitgeber auch eine „Fürsorgepflicht“ den Angestellten gegenüber. Das heißt, er hat darauf zu achten, dass die Mitarbeiter gesund bleiben. Wer seine Pflichten verletzt, hat mit Konsequenzen zu rechnen.

 

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