Leyla Hussein: "Genitalverstümmelung ist ernsthafter sexueller Missbrauch"

Als Kind wurde sie selbst verstümmelt - heute kämpft Leyla Hussein (38) weltweit gegen diese Form von Missbrauch an Mädchen.

[Triggerwarnung, Gewalt: im Text wird die Vorgangsweise von Beschneidungen beschrieben.]

Leyla Hussein nimmt eine Schere. Und sie schneidet. An einer Vulva aus Knetmasse. Zuerst entfernt sie den sichtbaren Teil der Klitoris, dann die inneren Schamlippen und schließlich auch die äußeren. Die Gruppe junger Männer, denen die Therapeutin und Aktivistin vorführt, wie eine weibliche Genitalverstümmelung vor sich geht, ist schockiert. „Das ist Folter“, sagt einer davon. "Sie sind doch noch Babys!", ein anderer. Und doch wird diese Folter weiterhin praktiziert, wie Hussein als Protagonistin des Dokumentarfilms „Female Pleasure“ eindrücklich zeigt.

Genitalverstümmelung betrifft schätzungsweise 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit. Die gewaltvolle und oft tödliche Praxis wird trotz Verboten in vielen Ländern weiterhin durchgeführt und hat weitreichende physische und psychische Folgen für die Betroffenen. Wir haben die Aktivistin Leyla Hussein zum Gespräch über Gewalt gegen Frauen und das Tabu weibliche Lust getroffen.

Leyla Hussein

Im Film "Female Pleasure" sagen Sie deutlich, dass Genitalverstümmelung keine "kulturelle Praxis" ist - sondern Missbrauch. Sollte sich die öffentliche Diskussion mehr darum drehen?

Ernsthafter sexueller Missbrauch bei Kindern, ja. Wenn man es „kulturelle Praxis“ nennt, verharmlost man damit, was den Kindern passiert. Weil die Welt es als „afrikanisches“ Problem sieht, findet sie okay, es als kulturelles Problem abzustempeln. Ich verspreche Ihnen: wenn weiße Mädchen verstümmelt werden würden, würden sie es nie „kultureller Brauch“ nennen. Was ich damit sagen will: Rassismus spielt hier eine Rolle. Wir sollten es als das begreifen, was es ist – unabhängig davon, welche Hautfarbe die Gewaltopfer haben. Man sollte auch andere Gewaltformen nicht „kultureller Brauch“ nennen. Sprache ist sehr wichtig. Und die Benennung von Tatsachen.

Das Problem der Genitalverstümmelung muss also weiter gefasst werden?

Ja. Im Wesentlichen geht es bei der Genitalverstümmelung darum, die weibliche Sexualität zu kontrollieren. Frauen rein, sauber und jungfräulich zu halten – für ihre zukünftigen Ehemänner. Frauen sollen Sex nicht genießen, das ist das Ziel.

Die #metoo-Bewegung war toll, aber sie war toll für weiße Frauen. Und das obwohl Schwarze Frauen das schon seit einiger Zeit sagen.

von Leyla Hussein

Sie sind selbst eine Überlebende - und arbeiten auch mit anderen Überlebenden von Genitalverstümmelung. Was versuchen Sie den Frauen zu vermitteln?

Ja, ich bin Psychotherapeutin und arbeite jeden Tag mit Überlebenden von Genitalverstümmelung. Sie haben unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Altersgruppen. Was ich versuche, den Frauen zu verstehen zu geben, ist: das ist keine kulturelle Praxis, das ist Missbrauch, den sie erlebt haben. Jeder, der deine Genitalien ohne deine Zustimmung berührt, begeht Missbrauch. Und oft dauert es viele Jahre, bis Frauen das als sexualisierte Gewalt erkennen.

In einer Szene im Film schneiden Sie an einer Vulva aus Knetmasse herum - das Publikum ist sehr schockiert. Manche Frauen weinen. Andere sind sprachlos und schockiert. Sind das Reaktionen, die Sie häufig bekommen, wenn sie vorführen, wie FGM (Female Genital Mutilation) funktioniert?

Ich sehe solche Reaktionen sehr oft, ja. Es ist nämlich nicht das Gleiche, ob Menschen etwas über Genitalverstümmelung lesen, oder ob sie es tatsächlich sehen. Das Visuelle ist sehr wichtig, und ich kann garantieren, dass jedes Mal, wenn Menschen das sehen, es sie sehr stark trifft. Sie denken über ihre eigenen Kinder nach, über jemanden, den sie kennen, und einige der Frauen, die es selbst erlebt haben, haben bisher noch nicht so darüber nachgedacht. Wenn sie dann zum ersten Mal wirklich sehen, was ihnen zugefügt wurde, ändert das sehr viel.

Das heißt, betroffene Frauen verstehen manchmal erst dann, was ihnen angetan wurde?

Das gilt für alle Frauen, denen sexualisierte Gewalt zugefügt wurde. Alle reagieren sehr stark auf dieses Video. Daran sieht man, dass Genitalverstümmelung sexueller Missbrauch ist und sich - was die traumatisierenden Folgen betrifft - nicht von anderen sexualisierten Gewaltformen unterscheidet.

Warum gibt es so wenig Wissen über den Vorgang und auch die gesundheitlichen Folgen?

Weil wir Politiker haben, denen das Thema komplett egal ist. Global gesehen leben wir in einer patriarchalen Welt, die von Männern geführt wird. Unglücklicherweise leben wir auch in einer Welt, in der es zu wenig Ausgaben für Frauen- und Mädcheninteressen gibt. Der Grund, warum niemand über diese Themen erfährt, ist, dass Frauen der Welt im Grunde genommen egal sind. Bis sich da politisch nichts ändert, wird sich gar nichts ändern. Wir müssen sicherstellen, dass Gewalt gegen Frauen in Schulen thematisiert wird. Es sollte keine Wahl geben, sondern einfach Teil des Stundenplans. Die Tatsache, dass die Klitoris als Lustorgan in Österreich, in der Schweiz, in Großbritannien nicht einmal in den Schulbüchern auftaucht, ist einfach verrückt. Das ist das wahre Problem. Bis sich das nicht ändert, wird es auch Genitalverstümmelung und andere Formen der Gewalt geben. Wir kreieren ein Umfeld, in dem Frauen die Verliererinnen sind.

Während der #metoo-Bewegung sind viele Geschichten von sexualisierter Gewalt an die Öffentlichkeit gekommen - wurden die Geschichten von Women of Colour gleichberechtigt ernstgenommen und gehört?

Absolut nicht. Die #metoo-Bewegung wurde ja von einer Schwarzen Frau gestartet. Aber es hat niemanden interessiert, als sie es gesagt hat. Als es dann weiße Frauen ausgesprochen haben und damit an die Öffentlichkeit gingen, war es Thema. In der Realität, in der wir leben, ist es wahnsinnig wichtig, dass weiße Frauen ihre Plattformen gut nutzen. Was weiße Frauen also machen müssen, wenn sie diese Plattform haben: Women of Colour auf diese Bühne mitnehmen. Weil Schwarze Frauen schon immer #metoo gesagt haben – es wurde nur nie ernst genommen. Die Reaktion, die wir bekommen haben, war: „Es ist Teil eurer Kultur, was euch passiert.“ Es ist nichts „ehrenhaft“ daran, Mädchen zu töten. Es ist Mord. Es ist nichts „häuslich“ an häuslicher Gewalt. Es ist Gewalt. Genitalverstümmelung ist sexueller Missbrauch gegen Kinder. Wenn du aber eine andere Hautfarbe hast, dann reagiert das System anders auf dich. Die #metoo-Bewegung war toll, aber sie war toll für weiße Frauen. Und das obwohl Schwarze Frauen das schon seit einiger Zeit sagen – es hat sie nur niemand gehört. Wir müssen auch immer über Rassismus sprechen bei solchen Dingen.

Welche Folgen hat Ihr Aktivismus und Ihre Öffentlichkeit auf Ihr Privatleben?

Ich werde nicht für viele Jobs eingestellt. Ich bin finanziell also nie sicher. Ich bekomme Gewaltdrohungen und wurde auch schon körperlich attackiert. Ich musste ein paar Mal umziehen, meine Adresse ist momentan geschützt. Niemand weiß, wo ich lebe. Ich trage immer einen Alarm mit mir herum. Das hat auch Auswirkungen auf meine 16-jährige Tochter. Ich bin die ganze Zeit besorgt. Erst kürzlich wollten wir uns treffen und sie hat 20 Minuten lang nicht vom Handy abgehoben und ich bin sofort in Panik ausgebrochen. Denn ich kriege auch Drohungen mit „Wir werden dein Kind verstümmeln.“ Es ist eine konstante Gefährdung. Meine ganze Arbeit dreht sich darum, dass Frauen sexuelle Freiheit erlangen. Und es gibt nicht viele muslimische Frauen, die das öffentlich sagen. Und ich bin eine, die klar sagt: Frauen haben das Recht, Sex zu genießen, und niemand sollte diktieren, wie das auszusehen hat.

Zur Person

Leyla Hussein kämpft heute als Psychotherapeutin und Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung in Europa und Afrika und tritt vor der UNO und dem Englischen Parlament auf, um die Situation gefährdeter Mädchen, auch in Europa, endlich erfolgreich zu verändern. Sie hat The Dahlia Project gegründet, ein Therapieprojekt für Opfer von Genitalverstümmelung.

 

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