Leserinnen schreiben: Kuhtherapie gegen Burnout

Leserin Antonia Pichler hat den vergangenen Sommer auf einer Alm im Pinzgau verbracht. Und zwar als Sennerin mit Babybauch, denn sie wollte einmal reine Hand-, statt Kopfarbeit machen. Für sie war das der letzte Schritt, um nach einem Burnout wieder gesund zu werden. Ihre Erfahrungen hat sie für die WIENERIN niedergeschrieben.

Es ist Samstag, 06.00 Uhr. Der Wecker auf der Alm kennt kein Wochenende, summt seine Melodie und treibt meinen inneren Schweinehund aus dem warmen Bett in die feuchtkalten Gummistiefel. Ein kurzer Blick auf das satte Morgenrot stimmt mich versöhnlich – der Hund ist weg, der Geist ist wach. Dafür, den Moment in Ruhe einzufangen, bleibt nur wenig Zeit. Mit einem ungeduldigen „Mmmmuhh“ mahnt mich die gefleckte Dame Nr. 10 zur Eile. Ihre prallen Euter lechzen nach Erleichterung. Ab in den Stall – zum Füttern, Melken, Kuhmist schaufeln – und willkommen mitten im Almleben.

Antonia Pichler beim Melken


Zuhause würde ich jetzt vorsichtig blinzeln, der Welt da draußen die tuchentwarme Schulter zeigen und später mit meinem Liebsten einen feinen Espresso mit Milchschaum schlürfen… Warum ich mich freiwillig täglich um sechs aus meinen bescheidenen 90 Zentimetern Schlafstätte in die Latzhose quäle? Meine Kunden vorübergehende gegen Kühe getauscht habe? Meine Hände zum runzligen Geschirrspüler mutieren lasse? Weil das Leben ein Abenteuer ist, in dem ich gewohnte Pfade verlassen muss, um neue Horizonte zu entdecken. Und weil es oft die unbequemen Dinge sind, die einen wirklich weiterbringen.

Antonia Pichler auf der Alm
Antonia Pichler auf der Alm


Wer jetzt von einer entspannten Auszeit auf der Alm träumt, bleibt besser im gemütlich weichen Doppelbett daheim. Die vierzehnstündigen Arbeitstage sind dicht bepackt mit unbequemen Herausforderungen und Entbehrungen. Nach zwei Tagen ist mir einigermaßen klar, wie die Kuh läuft – ich kann melken. Die Hände schmerzen, die Beine sind schwer und ich fühl mich so richtig… großartig. Der Kopf ist frei, mein Nacken unbekannt unverspannt. Das Gedankenkarussell dreht sich ohne mich, das Kopfkino hat einen Gast weniger. Ich lebe im Jetzt, hab keine Zeit für Zukunftshirngespinste und Vergangenheitshaderei. Mein Verstand hat sein Ego-Gehabe angesichts der Berggipfel und Kuheuter aufgegeben. Da purzeln sie den Hang hinuntner, die Problemluftschlösser und Sorgenklötze, die mir sonst so gerne im Weg rumstehen.

Alm

Es sind die einfachen Dinge, die das Almleben prägen: Melken, Essen kochen, Feuer machen, Kuchen backen, hungrige Tiere und Wanderer versorgen, mähen, sauber machen, melken…

Mit jedem Handgriff komm ich mehr zur Ruhe, lerne Gelassenheit, kippe den Perfektionismus auf den Misthaufen und nehme die Dinge wie sie sind. Es ist mein ganz persönliches Burnout Reha-Zentrum auf 1.350 Metern. Gruppentherapie im Kuhstall, einfach und wirkungsvoll.

Nein, Gerti, Fleckerl & Co. sind kein Ersatz für eine gute Therapeutin. Den Ursachen für meinen Seelenbrand musste ich in harter, monatelanger Arbeit schon selbst auf die Spur kommen. Aber es ist das Tüpfelchen auf dem „Ich“, der Schlagobers zum Therapie-Strudel, der mich wieder auf den Gipfel meines Selbst klettern lässt. Ich bin wieder da, es geht mir gut, ich bin gesund, ich lebe.

Als die Melkmaschine an einem frostigen Dienstag Morgen nach getaner Arbeit auf mein Geheiß verstummt, scheint es ein Tag wie jeder andere. Alles nimmt seinen Lauf und doch bin ich eine andere geworden. Wehmütig und vorfreudig räume ich meine letzten Sachen aus der Hütte, mache mich auf zurück in mein „reales Leben“, vollbepackt mit unvergesslichen Eindrücken und wertvollen Erkenntnissen. Ein letztes Mal fällt die Tür zu meiner Sennkammer knarrend ins Holzschloss – als es zart an meine Bauchdecke klopft. Das kleine, ein Kilogramm schwere Wunder in meinem Leib wächst und gedeiht… und ich weiß, es ist alles gut, ja, es wird noch besser.

Über die Autorin:

Antonia Pichler ist 31 Jahre alt, verheiratet und Teil einer Patchwork-Familie. Ihr Mann hat bereits drei Kinder, das erste gemeinsame Baby kommt demnächst.

Sie arbeitet als selbständige Texterin und Kommunikationsstrategin.

Web: www.kommpott.at

 

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