Lernen von der Queen

Sie zelebrieren das Frausein, ohne eine Frau zu sein: Dragqueens sind stark, selbstbewusst und extrem trickreich beim Schminken. Da können wir wohl noch alle was dazulernen ...

LayDee Kin-Mee jodelt. Damit wurde sie berühmt. Darauf gründet ihre Karriere. Oder seine? Der Australier Jace (34) erfand sich vor zehn Jahren für die Bühne neu. Mithilfe einiger Schichten Make-up, ausladender Perücken und paillettenbestickter Kleider wurde aus dem Mann eine glamouröse Frau. Oder besser gesagt: eine Dragqueen.

Frau sein oder nicht sein

Der Begriff Drag entwickelte sich, so die Legende, zu Zeiten William Shakespeares. Mitte bis Ende des 16. Jahrhunderts durften nur Männer Theater spielen und übernahmen auch die Frauenrollen. Ob das Wort nun vom Schleifen ("to drag") der Roben über den Bühnenboden kommt oder eine Abkürzung von "Dress as a Girl" ist, ist umstritten - Fakt ist: Männer, die sich bühnenreif als Frau stylen, nennen sich Dragqueens, Frauen, die sich als Männer inszenieren, Dragkings. Wer Genderstereotype vermeiden will, sagt am besten Drag Artist.

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Aber zurück zu LayDee KinMee: Die Künstlerin ist auf Wienbesuch, aus beruflichen und privaten Gründen: Es sind die Wochen der Europride, eines weltweiten Events für Aufklärung und Toleranz rund um gleichgeschlechtliche Liebe, Trans-und Intersexualität. Fast einen Monat lang jagt eine Veranstaltung die nächste. Ein Highlight neben Life Ball und Regenbogenparade ist das Vienna Boylesque Festival, eine Bühnenshow, bei der Boys genauso wie Girls Burlesque tanzen. Dazwischen geben sich Performer wie (Conchita) Wurst und LayDee Kin-Mee das Mikrofon in die Hand. Letztere erzählt, nachdem sie mit Gesang und genialem Gejodel das Publikum begeistert hat: "Für mich ist Drag eine künstlerische Ausdrucksform und eine Erweiterung meines Selbst. Ich habe da keinen fiktiven Charakter erfunden, sondern das bin wirklich ich -nur größer. Drag verscheucht meine Unsicherheit, nimmt mir die Angst und gibt mir Kraft."

Ganz ähnlich geht es Oliver (20) und Yessi (30). Beide bewarben sich unabhängig voneinander unter ihren Künstlernamen Ferah Vega und YeYe Uniquee als WIENERIN Covermodel. Beide sind Teil einer jungen Generation von Drag Artists, die immer selbstverständlicher starre Geschlechtergrenzen überbrückt. Sei es, weil sie auch als Männer bei Make-up und Mode aus dem Vollen schöpfen wollen, weil ihnen die Show Spaß macht oder weil sie neben den männlichen auch ihre weiblichen Anteile ausleben wollen. Manche wären tatsächlich gerne Frauen; viele stehen auf Männer, aber nicht alle, und es gibt sogar Frauen, die dann Faux Dragqueens heißen. Die Beweggründe sind so bunt wie die Szene selbst.

The Queen has arrived!

Oliver geht prinzipiell gerne geschminkt aus, bei wichtigen Events kommen High Heels, Perücke und ein passendes Outfit dazu. Er sagt: "Ich empfinde es als Kunst, sich so zu verwandeln. Ich habe zwei Jahre lang probiert und geübt, um meinen Stil zu finden und ihn zu perfektionieren. Erst dann habe ich mich rausgetraut. Auch jetzt braucht der Prozess drei Stunden." Yessi aka YeYe Uniquee beschreibt: "Ich kann den Moment ganz genau festmachen, an dem bei mir die Fantasie wahr wird: Bei den letzten Schritten - also beim Wimpernkleben, Perückeaufsetzen, Nägelmachen -explodiert es in mir und Uniquee ist da. Halleluja!" Er erzählt: "Als Mann bin ich schüchtern. Drag ist die Seite von mir, die sich traut und sagt: 'Mir ist es egal, was andere denken!'"

Drag Queen Vienna Boylesque Festival

Auf die Frage, woher der Kraftschub wohl kommt, meint er: "Man spielt schon eine Rolle. Die Perücke, das Make-up und die Pailletten sind eine Art Schutzschild." Yessi empfindet Drag als Ehrerweisung an die Frauen: "Natürlich geht es mir um die Liebe zu Make-up und Mode, aber es ist auch eine Hommage an meine Mutter. Wir sehen uns sehr ähnlich und haben dieselben Stylevorlieben à la glitzernde karibische Latina. Sie findet super, was ich mache. Allgemein bekomme ich viel Unterstützung von den Frauen in meiner Umgebung." Trotzdem haben sowohl Oliver als auch Yessi Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht: Männer in Frauenkleidern werden immer noch schräg angesehen, aber es wurde in den letzten Jahren deutlich besser. Als Show-Act sind Dragqueens dank Fernsehserien wie Ru PaulsDrag Race und Promis wie Wurst mittlerweile auch in Österreich sehr beliebt.

Die Kraft des Make-ups

Was können Frauen nun von Dragqueens lernen? Da gäbe es einige Make-up-Tricks -siehe Kasten rechts. Und LayDee KinMee sagt zum Schluss: "Frauen kommen oft zu mir und bewundern, dass ich 'so schön und glamourös' aussehe. Ich denke mir dann oft, gerade sie können das doch auch! Aber vielleicht trauen sie sich nicht oder nehmen sich zu wenig Zeit für sich. Ich finde, Frauen sollten die Gelegenheit nutzen und Glamour in ihr Leben holen, wenn sie sich das wünschen; etwas machen, das sie nicht immer machen, sich schminken lassen, ein tolles Kleid kaufen und schön ausgehen -einfach nur, um sich wohlzufühlen!"

 

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