Leichter leben: Bewegung im Feldenkrais

Keine Schweißperlen. Und trotzdem über den Körper ein neuer Mensch werden. Falsche Haltungen ablegen, den Kopf befreien, die Seele erleichtern. Eine neue Wunderpille? Nein, bloß die Lehre vom Lernen – genannt Feldenkrais-Methode.

Ein Kreuz ist ein Kreuz.

Und dann hätte ich noch eine Stelle am linken Fußballen, die sich immer verkrampft, und das rechte Knie mag partout keinen Schneidersitz, und ... und ..."

Die Lady mir gegenüber schmunzelt. Sagt: "Stehen Sie einmal auf." Ich stehe auf. Sie geht um mich herum, schaut, sagt: mmmhmh. Dann stupst sie mich plötzlich in die Kniekehle, woraufhin ich fast das Gleichgewicht verliere. "Ja, das sind die Kreuzschmerzen. Weil Ihre Beine hinten überstreckt sind, sind die unteren Rückenmuskeln verkürzt." Aha. Und nun?

Hinlegen. Bequem, auf ein Massagebett, mit einer Rolle unter den Knien. Damit die Schwerkraft so gut wie ausgeschaltet ist, erklärt die Frau namens Livia Calice, Feldenkrais-Lehrerin von Beruf. Dann geht sie meinen gesamten Körper durch. Nimmt Füße, Beine, Arme, den Kopf sanft in ihre Hände und bewegt und schaukelt und dreht sie in verschiedene Richtungen. Nichts davon tut weh, auch wenn ich in manchen Gelenken Widerstand spüre, größere Bewegungen mitzumachen.

Anfänglich, wohlgemerkt. Denn nach mehreren Wiederholungen fühlen sich etwa meine Schultern freier an, und überhaupt scheint der ganze Rücken irgendwie länger und gerader. Kommentieren will Calice nicht, was sie gerade macht: "Sonst haben Sie nichts von der Stunde. Dann denken Sie, anstatt sich bewusst zu werden, was gerade in Ihrem Körper passiert." Am Ende der Behandlung soll ich mich - über die Seite gerollt - aufsetzen. Die Füße auf den Boden stellen. Hmm. Interessant. Mein Körper fühlt sich um 40 Kilo leichter an. Sitzt mühelos aufrecht, als ob der Kopf mit einem Seil an der Zimmerdecke aufgehängt wäre. "Und?" Ich sage: "Ich möchte für immer so sitzen bleiben."

Funktionale Integration.

So nennt sich das, was mir gerade passiert ist. Aber was ist das? Ich bin auf einem Bett herumgelegen, warum sitze ich jetzt leichter? "Weil die Steuerung besser funktioniert. Ihr Körper hat gelernt, zu fühlen, wie er zusammenhängt. Das Skelett trägt sich selber, und deshalb brauchen Sie viel weniger Muskelkraft als sonst, um sich aufrecht zu halten." Stimmt. Und die Arme, die hätte ich nun frei, um, sagen wir mal, balinesischen Tempeltanz zu machen. Oder eine Fuge von Bach zu spielen. So federfein fühlen sie sich an.

Feldenkrais, die Methode.

Der Name stammt von einem Mann, der 1904 in Russland geboren wurde. Als Jugendlicher emigrierte er nach Palästina. Seinen Lebensunterhalt verdiente er dort als Bauarbeiter und Nachhilfelehrer, seine Freizeit verbrachte er mit Fußball und Jiu Jitsu. 1928 ging Moshé Feldenkrais nach Paris, wurde erst Ingenieur in Maschinenbau und Elektrotechnik, dann Doktor in angewandter Physik und Atomforscher. Doch damit nicht genug, erreichte er mit 32 auch noch als erster Europäer den schwarzen Gürtel in Judo. Unterrichtete und schrieb sogar Bücher darüber. Etwa fünf Jahre später verschlimmerte sich eine alte Fußballverletzung an einem seiner Knie - und das war gewissermaßen die Geburtsstunde der heute weltweit verbreiteten Feldenkrais-Methode.

Denn der Wissenschafter wollte keine der damals noch sehr riskanten Knieoperationen. Also begann er, mit sich selbst zu experimentieren. Wie, so war seine Frage, kann ich meine Beine so bewegen, dass ich wieder effizient und ohne Schmerzen gehen kann? Wie kann ich meinen Körper umerziehen, und wozu ist er noch alles fähig? Der Erfolg dieser Selbsterziehung führte dazu, dass Feldenkrais seine Entdeckungen erst im Bekanntenkreis ausprobierte und zu einer Lernmethode weiterentwickelte. 1968 begann er, wieder zurück in Israel, mit seiner ersten Ausbildungsgruppe. Und bis zu seinem Tod 1984 forschte er unermüdlich, Lehrender und Lernender zugleich.

Lassen Sie beim Lernen jede Absicht weg, es richtig zu machen; tun Sie nichts gut oder schön und eilen Sie nicht, denn Eile stiftet Verwirrung.
von Moshé Feldenkrais, Begründer der Feldenkrais-Methode

Wer sich mit seinen Büchern, aber auch den Schriften seiner Schüler, auseinandersetzt, merkt schnell, dass sich die Methode kaum mit einem Slogan erklären lässt. Am leichtesten geht es noch, wenn man sich Moshé Feldenkrais als Synthese von Universalgelehrtem und Zen-Mönch vorstellt. Jemand, der enormes Wissen über das System Mensch mit der Bewusstheit des Augenblicks verbinden wollte. Das sieht dann zum Beispiel so aus, dass man während einer Lektion dieselbe Drehbewegung der Wirbelsäule macht wie ein Baby, das sich zum ersten Mal von der Rücken- in die Bauchlage drehen will - aber in Zeitlupe und mit der verfeinerten Aufmerksamkeit des Erwachsenen. "Lassen Sie beim Lernen jede Absicht weg, es richtig zu machen; tun Sie nichts gut oder schön und eilen Sie nicht, denn Eile stiftet Verwirrung", schreibt Feldenkrais etwa, und empfiehlt: "Gehen Sie langsam vor, so langsam, dass Sie dabei Ihre Lerngeschwindigkeit entdecken können. Wenden Sie lieber weniger Kraft auf, als nötig ist. Konzentrieren Sie sich nicht, denn das hieße wörtlich, dass Sie um sich herum nichts wahrnehmen." Der Sinn der Übung: nicht irgendeine bestimmte oder beliebige Bewegung zu verbessern, sondern den Prozess des SichLeitens insgesamt. Lernen, und zwar von innen nach außen. Die selbst auferlegten Grenzen überschreiten. Denn, so ist Feldenkrais überzeugt: "Ich glaube, dass die latenten Fähigkeiten eines jeden von uns beträchtlich größer sind als die, mit denen wir leben. Dass sie latent geblieben sind, rührt von unserem Mangel an Bewusstheit her, den wir unwillkürlich hinnehmen."

Freiwillig gefangen.

Anders formuliert: Es muss nicht sein, dass unsere Körper mit den Jahren immer steifer werden. Oder dass man meint, mit 30 nicht mehr Klavierspielen lernen zu können. Es muss auch nicht sein, dass einem eine einmal erworbene Haltung der Angst, des Sich-Duckens, ein Leben lang den Rücken krümmt. Es gibt eine Chance, alten Mustern zu entkommen - wenn man das Lernen wieder lernt. Wenn man wieder dort ansetzt, wo man angefangen hat: bei Versuch und Irrtum. Das Angenehme, Leichte beibehalten; und das Unangenehme, Überflüssige fallen lassen. Livia Calice nennt Letzteres sogar "das Parasitäre - denn überflüssige Aktivierungen im Körper führen zu Ermüdung und Verschleiß, das ist wie Autofahren mit angezogener Handbremse."

Und diese Handbremse zu lockern, dafür ist es nie zu spät. Moshé Feldenkrais hat trotz seines lädierten Knies bis ins hohe Alter am Fußboden herumgeturnt, seinen Studenten Übungen vorgeführt und dabei ein lebendes Beispiel seiner Überzeugung abgegeben, die da lautet: "Man kann immer lernen, sich anders zu bewegen, anders zu gehen, anders zu stehen. Man kann, zu jedem Zeitpunkt seines Lebens, sich umprogrammieren."

Vorkenntnisse?
Sind nicht erforderlich. Wer sich mit der Feldenkrais-Methode beschäftigen will, braucht dafür nur seinen Body. Und eine gute Portion Aufmerksamkeit.

Für wen ist Feldenkrais geeignet?
Für Menschen mit Rückenschmerzen oder Haltungsschäden; in der Rehabilitation nach Unfällen; bei neurologischen Störungen, für die Arbeit von Künstlern (z. B. Musiker oder Schauspieler), die ihren Körper besser koordinieren lernen wollen, sowie für jeden, der falsche Bewegungsmuster korrigieren, Spannungen reduzieren oder seine Spontanität wiedererwecken will. Egal, in welchem Alter.

Wo kann ich Stunden nehmen?
Information über Einzelstunden in Funktionaler Integration (hierbei wird der Körper von einem Feldenkrais-Lehrer behandelt und bewegt) und Gruppenstunden in Bewusstheit durch Bewegung (dabei führt man Übungen nach Anleitung selber aus) über die Feldenkrais-Studiengesellschaft Wien, Tel. 0699/102 807 75, office@feldenkrais-wien.at
www.feldenkrais-wien.at

Was kann ich als Grundlage lesen?
Vom Begründer Moshé Feldenkrais persönlich das Suhrkamp-Taschenbuch Die Entdeckung des Selbstverständlichen, Die Feldenkraismethode in Aktion oder Bewusstheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang.
Mit witzigen Illustrationen erklärt ist Dem Schmerz den Rücken kehren und Feldenkrais im Überblick von Roger Russell, beide im Thomas Kaubisch Verlag.
 

Aktuell