Leben in der Corona-Krise: 5 Frauen erzählen, womit sie jetzt zu kämpfen haben

Wie geht es einer allein lebenden 85-Jährigen? Wie kommen eine Supermarktleiterin und eine Unternehmerin zurecht? Fünf Frauen erzählen, wie es ihnen in der Ausnahmesituation geht.

Zitat "Wenn ich daran denke, dass das noch länger geht, muss ich mir was einfallen lassen"

"Frauen halten die österreichischen Gesellschaft in der Krise am Laufen" – so lautete eine Schlagzeile in Woche 1 der Corona-Ausgangsbeschränkungen (zum WIENERIN-Artikel). Sie übernehmen unbezahlte Care-Arbeit, jonglieren zwischen Familie und Job, arbeiten in "systemrelevanten" und unterbezahlten Berufen, etwa im Gesundheitssystem. Die WIENERIN hat fünf Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen gebeten, von ihrem "neuen Alltag" zu erzählen.

Elektrohändlerin: "An unserer Firma hängen 29 Familien"

Sabine ist Unternehmerin und führt einen Elektrofachhandel (www.radiokrejcik.at): "Mein Bruder und ich beschäftigen 27 Mitarbeiter*innen. Mein Mann ist im Home Office und betreut vormittags unsere zwei kleinen Kinder, ich versuche am Nachmittag zu übernehmen, damit er dann arbeiten kann. Ich fahre jeden Tag ins Büro. Mit der Bim, in der man eh fast allein ist, ich habe keine Angst, mich dort anzustecken. Unsere Mitarbeiter*innen arbeiten momentan in zwei Schichten, um mögliche Ansteckungen einzugrenzen: an einem Tag kommt das eine Team, am anderen Tag das zweite.
Kündigungen kommen für uns nicht in Frage, mit meiner und der meines Bruders hängen 29 Familien an unserer Firma. Die vergangenen zwei Wochen habe ich nur Behördenzeug erledigt: Steuerstundungen, Kurzarbeit. Viele Freunde haben mich deswegen auch angerufen und gemeint, „wenn du’s verstanden hast, bitte erklär’s mir“. Wir versuchen, alles einzureichen, was möglich ist. Wie lange wir damit überleben können, kann ich erst sagen, wenn ich weiß, womit wir überhaupt rechnen können. Diese Woche sollen erste Unterstützungen kommen, bis jetzt ist nichts fix.
Ein Riesenproblem ist auch, dass die Zustellung der Ware nicht richtig funktioniert. Die Speditionen gehen davon aus, dass unser Geschäft zu ist, weshalb vieles nicht ankommt. Ich hab gestern den halben Tag damit verbracht, nachzutelefonieren. Denn wir brauchen die Produkte für unseren Online-Shop, wir müssen schauen, dass wir jetzt alle Kund*innen zufrieden stellen. Auch in Corona-Zeiten gehen Waschmaschinen kaputt. Die Online-Bestellungen sind etwas mehr als vorher, aber das ist trotzdem nur Schadensbegrenzung, das fängt natürlich nicht unser normales Geschäft ab.
Es ärgert mich, wenn ich lese, dass internationale Versandhäuser durch die Corona-Krise Gewinne einfahren, weil alle jetzt bei Amazon bestellen. Denn wir sind auch da, man kann bei uns bestellen! Aber wie soll ich jetzt Geld in Marketing stecken? Ich muss schauen, dass wir unsere Angestellten bezahlen können."

Oberstufenlehrerin: "Fad wird mir nicht!"

Eine Lehrerin an einer HBLA und HLW für Tourismus: "Aktuell ist die Herausforderung für uns Lehrer*innen vor allem eine Organisatorische: Zum Einen das Kreieren von Arbeitsaufträgen, die digital gut vermittelt werden können, und zum Anderen das Bewahren einer Übersicht: Welche*r Schüler*in hat was schon wann und wie gemacht und erledigt? Das geht einstweilen noch ganz gut, aber: Wenn ich dran denke, dass das noch länger geht, muss ich mir was einfallen lassen. Aktuell bekomme ich täglich an die hundert Mails von Schüler*innen mit Nachfragen, Abgaben, Bitten um Feedback etc.

Ich muss dazu sagen: Die Schule, an der ich arbeite, ist für Telelearning ganz gut vorbereitet – wir haben super Plattformen, alle Schüler*innen entsprechende Zugänge und schulinterne Mailadressen. Das ist aber wie gesagt eine schulinterne Initiative – ich kann mir nicht vorstellen, dass das gesamte Schulsystem für digitales Lernen so gut gerüstet ist. Feedback geben und neuen Stoff erklären ist aktuell natürlich trotzdem sehr viel langwieriger, für Leistungsüberprüfungen wie Tests müssen Alternativen her (Endlich! Schade, dass es dafür eine Pandemie gebraucht hat!).

Fazit: Fad wird mir sicher nicht, noch läuft es ganz gut, Vieles ist aber ungewiss – vor allem, wenn ich an die Matura denke, aber das verdränge ich einstweilen noch …"

Supermarktleiterin: "Ich muss meine Mitarbeiter*innen jeden Tag aufs Neue motivieren"

Doris ist Filialleiterin im Lebensmittelhandel: "Ich arbeite in einer Führungsposition, da sind die Herausforderungen jeden Tag aufs Neue immens. Besonders die ersten beiden Wochen waren eine körperliche und psychische Extrembelastung. Ich muss die Mitarbeiter*innen jeden Tag aufs Neue motivieren, weil wir ja alle Angst davor haben uns selbst anzustecken. Wir sind dem Virus total ausgesetzt, einerseits von den Kolleg*innen, andererseits von den Kund*innen. Letztere halten den Sicherheitsabstand zum Teil überhaupt nicht ein.

Man muss also täglich an sein persönliches Limit gehen. Es sind ständig neue Dienstpläne zu erstellen, einerseits wegen Ausfällen beim Personal (zB. Krankenstände…) oder Änderung der Öffnungszeiten. Durch die unklare Lage wie lange dieser Zustand noch aktuell ist, ist es schwierig die Mitarbeiter zu motivieren. Trotzdem erkläre ich den Mitarbeiter*innen immer wieder, dass wir Gutes für die Bevölkerung tun und ein wichtiger Teil des Team Österreich sind.

Trotz allen unseren Bemühungen bekommen wir aber auch immer wieder den Frust einzelnen Kund*innen zu spüren, weil der eine oder andere Artikel momentan nicht verfügbar ist. Wir merken aber auch, dass wir und unsere Arbeit von den Kund*innen als wichtiger Beitrag wahrgenommen werden. Die Akzeptanz ist viel größer als vorher. Und wir sind auch dankbar in dieser schwierigen Zeit einen einigermaßen sicheren Arbeitsplatz zu haben."

Zuhause mit einem Kleinkind: "Mein Kind vermisst den Kindergarten, aber ich genieße auch die Zeit mit ihm"

Kerstin ist 37 Jahre alt und verbringt die Zeit der Ausgangsbeschränkungen mit ihrem Partner und dem gemeinsamen Sohn: "Mein Sohn ist jetzt 1,5 Jahre alt – was bedeutet, dass man ihn überhaupt nie aus den Augen lassen kann. Normalerweise geht er ja vormittags in den Kindergarten. Dort wird er so richtig ausgepowert, das schaff ich alleine zuhause auf keinen Fall. Deshalb unternehmen wir sonst am Wochenende immer was mit ihm, gehen zum Beispiel zum Spielplatz oder machen Ausflüge. Wir sind nie den ganzen Tag daheim. Das fällt jetzt alles weg. Wir waren bis jetzt nur daheim, weil wir einfach nichts riskieren wollten. Morgens wecke ich ihn gerade nicht auf, er schläft so lang er will. Bis zum Abend ist eigentlich alles normal, aber das ins Bett bringen dauert einfach ewig. Er ist einfach nicht müde genug. Der Kindergarten fehlt ihm. Er jammert oft, dass er raus will. Das ist schon eine besondere Herausforderung. Man muss ihm viel mehr durchgehen lassen. Irgendwann gibt man einfach auf und lässt ihn fernsehen oder gibt ihm Schokolade. Wenn andere es schaffen, die ganze Erziehung trotzdem konsequent durchzuziehen, bin ich beeindruckt. Ich schaff das leider nicht. Ich glaube, ich bin da nicht die Einzige. Vor der Quarantäne hat er insgesamt wahrscheinlich drei Mal daheim ferngesehen, jetzt jeden Tag. Wenn das Ganze noch Monate so weiter gehen sollte, wird es sich aber einspielen. Ich merke schon jetzt, dass wir eine Routine bekommen. Es wird jeden Tag ein bisschen einfacher – vor allem, wenn das Wetter passt und wir auf unsere Terrasse können. Wir haben eine Sandkiste und ein Planschbecken, das kriegen wir schon hin. Andere haben es da wesentlich schwerer. Trotz all der Unsicherheiten muss ich aber sagen: Ich freu mich echt darüber, dass ich Zeit mit ihm verbringen kann. Er ist schon so früh in den Kindergarten gekommen, ich habe so schnell nach der Geburt wieder gearbeitet. Jetzt hab ich endlich Zeit für ihn."

Pensionistin: „Jetzt bin ich allein“

Rosa ist Pensionistin und lebt allein in einem Haus in Niederösterreich: „Ich bin 85 Jahre alt. Meine Tochter und mein Sohn, die beide in der Nähe leben, bringen mir abwechselnd Einkäufe und hängen sie an die Türschnalle. Meine Enkelkinder rufen ab und zu an, aber das Reden am Telefon ist anstrengend für mich, mein Hörgerät funktioniert nicht g’scheit. Vor diesem ganzen Corona hab ich mich oft mit Freunden - die paar, die noch da sind - beim Heurigen getroffen, donnerstags war ich immer mit einer Runde mittags im Gasthaus essen. Unterwegs sein hält doch jung! Jetzt bin ich allein. Wenn das Wetter schön ist, setze ich mich in den Garten, über den Zaun plaudere ich manchmal mit meiner Nachbarin. Aber es ist nicht dasselbe, wenn man nicht einfach hingehen kann.
Im Radio, im Fernsehen, immer geht es nur um Corona. Aber irgendwas muss ich ja aufdrehen!
Heute ist ein schlechter Tag. In meinem Schlafzimmer hab ich Orchideen stehen, eine davon ist von meinem Urenkel. Ich hab so eine Freude, wenn ich morgens aufsteh und sie blühen sehe. Das hilft ein bisschen.
So ganz verstehe ich das alles mit diesem Virus nicht. Aber auch das wird vorbeigehen. Man darf nur nicht aufgeben.“

 

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