Laufende Kindernasen, Corona und der Kindergarten: Warum Kinderbetreuung auch in der Pandemie funktionieren muss

Einmal niesen und der Kindergarten hat wieder zu: Eltern erleben in den vergangenen Wochen eine so noch nie dagewesene Unsicherheit. Wie soll das erst im Herbst werden?

Kinderbetreuung in Zeiten von Corona?

Wer krank ist, soll zuhause bleiben. Ein Grundsatz, der in Zeiten von Covid-19 besonders ernst zu nehmen ist. Nur, wenn ein simpler Schnupfen plötzlich einen ganzen Kindergarten zur Schließung bringt, ist niemandem geholfen. Den Eltern nicht, die zu großen Teilen ihre Urlaubs- und Pflegeurlaubsansprüche bereits aufgebraucht haben. Den Kindern nicht, für die seit Wochen kein normaler Alltag einkehren kann. Und den Betreiber*innen der Betreuungseinrichtungen nicht, die sich so gut wie möglich absichern wollen.

In den vergangenen Wochen wurden Kinderbetreuungseinrichtungen oft sehr plötzlich geschlossen, Eltern mussten sich von einer Stunde zur nächsten um Betreuung kümmern. Der Alltag mit betreuungspflichtigen Kindern ist auch nach dem Ende des Lockdowns nicht leichter geworden und stellt Familien vor untragbare Herausforderungen. Warum das ein Problem ist und wie es weitergehen soll - eine Zusammenfassung in neun Fragen.

Was ist das Problem mit der Kinderbetreuung und der Corona-Krise?

Eltern wissen aus Erfahrung: Sind (kleine) Kinder fiebrig oder erkältet, kann das viele Gründe haben. Ob die Rotznase eine bloße Erkältung oder doch ein CoV-Verdachtsfall ist, sei ein "Balanceakt" für Eltern und Kindergärten, so der Kindergartenbetreiber Wiener Kinderfreunde gegenüber orf.at. Jeder Verdachtsfall muss aber abgeklärt werden, und das liegt in der Verantwortung der Betreiber*innen. Die Kindergärten gehen also auf Nummer Sicher: Eltern wird geraten, bei der Hotline 1450 anzurufen oder das Kind davor beim*bei der Kinderärzt*in untersuchen zu lassen.

Warum werden Kinderbetreuungseinrichtungen so schnell geschlossen?

Sobald ein Kindergarten über den CoV-Test eines Kindes informiert wird, muss die Gruppe nach derzeitigen behördlichen Vorgaben geschlossen werden bis die Testergebnisse vorliegen. Das kann auch mehrere Tage in Anspruch nehmen. In Oberösterreich waren Anfang Juli bundeslandweit Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen worden, nachdem die Zahl der Infektionen rapide angestiegen war (>>>Die WIENERIN berichtete). Eltern mussten die Betreuung ihrer Kinder in der Zwischenzeit überbrücken.

Die Stadt Wien hat vergangene Woche verkündet, die öffentlichen Wiener Kindergärten und Schulen bei Verdachtsfällen nicht sofort zu schließen. Laut der neuen Regeln wird nur noch jenes Kind, das Krankheitssymptome aufweist, abgesondert. Enge Kontaktpersonen, also Kinder der gleichen Klasse oder Gruppe, können weiter unterrichtet und betreut werden.

Was bedeutet das für Kinder und Eltern?

"Wenn Schulen und Kindergärten bei Corona-Verdacht geschlossen werden, so ist das für Eltern, die arbeiten, ein riesiges Problem", sagt Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie in der Arbeiterkammer Wien, gegenüber der WIENERIN. Und betont: "Auch für die Kinder war die Phase des Lockdowns eine große Belastung, der Kontakt zu den anderen Kindern im Kindergarten bzw. Mitschüler*innen ist für sie sehr wichtig.“

Eine flächendeckende Schließung von Kindergärten und Schulen, wie das in Oberösterreich der Fall war, sei unzumutbar. Die neue Vorgangsweise der Stadt Wien begrüßt Moritz: "Wenn Schließungen notwendig sind, dann soll das immer nur so wenig Teilbereiche wie möglich betreffen, etwa eine Gruppe, aber nicht gleich den gesamten Kindergarten." Außerdem sei es wichtig, dass Testergebnisse sehr rasch verfügbar sind, damit es bei Verdachtsfällen nicht zu langen Verzögerungen und Unsicherheiten kommt – eine Kritik, die auch von der Petition "Familien in der Krise" geäußert wird. Sie fordert, dass Kindergärten bis zum Vorliegen des Testergebnisses offen bleiben müssen. Bisher haben 3.785 Personen die Petition unterzeichnet.

Warum haben berufstätige Eltern jetzt ein besonderes Problem mit kurzfristiger Kinderbetreuung?

Die Kurzarbeit ist in vielen Unternehmen vorbei (Anfang Juli waren knapp über 400.000 Personen in Kurzarbeit, zu Beginn der Krise waren es 1,3 Millionen) und lockere Homeoffice-Regeln sind häufig wieder einer Anwesenheitspflicht im Büro gewichen: Was die Kinderbetreuung während den ersten Monaten der Corona-Krise zumindest theoretisch möglich gemacht hat, ist nun vorbei. Kurzfristige Schließungen stellen Eltern vor ein nur schwer zu lösendes Problem, denn es sei davon auszugehen, dass viele Eltern ihre Urlaubsreserven und Zeitguthaben bereits aufgebraucht haben, sagt Moritz.

Im März hat die Regierung außerdem eine Neuregelung beschlossen: Bei Verbot oder Einschränkungen des Betretens von Betrieben kann der*die Arbeitgeber*in anordnen, dass Alturlaub im Ausmaß von maximal acht Wochen und maximal zwei Wochen des aktuellen Urlaubs verbraucht werden müssen. Auch der Verbrauch von Zeitguthaben konnte angeordnet werden. Viele Arbeitgeber*innen hätten von diesen Möglichkeiten Gebrauch gemacht, Arbeitnehmer*innen nunmehr also keine oder weniger Urlaubsansprüche.

Welche arbeitsrechtlichen Möglichkeiten haben Eltern?

Wenn der Kindergarten oder die Schule geschlossen ist, liegt in aller Regel eine Dienstverhinderung vor, erklärt Moritz. Die Dauer der bezahlten Verhinderung ist allerdings nicht klar geregelt und gilt nur für verhältnismäßig kurze Zeit. Beschäftigte müssen die Dauer mit dem*der Arbeitgeber*in ausverhandeln und sind so auf Kulanz im jeweiligen Fall angewiesen.

In der Corona-Krise wurde auch eine Sonderbetreuungszeit eingeführt, die bis Ende September verlängert wird und maximal drei Wochen betragen darf. Auf Sonderbetreuungszeit gibt es aber keinen Rechtsanspruch und dem*der Arbeitgeber*in werden nur 30 Prozent der Lohnkosten ersetzt. Zu wenig wie Moritz findet: "Es hat sich gezeigt, dass die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten für den Krisenfall nicht geeignet sind. Die Folge ist, dass Eltern in der schwierigen wirtschaftlichen Situation Nachteile am Arbeitsmarkt haben. Aufgrund der traditionellen Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern haben Mütter hier besonders ungünstige Ausgangsbedingungen." Bereits jetzt zeigt sich, dass sich die gestiegene Arbeitslosigkeit bei Frauen stärker verfestigt.

Die AK fordert einen Rechtsanspruch auf Sonderbetreuungszeit und eine Verlängerung bis Jahresende. Außerdem sollen 100 Prozent der Kosten ersetzt werden.

Was sagen Kinderärzt*innen dazu?

In den vergangenen Wochen seien viele Kinder mit banalen Symptomen in Kinderärzt*innenpraxen geschickt worden, um auf das Coronavirus untersucht zu werden, schildert etwa der Wiener Kinderarzt Peter Voitl gegenüber orf.at. Für chronisch kranke Kinder bleibe in den Praxen dann zu wenig Zeit. Außerdem könnten Kinderärzt*innen eine SARS-CoV-2-Infektion ohne Test gar nicht ausschließen, gibt der Tiroler Kinderarzt Klaus Kapelari ebenda zu bedenken.

Welche Herausforderungen wird der Herbst bringen?

Im Herbst und Winter ist wieder eine Grippewelle zu erwarten, und das bedeutet auch: ähnliche Symptome wie bei einer Covid-19-Erkrankung. Gibt es bis dahin keine besseren und flächendeckenden Regeln für den Umgang mit verschnupften Kindernasen und hustenden Kleinkindern, könnte die Situation für Eltern und Kinder noch schwieriger werden

Wie soll man damit umgehen?

In Wien wird an einem Konzept für Bildungseinrichtungen im Herbst gearbeitet und Expert*innen der Ärztekammer und der Landessantitätsdirektion Wien entwickeln Richtlinien, die sich an Eltern, Kindergärten und Kinderärzte richten, die alsbald veröffentlicht werden sollen. Eltern sollten etwa Gegenstände, die häufig angegriffen werden, wie etwa Handys und Türschnallen, regelmäßig desinfizieren, "aber nicht die Kinder zu Hause einsperren", so Kinderarzt Voitl, der an den Richtlinien mitarbeitet, gegenüber orf.at. An die Kindergärten appelliert er: "Nicht jeder Schnupfen braucht einen Coronavirus-Test." Es müsse sorgsam mit den limitierten ärztlichen Ressourcen umgegangen werden.

Sind Kinder wirklich so ein großes Risiko für die Verbreitung des Virus?

Dass Kinder keine "Superspreader" sind, legt eine aktuelle Studie aus dem deutschen Bundesland Sachsen nahe. Bei einer Untersuchung von 1.500 Schüler*innen und 500 Lehrer*innen zwischen Mai und Juli wurden nur bei zwölf Personen SARS-CoV-2-Antikörper festgestellt – und das, obwohl auch an Schulen mit CoV-Fällen getestet wurde. "Kinder sind vielleicht sogar Bremsklötze bei der Infektion", mutmaßt der Studienautor Reinhard Berner vom Uniklinik Dresden. Aus der Studie könne man ableiten, dass es in einer Region mit geringen Infektionszahlen keine explosionsartige Ausbreitung in Schulen gebe.

In den österreichischen Kindergärten gibt es ähnliche Beobachtungen. An 91 KIWI-Standorten wurden seit Mitte März 150 CoV-Tests durchgeführt, davon waren drei positiv: zwei Eltern, ein Mitarbeiter. aber kein Kind.

 

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