Lady Gaga: Lässt gerne auf sich warten

Lady Gaga ist ein Gesamtkunstwerk, das seit Jahren Popgeschichte schreibt. Aber wie das bei Kunst nun mal so ist, ist sie schwer zu begreifen – wie unsere Autorin feststellte, als sie auf Lady Gaga wartete. Und wartete und wartete und wartete …

Heute ist es ein Ja, morgen ist es ein Nein. Ein Interview mit Lady Gaga ist immer unvorhersehbar. Obwohl sie ihr Album Artpop promoten will, ist es schwer, sie auf einen Termin festzunageln, so viele wollen sie. Aber zumindest hat das Warten jetzt ein Ende. Bevor wir uns treffen, recherchiere ich sehr viel. Ich schaue mir ihre Auftritte in diversen Talkshows, Preisverleihungen und Videos an und höre all ihre Songs auf und ab. Ich lese Boulevardzeitschriften und stalke ihren Twitter-Account. Ich mache das, weil es Teil meines Jobs ist, aber auch, weil das Interview immer wieder abgesagt wird - manchmal erst am Vorabend um 20 Uhr.

Warten auf Lady Gaga


Waiting for Gaga

Nach langem Hin und Her werde ich darüber informiert, dass das Interview wieder mal später stattfinden soll, also plane ich alles um- und nenne meine Story „Waiting for Gaga". Ich hänge mit ihren Fans rund um das Langham Hotel ab und beobachte. Und verstehe plötzlich, warum alle so wild auf Gaga sind. Wenn Gaga bei einem Hotel ankommt oder eines verlässt, läuft sie nicht sofort gestresst zu ihrem Wagen oder ins Hotel und zieht ihre Sonnenbrille ins Gesicht. Nein, sie macht eine kleine Show. Sie hat Charakter und wirft den Fans Blicke zu wie eine Schauspielerin. Dieser Blick kann tödlich oder sexy sein, oder - wie letztens in Berlin - sie versteckt sich unter einem dreieckigen, gefiederten Kasten auf dem Kopf . Bei ihr weiß man eben nie. Manchmal posiert sie auch für Selfies mit den Fans. Das ist dann das absolute Ziel eines jeden kleinen „Monsters".

Der Startschuss knallt

Ich bin eigentlich ziemlich zufrieden mit dieser Geschichte, doch dann kommt die fixe Zusage für ein Gaga-Interview. Freitagmorgen, kurz bevor sie zurück in die USA fliegt. Nachdem ich noch ein letztes Mal Artpop bei voller Lautstärke höre, hüpfe ich ins Taxi und mache mich auf den Weg ins Hotel. An der zugewiesenen Interviewstelle, einem Besprechungszimmer, das über und über in weißen Stoff gewickelt ist, ist die Atmosphäre fröhlich, aber gespannt. Wird dieses Interview nun endlich wirklich passieren? Gaga hat ein bevorzugtes Beleuchtungsteam, sie hat gerne alles organisiert, bevor sie ankommt: die Stuhlhöhe, die Kameraeinstellung, die Raumtemperatur - einfach alles! Allmählich füllt sich das Zimmer mit mehr und mehr Leuten. Und wir warten. Und warten. Und warten. Wie seltsam, dass man so berühmt sein kann! Ich bin wie eine geladene Pistole. Es geschieht nichts, bist sie da ist - dann knallt der Startschuss.

Warten auf Lady Gaga

„Man fühlt sich wie ein Säugling."

Und dann ist sie endlich hier. Wie die meisten Stars viel kleiner und hübscher, als man es sich vorstellt. Sie kommt so leise wie ein Geist und zieht sich auch in einem ähnlichen Stil an. Ein bodenlanges Abendkleid in gebrochenem Weiß aus reiner Seide. Keine Schuhe. Die Arme ähneln einem kreidigen Weiß, das Gesicht ist glatt und matt wie Porzellan. Sogar die Augenbrauen sind weiß, sodass sie mit der Haut ihres Gesichts verschmelzen. Dazu burgunderfarbene Lippen und dunkles Haar, die Augen mit verwischtem, schattigem Make-up geschminkt. Sie setzt sich hin und überprüft ihr Spiegelbild im Monitor. Sie bittet jemanden, den Reißverschluss am Rücken ihres Kleides zu öffnen, damit sie atmen kann. Dann endlich geht es los.

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Warten auf Lady Gaga

Pervers und unheimlich

Ich stelle eine Eingangsfrage. Wie es ihr so geht und wie es sich anfühlt, zurück zu sein und gezwungen worden zu sein, sich freizunehmen, sie hatte ja eine Operation an ihrer Hüfte. Sie antwortet ehrlich und interessiert. „Man fühlt sich wie ein Säugling. Ich denke, dass es gut für mich war, weil sich die Bühne immer mehr in einen Ort verwandelt hat, auf den ich mich verlassen konnte, aber in einer Wohnung ist es eben tödlich monoton." Sie sagt, sie habe in den letzten 48 Stunden mit dem Videokünstler Robert Wilson gearbeitet und sie habe nicht geschlafen. Sie erzählt mir von dem großartigen Sex, den sie früher immer hatte. Ihre Sexerfahrungen waren „ziemlich pervers und unheimlich. Grauenerregend!" Sie nennt Popmusik einen „Orgasmus" und sagt, sie wüsste eigentlich nicht wirklich, ob irgendwas von ihrer Musik auch gut ist. Sie sagt, „ich finde mich selbst eigentlich gar nicht so sexy". Und sie sagt, dass all ihr Erlernen über Kunst sicherstellt, dass sie dann in ihrer Musik zum Vorschein kommt. Zumindest glaube ich, dass sie das gesagt hat. Ihre Antwort ist nämlich ziemlich lang. Wir reden 40 Minuten miteinander, ungefähr bei der Hälfte hört sie auf, etwas zu sagen und erstarrt in einer Pose für etwa 30 Sekunden. Sie sagt einfach nichts. Und der gesamte Raum, der noch immer voller Menschen ist, erstarrt mit ihr. Im Endeffekt ist es eine Begegnung, kein Interview. Sie hat alles kontrolliert, ihre Stimmung war übermäßig intellektuell, doch auch müde, und es ging mehr um Kunst als um Pop. Nichtsdestotrotz mochte ich sie. Sie war clever und bedacht. Sie war nur nicht so wie in all den anderen Interviews, die ich im Vorhinein recherchiert hatte: Sie war ernst, ruhig, und einmal sagte sie: „Ich klinge vermutlich total scheiße."

InlineBild (3280fe0a)„Könnt ihr mein Ding sehen?"

Als wir fertig sind, fragt mein Fotograf, ob wir uns nicht die Hände schütteln könnten, um das alles abzurunden. Und wir stehen da, und ich kann fühlen, wie ihr Atem durch ihren Körper fließt. Dann schüttelt sie jedem die Hand. „Das ist neu", bemerkt ein Typ aus dem Beleuchtungsteam. Wir machen noch ein Selfie, dann sagt sie zu ihrem Team: „Haben wir einen Tanga da?" Nein, kein Tanga. So zappelt sie sich aus ihrem Schlüpfer heraus - darauf bedacht, ihr Kleid nicht zu ruinieren - und steht da in dem hellen Licht und fragt uns alle: „Könnt ihr denn mein Ding sehen?" Nein. Alles gut, Gaga. Kein „Ding". Nichts. Sie lächelt. Und dann geht sie.

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