Kunst oder Klumpert?

Ist das vermeintlich wertvolle Familienerbstück in Wirklichkeit ein Fall für den Flohmarkt? Oder entpuppt sich ein verschmähter Staubfänger gar als seltene Kostbarkeit? Bei der Veranstaltung "Schatz oder Schätzchen?" nehmen zwei Experten Objekte aus Österreichs Wohnzimmern, Kellern, Speichern und Lagerräumen unter die Lupe.

Ein kurzer, prüfender Blick genügt und schon ist der Fall für "Dorotheum"-Expertin Dimitra Reimüller klar. Sie braucht dafür nicht einmal die Augen zusammenzukneifen. Geschweige denn ihre Lupe hervorzukramen oder die Blaulichtlampe, mit der sie im Zweifelsfall gefälschte Signaturen entlarvt. Andere würden das, was gerade am Tisch liegt, vielleicht Krempel, Ramsch oder Klumpert nennen. Doch ein feinfühliger Vollprofi wie Frau Reimüller, die schon seit 25 Jahren den Wert von Kunstgegenständen schätzt, formuliert es freilich diplomatischer: „Ein reines Dekorationsobjekt!" Heißt übersetzt: So schön das Bild auch ausschauen mag - wenn man es verkaufen will, dann eher auf dem Flohmarkt als über eine Kunstauktion.

Hart, aber herzlich

Noch hat Reimüller ihr Urteil aber nicht laut ausgesprochen. Stattdessen führt sie die strahlende Besitzerin des Bildes, die offensichtlich fest davon überzeugt ist, ein wahres Kunstwerk zur 8. "Schatz oder Schätzchen?"-Aktion in die "MyPlace Selfstorage"-Anlage mitgebracht zu haben, sanft an die Wahrheit heran: „Haben Sie es sich denn mal genauer angeschaut?"

Dimitra Reimüller ermutigt sie, doch mal mit der Hand über das Gemälde zu fahren. „Naaaaa, ich trau mich nicht!", flüstert die Aufgeforderte und ihr Lächeln schwindet langsam. Ihr dämmert wohl, was Frau Reimüller mit ihrer Aufforderung andeutet. „Fahren S' ruhig drüber! Da passiert nichts!", bestärkt die Gemälde-Fachfrau sie noch einmal. Und wischt dann selbst beherzt mit beiden Handflächen über das Bild. „Es ist zwar gut und gerne 130 Jahre alt, aber leider nur ein übermaltes Foto. Um die Jahrhundertwende hat man das oft gemacht: Drucke von damals bekannten Künstlern angefertigt und dann übermalt. Das erkennt man daran, dass die Oberfläche recht glatt ist, ohne Struktur. Sehen Sie das?"

Fundgrube

Nach Hoffnung und Fassungslosigkeit macht sich jetzt Enttäuschung breit im Gesicht der Besucherin. Die emotionale Bedeutung ihres Schatzes kann sie offenbar nicht über dessen Wertlosigkeit hinwegtrösten. Ob die anderen Besucher mehr Glück haben? Rund 150 Leute haben die unterschiedlichsten Gegenstände nach Wien-Hirschstetten mitgebracht, um sie von Experten des Auktionshauses "Dorotheum" kostenlos bewerten zu lassen. Vom sperrigen Hirschgeweih über kitschige Porzellanfigürchen bis hin zur alten Modelleisenbahn ist alles vertreten, was Österreichs Keller, Speicher und Garagen an Sammelsurium auf Lager haben.

Lesen Sie weiter auf Seite 2!

Zum nächsten "Schatz oder ­Schätzchen?"-Tag, bei dem "Dorotheum"-Experten Ihre Objekte bewerten, lädt "MyPlace Selfstorage" am 22. November 2014 von 14 bis 17 Uhr in die Filiale am Gaudenzdorfer Gürtel 51-59, 1120 Wien, ein. www.myplace.at

Ein paar Besitzer sind bloß neugierig, was es kunstgeschichtlich mit dem Erbstück der Großmutter auf sich hat. Die meisten aber wollen erfahren, was es wert ist und für wie viel Geld sie „den ganzen Kram verschachern können". Die „Generation Erben" ist halt eine Generation der Ausmister. Menschen, die mit schwedischen Möbelhäusern aufgewachsen sind, setzen in puncto Einrichtung andere Akzente als noch die Ahnen. Alles von Wert ist deshalb meist ein Fall für den Auktionar, der Rest landet auf Flohmärkten oder dem Sperrmüll. Nur selten finden die Dinge ihren Weg zurück ins Zuhause.

Nicht alles Alte ist Trend

Nur leider ist recht viel von dem, was früher als sichere Vermögensanlage galt, heute kaum mehr zu Geld zu machen. Denn auch der Antiquitätenmarkt ist trendgesteuert. „Oder kennen Sie etwa jemanden, der sich einen alten Teppich kaufen würde?", fragt Dimitra Reimüller. Eine klassische Vintage-Designertasche hat heutzutage hingegen gute Chancen, einen Abnehmer zu finden. Manche Taschen haben ihren Wert im Laufe der Zeit sogar mehr als verdoppelt. Doch auch das kann sich irgendwann ändern.

Deshalb rät "Dorotheum"-Expertin Reimüller allen, die Kunst, Möbel oder Schmuck als Wertanlage sehen: „Wollen Sie die Produkte in ein paar Jahren mit Gewinn weiterverkaufen, sollten Sie in Hochwertiges investieren." 10.000 Euro sind ein guter Einstiegsbetrag. „Nach Möglichkeit sollte das Stück auch einen gewissen Seltenheitswert haben. Bei Juwelen etwa sollte man darauf achten, dass sie keine Einschlüsse haben."

Kleinod.

Doch auch wenn bei Veranstaltungen dieser Art bisher noch keine Millionenkunstwerke aufgetaucht sind: Über einen Mangel an kleineren Schätzen können sich Dimitra Reimüller und ihr Kollege Gerhard Jirak, die schon mehr als 1.000 Objekte im Rahmen dieser Eventreihe begutachtet haben, trotzdem nicht beklagen. Etliche Stücke sind zwischen 1.000 und 5.000 Euro wert, einige wenige Gemälde sogar bis zu 10.000 Euro.



Und wer weiß, welch kostbares Kleinod Sie vielleicht noch unbeachtet auf dem Speicher herumliegen haben ...

Faktbox (424eac2f)

 

Aktuell