Krebs erklären

Die Diagnose Brustkrebs ist nicht nur für die Betroffenen ein Schock. Wer Kinder hat, für den stellt sich dann die Frage: Was erzähle ich ihnen und wie bringe ich es ihnen bei? Psychoonkologin Dr. Gabriele Traun-Vogt erklärt, was man Kindern zumuten kann und wie man es ihnen am besten sagt.

Expertin Dr. Gabriele Traun-Vogt beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Thema Krebs und Psyche. Sie hat schon viel gesehen und weiß genau, wie es den Betroffenen geht, wenn sie zum ersten Mal mit der Diagnose konfrontiert werden: „Brustkrebs ist immer mit der Angst vor einer schweren Erkrankung und dem Tod verbunden."

Im Umgang mit Kindern rät sie daher folgende Regeln zu beachten:

1) Zuerst sich selbst fangen

Ist die Frau unsicher und hat das Gefühl keinen Boden unter den Füßen zu haben, macht es keinen Sinn die Kinder einzuweihen. „Vorher gilt es mit der Situation ins Reine zu kommen und sich einen Überblick zu verschaffen. Dazu sind meist weitere Untersuchungen wie bildgebende Verfahren oder die Entnahme von Gewebeproben notwendig, um abschätzen zu können, was dann kommt."

2) Kinder vertrösten

Die Kinder werden trotzdem merken, dass etwas nicht stimmt. Dr. Traun-Vogt erklärt: „Kinder spüren sehr schnell, wenn etwas nicht passt und sich nicht mehr alles um sie dreht. Auf einmal werden sie von der Oma vom Kindergarten oder der Schule abgeholt. Vielleicht passt die Nachbarin einmal auf sie auf und die Mama geht oft zum Telefonieren ins Nebenzimmer und weint vielleicht noch dabei. So lange sich die Frau nicht gefasst hat, ist es besser, das Kind noch einige Tage zu vertrösten. Sagen Sie ihm: ,Ich kann noch nicht darüber reden, ich gebe dir in einigen Tagen Bescheid, wenn ich mehr weiß. Mache dir keine Sorgen, momentan ist alles in Ordnung.'"

3) Versprechen einlösen

Diese Zusicherung muss eingelöst werden. Kinder malen sich sonst bedrohliche Situationen aus, die oft noch viel schlimmer sind als die Realität! Um sich Orientierung zu verschaffen, beginnt das Kind die Eltern zu überwachen und interpretiert alles, was passiert. „Das ist nicht gut. Kinder sollen ein normales Leben weiterführen und sich mit Freunden treffen und auch Spaß daran haben", sagt Dr. Traun-Vogt.

4) Die Behandlung Schritt für Schritt erklären

Wenn sich die Frau gefasst hat und ein Plan über nachfolgende Untersuchungen und Behandlungen feststeht, kann das Kind eingeweiht werden. Dr. Gabriele Traun-Vogt: „Erklären Sie immer nur das, was im Moment passiert. Also wenn die Operation und eine Chemotherapie anstehen, dann sagen Sie, dass Sie einen Knoten in der Brust haben. Dieser macht Sie krank und deswegen muss man ihn jetzt herausoperieren. Danach folgt eine Behandlung namens Chemotherapie. Dabei kommt eine Flüssigkeit in die Venen und die sorgt dafür, dass die bösen Zellen absterben. Sie müssen dabei jedes Wort altersgerecht erklären. Einem 5- bis 6-Jährigen erklären Sie das Wort Zelle zum Beispiel anhand vom Duplo-Steinen: ,Du hast hier zehn rote Duplo-Steine, das sind die Krebszellen und die stecken zusammen. Dann kommen zehn gelbe Duplo-Steine, das ist die Medizin. Und dann werden die roten Duplo-Steine weniger und weniger."

Weiter geht es auf Seite 2...

5) Dem Kind Sicherheit geben

Nicht nur die Krankheit selbst will genau erklärt werden, wichtig ist es auch, den Kindern immer zu sagen, wer sich in dieser Zeit um sie kümmert, so die Expertin: „Das Kind muss wissen, wann geht die Mutter ins Spital, was wird dort gemacht. Wer holt es in der Zeit vom Kindergarten oder der Schule ab und passt auf es auf. Wer ist in der Nacht bei ihm..."

6) Die Frage nach dem Tod

„Diese Frage kommt meistens irgendwann gerade heraus und Eltern sollten darauf gefasst sein", so Dr. Traun-Vogt. „Sie bedeutet nichts anderes als: ,Mama, du bist die wichtigste Person in meinem Leben, kannst du plötzlich verschwinden?' Beim Antworten muss man wissen, dass Kinder den Tod aus den Medien als etwas kennen, was sehr schnell geht. Also unerwartet wird geschossen, die Person fällt tot um und das war es. Man muss den Kindern dann sagen: ,Es ist nicht so wie im Fernsehen, dass ich ganz plötzlich weg sein kann.' Denn Brustkrebs ist kein Herzinfarkt, sondern eine langsame Erkrankung unter Anführungszeichen. Es dauert mindestens Monate oder Jahre und im Idealfall, der in den meisten Fällen eintritt, stirbt man gar nicht. Also sagen Sie Ihrem Kind: ,Du brauchst dich nicht zu fürchten, dass ich umfalle und sterbe. Das passiert nicht. Ich weiß jetzt noch nichts Genaues, aber wenn ich neue Informationen bekomme, dann werden ich oder der Papa dir diese weitersagen.'"

7) Keine falschen Versprechen geben

Garantieren Sie Ihrem Kind nicht, dass Sie nicht sterben. Das können Sie nicht. Aber sagen Sie auch, dass die Chancen sehr gut sind, dass Sie überleben. Man weiß schließlich, dass etwa 80 Prozent aller Frauen den Brustkrebs einmalig haben", sagt Dr. Traun-Vogt.

8) Nehmen Sie dem Kind die Schuld

Ein ganz wichtiger Punkt, so die Expertin, ist es dem Kind zu erklären, dass niemand die Ursache für den Brustkrebs ist: „Kinder haben eine blühende Fantasie und sie halten sich für sehr mächtig. Daher glauben viele Kinder, dass sie an der Erkrankung der Mutter schuld sind, weil sie etwas falsch gemacht haben. Erklären Sie Ihrem Kind, dass niemand die Schuld trägt!"

Wo Sie Hilfe und Beratung finden, lesen Sie auf Seite 3...

Wo finden Sie Hilfe:

  • In den großen Krankenhäusern gibt es große Onkologischen Zentren, in denen meist Psychologen (Psychoonkolgen) arbeiten, die auf den Umgang mit dem Thema Krebserkrankung vom Verdacht bis zum Tod geschult sind.
  • In Österreich gibt es 43 Krebshilfestellen, in denen kompetente Leute sind, die Sie betreuen oder an gute Betreuer weiterverweisen.
  • Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus gibt es Stationsführungen von Breast Cancer Nurses, in denen die Kinder alles anschauen dürfen und alles kindgerecht erklärt wird. Fragen Sie auch in anderen Krankenhäusern danach.
  • In der Krebshilfe Wien gibt es das Projekt „Mama/ Papa hat Krebs" eine Broschüre zum Downloaden finden Sie hier. Die Krebshilfe Wien hat auch eigene Kinderpsychiater, die mit Kindern von betroffenen Eltern arbeiten. Vereinbaren Sie einen Termin.
  • Die Boje, Ambulatorium für Kinder in Krisensituationen.
  • Der Rote Anker, Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche nach dem Verlust von wichtigen Bezugspersonen.
 

Aktuell