Krav Maga – k.o. in 2 sec.

Krav Maga. So heißt eine Technik aus Israel, mit der sich selbst untrainierte Frauen schnell und effektiv verteidigen können. Karen Müller hat's ausprobiert.

Noch vor einer halben Stunde hätte ich höchstens gekreischt, wenn mir jemand ein Messer in den Rücken drückt. Jetzt muss ich aufpassen, dass ich dem Typen hinter mir nicht die Kinnlade ausrenke. O.k., das Messer ist nur aus Holz. Und der Typ ist kein Killer, sondern ein Trainingspartner. Ich bin auch nicht in den Bronx, sondern im Shinergy-Zentrum von Ronny Kokert. Trotzdem. Ein bisschen mehr Schwung, und der Messermann hinter mir hätte ein schiefes Gesicht gehabt. Ganz zu schweigen davon, was ich noch Böses mit meinem Knie hätte anstellen können.

Eine halbe Stunde Krav Maga-Unterricht bei Instructor Karl Schmitt und ich fühle mich als Kämpferin. Cool. Trickreich. Brutal. Denn Krav Maga ist kein Kampfsport mit bestimmten Figuren und Punkten. Sondern der pure Nahkampf. Hocheffektive Selbstverteidigung gegen alle, die einem ernsthaft ans Leder wollen. Philosophie steht keine dahinter. Regeln auch nicht. Nur eine: Überlebe.

Krav Maga ist kein Kampfsport mit bestimmten Figuren und Punkten, sondern der pure Nahkampf.
von Karen Müller


Kriegerischer Ursprung.

Krav Maga wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Israel entwickelt. Sein Erfinder, der aus Ungarn stammende Imi Sde-Or hatte erste Kampferfahrungen bereits auf den Straßen von Bratislava gesammelt. 1948 bekam er von der israelischen Regierung den Auftrag, ein effektives Kampf- und Selbstverteidigungssystem zu entwickeln. 20 Jahre lang lehrte er seine Techniken in der Armee, wo sie zum Grenzschutz und Straßenkampf eingesetzt wurden. Danach fand es in Israel allgemeine Verbreitung, und mittlerweile trainieren Polizeieinheiten und Bodyguards auf der ganzen Welt die effektiven Techniken.

Sogar Hollywood konnte an der trendigen Kampfart nicht vorbei.In dem Film Enough - Genug sieht man Jennifer Lopez, wie sie sich nach einer Zeit des Terrors mit anschließendem Krav Maga-Training ihres brutalen Ehemanns Mitch entledigt. Jennifer Lopez ganz begeistert nach den Dreharbeiten: "Frauen können Männer damit echt überwältigen, aus dem Weg räumen und wirklich schmutzig kämpfen. Great!"

Von Null auf Hundert.

Der große Vorteil an dieser Art der Selbstverteidigung: Auch untrainierte und kampfsportunerfahrene Menschen können sie in kürzester Zeit lernen. Solche wie ich zum Beispiel. Denn eines hat wohl selbst die sanfteste Frau in sich drin: sich schützen, abwehren, aus dem Staub machen. Es geht nur um das Wie. Und das ist bei Krav Maga ziemlich logisch, weil den natürlichen Instinkten entsprechend. Zum Beispiel das mit dem Messer. Du spürst es im Rücken. Sagen wir, am rechten Rippenbogen. Was tust du? Zuerst einmal blitzschnell vorbeugen. Das bringt Abstand zur gefährlichen Spitze. Dann sich mit demselben Schwung über links nach hinten umdrehen. Dabei fädelt der linke Arm unter den Arm mit dem Messer und blockiert ihn, während der abgewinkelte rechte Arm das Kinn ... Sie wissen schon. Reicht das noch nicht, zieht man das rechte Knie in Richtung Männerstolz hoch. Und lässt der Bösewicht dann noch immer nicht ab, knallt man ihm noch mit einem Headknock die Stirn auf die Nase. Bumm. Zack. Aus. Und dann: weglaufen.

Unnötige Verletzungen sind zu vermeiden, steht auf allen Websites von Krav Maga. Denn schließlich sei es auch eine Art von Selbstverteidigung, nach einem Überfall am Ende nicht selbst vor dem Richter zu stehen.

Vielfältige Technik.

Natürlich ist die Sache mit dem Messer nur eine der vielen möglichen Situationen. Die Abwehrtechniken richten sich ebenso gegen andere Attacken wie Faustschläge, Kicks, Tritte, Würgegriffe, Umklammerungen, Haltetechniken sowie gegen mehrere Angreifer oder solche mit Feuerwaffen oder Baseballschlägern. Man lernt, die empfindlichen Stellen des Angreifers wie Augen, Nase, Kehle, Magen oder Genitalien gezielt zu treffen. Man lernt auch, sich in schwierigen Positionen zu verteidigen - sei es im Sitzen, Liegen oder etwa auch, wenn man an eine Wand gedrängt wird.

Verführerisch stark.

Nach einer zweiten Stunde bei Krav Maga-Lehrer Karl Schmitt, der in seinem zweiten Beruf rein zufällig Security-Mann bei der Wiener UNO ist, fühle ich mich bereit für einen Ausflug ins Reich der Bösen. Eine Pistole im Rücken? Pah. Dem Typen haut man auf die Finger, dass das Ding in hohem Bogen durch die Luft fliegt, tritt ihn in den Bauch und macht die Fliege. Ein Würger von hinten? Dem raubt man das Gleichgewicht, lockert seinen Würgegriff mit beiden Händen und rammt ihm dann den Ellenbogen in den Solarplexus. Es ist faszinierend, wie schnell man sich als Frau ziemlich mächtig fühlen kann.

Aber: Es ist auch ein wenig beunruhigend, dass man irgendwie Lust darauf kriegt, das Ganze auch mal life auszuprobieren.

 

Aktuell