Köstlicher Witz

Sigrid Neudecker, Wienerin mit Wohnort Hamburg, hat ein herrliches Buch geschrieben – der Titel ist Programm: Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh. Wie ich in Paris kochen lernte...

... Nachdem sie bislang zu den Frauen gehört hatte, die sich von ihrem Liebsten fein bekochen lässt, war ihr das spätestens dann unangenehm, als sie mit ihm für einige Monate nach Paris zog. Also dorthin, wo einem die Liebe zum guten Essen quasi mit in die Wiege gelegt wird. Wo, wenn nicht in Paris muss man kochen lernen? Eben!

Sigrid Neudecker

Frau Neudecker, wo erwischen wir Sie gerade? Wohl am Herd?
Ich bin ein bissl im Verzug, weil ich vor meinem Marktbesuch erst noch überlegen muss, was ich denn heute zu kochen versuche ... Bei einem meiner Lieblingskochblogs - ziiikocht.at - hatte ich ein anregendes Rezept für Hascheeknödel gelesen. Und nachdem ich nun weiß, dass Geselchtes auf Deutsch am ehesten Kasseler heißt, werde ich gleich auf dem Markt versuchen, alles für Selchfleischknödel zu bekommen.

Müssen Frauen denn kochen können?
Nein, müssen sie überhaupt nicht! Ich habe einen Mann, der es liebt zu kochen - das ist für ihn absolute Entspannung. Aber immer nur dazusitzen und bekocht zu werden, war mir irgendwann peinlich. Ich bin keine Frau, die gern abhängig ist. Und ich finde, Kochen ist eine Kulturtechnik, die zu beherrschen eigentlich nicht so schlecht ist. Bevor wir beruflich für eine Weile nach Paris zogen, hatte Kochen für mich jedoch einen unfeministischen Beigeschmack. Deshalb war es gut, das Experiment in Paris zu starten: Essen und Genießen sind dort so wichtige Bestandteile des Lebens, dass niemand auf die Idee käme, du würdest Hausmütterchen, wenn du kochen lernst. Franzosen gehen das Thema auch deshalb lockerer an, weil sie es von klein an gewohnt sind. Schon die Kinder kriegen drei Gänge aufgetischt im Kindergarten, schon die Kleinen genießen und schätzen Essen. Man macht nicht so Trarara ums Essen, wie etwa in Hamburg. Wo, wenn Du zum Essen eingeladen bist, Dir jedes einzelne Salatblatt vorgestellt wird mit Namen. Weil man so stolz darauf ist, dass man kochen kann - manchmal könnte man glauben, diese Kulturtechnik hätte zwei Generationen übersprungen ...


Apropos Kultur: In Paris sind Sie sicher auf ganz andere Kochwelten gestoßen als in Hamburg oder in Ihrer Heimat Österreich.
Ja klar, spannend fand ich etwa, wie man dort den Fisch zubereitet. Bei uns lernt man nur, wie man ihn brät - unsereins gart ihn ziemlich durch. In Paris aber habe ich bei einem meiner Kochkurse gelernt, wie man Kabeljau zubereitet, dass er innen total glasig bleibt und so genial schmeckt. Darauf wäre ich von selbst nie drauf gekommen! Das ist das Tolle am Kochen: Man lernt, wie etwas auch anders möglich ist! Seit dem Kabeljau-Erlebnis in Paris versuchen wir hier in Hamburg alle zu bekehren. Aber noch sagen die Freunde „Ihhh, will ich nicht."

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Wird man denn durchs Kochen zum kulinarischen Nationenbotschafter? Sie haben Ihren Pariser Freunden zum Abschied ja auch Tafelspitz serviert ...
Ich würde es nicht allgemein so formulieren, aber bei bestimmten Speisen ist es wohl so, vielleicht beim Kindheitsspeisen und klassischen Rezepten wie Schnitzel. Bei bestimmten Begriffen wird man sehr patriotisch. Unlängst gab es im Web einen Riesenaufstand, als zwei Mädels aus Deutschland, die jetzt in Wien leben, Schnitzel mit Parmesan in der Panier vorstellten. „Parmesan hat in einem Schnitzel nichts zu suchen!", hieß es da gleich von allen Seiten, beim Kochen gibt es ja so viele Auskenner, die, sobald man ein Rezept nur ein bissl abwandert, gleich Kochpolizei spielen. Ich könnte für mich nicht sagen, dass die österreichische Küche so viel besser ist als die deutsche oder die französische. Man holt sich aus jeder Küche das, was einem am besten schmeckt.

Was gefällt Ihnen am Kochen nun, nach Ihrer Madame-lernt-kochen-Mission?
Ich beherrsche nun, siehe oben, eine wichtige Kulturtechnik, aber mir gefällt auch, dass sich neue Welten eröffnen. Etwa auf dem Wochenmarkt, wo ich nun immer einkaufen gehe: Man hat Spaß, man plaudert mit Marktverkäufern, erzählt, was man zubereiten will - in diesem neuen Universum dreht sich alles ums Genießen und darum, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Also darauf zu achten, was man isst. Das kommt ja automatisch mit dazu: Sobald man selber kocht, kannst du viel besser bestimmen, was in Deinem Essen steckt. Das ist für mich ein Kernpunkt, warum wir alle, Frauen wie Männer, kochen können sollten! In Frankreich sind die Leute viel mehr daran interessiert, woher ihre Lebensmittel kommen. Sie machen darum nicht viel Brimborium, aber ihnen sind qualitativ hochwertige, unverfälschte Produkte einfach sehr wichtig.

Warum haben Sie eigentlich so spät kochen gelernt - Ihre eigene Mutter war doch auf einer „Knödelakademie"?
Sie hat mir lieber den Umgang mit der Bohrmaschine beigebracht. Gut so, dadurch bin ich in technischen Dingen nicht das Mädchen, das ständig nach Hilfe rufen muss!

Was haben Sie beim Kochenlernen über Sie selbst gelernt?
Allmählich kommt die Selbstachtung zurück und ich denke: Wenn ich das mit dem Kochen draufhabe, kann ich auch noch anderes lernen. Als Nächstes vielleicht sogar Klavierspielen ... Und letztlich war das Kochen lernen eh ein bissl wie Klavierspielen lernen: Am Anfang irre mühsam, weil man gar nichts versteht und wie blöd da steht, weil man etwa all die Unterschiede beim Fleisch gar nicht kennt. Aber wenn man ein paar Fertigkeiten drauf hat, beginnt es Spaß zu machen.

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