"Kopftuchverbot hat nichts mit der Befreiung von Frauen zu tun"

Warum die "Kopftuchdebatte" zu kurz greift und wie der Hidschab auch ein Symbol der Befreiung sein kann, erklären die bosnischen Regisseurinnen Nejra Latić Hulusić und Sabrina Begović-Ćorić im Interview.

Die Regisseurinnen Nejra Latić Hulusić und Sabrina Begović-Ćorić sind im Rahmen des "Let's CEE" Filmfestivals mit dem Dokumentarfilm "Undercovered" zu Gast in Wien. Im Mittelpunkt des Films stehen junge Musliminnen aus Bosnien und Herzegowina, die sich bewusst für den Hidschab entschieden haben – für sie ein Symbol der Selbstbestimmung und auch der Rebellion gegen die kapitalistische, oftmals sexistische Sicht von "weiblicher Befreiung".

Im Interview sprechen die Filmemacherinnen darüber, warum der Blick auf persönliche Geschichten in der Mainstream-Debatte so wichtig wäre und was Feminismus mit dem "Kopftuchverbot" zu tun hat.

Die „Kopftuchdebatte“, wie sie gemeinhin genannt wird, erreicht auch in Österreich gerade einen Höhepunkt. Es wird diskutiert, ob der Hidschab an Volksschulen verboten werden sollte. Wie sehen Sie das?

Sabrina Begović-Ćorić: In den Medien gibt es so viele Geschichten über den Hidschab – doch er wird immer nur als Phänomen oder Statistik betrachtet. Was wir mit unserem Film machen, ist tieferzugehen. In die persönlichen Geschichten und Arten, mit dem Hidschab zu leben. Dann wird sehr schnell klar, dass es Unterschiede zwischen dem medialen Diskurs und dem echten Leben gibt. Ich denke nicht, dass solche Verbote sinnvoll sind. Die persönlichen Geschichten werden dabei nicht berücksichtigt. Denn man würde schnell sehen, dass es ein wesentlich komplexeres und größeres Thema ist.

Nejra Latić Hulusić: Wenn eine Person selbst entscheidet, einen Hidschab zu tragen, dann ist es eine tiefe, persönliche und oft religiöse Entscheidung, die für das ganze Leben gilt. Es ist sehr merkwürdig, dass wir im Jahr 2018 noch immer darüber diskutieren, wie eine Frau aussehen sollte und was sie anziehen sollte. Einmal ist es zu viel Kleidung, ein anderes Mal ist es zu wenig Kleidung. Die wichtigere Frage ist aber, wer ist die Person, um die es geht – und in weiterer Folge, welches System steckt hinter solchen Verboten. Um Freiheit geht es nicht, wenn gesetzlich bestimmt werden soll, wie sich eine Frau in der Öffentlichkeit präsentieren soll. Ob Schulmädchen den Hidschab tragen sollten, ist eine andere Frage. Weil es eben eine Entscheidung für das ganze Leben ist, sollte es die eigene, bewusst getroffene Entscheidung sein.

Ich persönlich denke nicht, dass ein Mädchen im Alter von acht Jahren diese Entscheidung für sich selbst treffen kann. Doch hier muss ein respektvoller Zugang her, einer der auch den Eltern nahelegt, dass ihre Kinder die Entscheidung – im richtigen Alter – selbst treffen sollten. Auf der anderen Seite bitte ich auch die westliche Politik darum, die Mädchen so sein zu lassen, wie sie eben sind oder sein möchten. Alles andere führt zu Stigmatisierung.

Nejra Latić Hulusić

Nejra Latić Hulusić wurde 1985 in Sarajevo geboren. Sie hat Regie an der "Academy of Performing Arts" in Sarajevo abgeschlossen, und ist als Regisseurin sowie Filmproduzentin tätig.

In der ganzen Debatte um das umkämpfte Kleidungsstück kommen sie am wenigsten zu Wort: Musliminnen selbst. Wie haben Sie das in Ihrem Film anders machen wollen? Welche Frauen werden porträtiert?

Begović-Ćorić: Wir haben junge Frauen porträtiert, die in Sarajevo ein selbstbestimmtes Leben führen. In Bosnien und Herzegowina ist die Situation spezifisch – dort gibt es eine lange Tradition von Frauen, die Kopfbedeckungen tragen. Mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Die Frauen im Film kommen teils aus religiösen Familien, andere kommen aus nicht-religiösen Familien, in denen sie darum kämpfen müssen, den Hidschab zu tragen. Sie haben alle unterschiedliche Geschichten. Und bereits das ist in dem Mainstream-Diskurs nicht vorhanden: zu zeigen, dass es unterschiedliche Frauen sind und keine anonyme Masse oder ein „Phänomen“. Darüber sollte jeder nachdenken.

Latić Hulusić: Als wir die Protagonistinnen ausgewählt haben, wollten wir bewusst erfolgreiche, meinungsstarke Frauen zeigen. Wenn man diese Frauen fünf Sekunden lang beobachtet, beweisen sie schon mit ihrer Existenz, dass niemand sie dazu gezwungen hat, den Hidschab zu tragen. Es ist ihre eigene Entscheidung, so wie alles andere in ihrem Leben auch. Auch die Konflikte mit ihren Eltern und ihren Communities werden deutlich. Damit zeigen wir eine „andere“ Seite – denn normalerweise wird der Hidschab immer nur mit Zwang und Unterdrückung in Verbindung gebracht. Doch es gibt eben in demokratischen Ländern, wo kein Zwang zur Verhüllung herrscht, Frauen, die durch das Tragen des Hidschabs ihre Freiheit demonstrieren, und ihn auch als eine Art der Rebellion sehen. Denn sie stellen sich damit gegen das westliche Image, wie eine Frau zu sein hat. Sexistische Werbungen voller nackter Frauen, die Motoröl bewerben, sind nämlich die traurige Realität. Und diese Frauen nutzen ihren Körper als Ort des Widerstands, indem sie sich bewusst dagegen stellen. Natürlich ist das nicht immer der Fall, und es funktioniert hauptsächlich in Europa und Bosnien, wo es eben keinen gesetzlichen Zwang gibt. Doch mit dem Film wollen wir auch keine klaren Antworten liefern, sondern eine Diskussion öffnen.

Wie waren und sind die Reaktionen auf Ihren Film? In Bosnien und Herzegowina, aber auch in anderen europäischen Ländern?

Latić Hulusić: Die jungen Frauen in Bosnien, die den Hidschab tragen, haben den Film sehr gut aufgenommen. Weil sie repräsentiert werden, und zwar in einem anderen Kontext als es die Mainstream-Medien und muslimische Magazine tun. Da der Film sehr leicht und witzig ist, haben sich aber auch einige angegriffen gefühlt, da sie darin ein zu ernstes Thema sehen, um es so abzuhandeln. Doch das internationale Publikum weiß im Grunde sehr wenig über das Thema, und es ist in erster Linie einmal wichtig, überhaupt eine Repräsentation zu schaffen. Eine junge Frau in Bosnien hat gesagt: „Ich muss mich bei niemandem entschuldigen. Und ich muss mich auch nicht erklären.“ Doch es ist leider noch wichtig – wenn auch anstrengend – zu erklären. Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht kennen. Der Prozess der Akzeptanz dauert zwar, kann aber nur so angestoßen werden. Auf der anderen Seite gibt es aber natürlich auch jene, die sagen, wir bewerben mit dem Film etwas, das für Unterdrückung steht, da wir etwa das System im Iran nicht erwähnen. Wir sind jedoch Filmemacherinnen, keine Tageszeitung. Und diese Seite der Geschichte kennt sowieso jeder aus den Medien, wir wollten die menschliche Seite zeigen.

Wir wollen nicht befreit werden. Jede Frau hat das Recht über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Ich habe das Recht, ihn zu verhüllen, und ich habe das Recht, ihn zu enthüllen.
von Nejra Latić Hulusić

Weil Sie den Iran erwähnen: im westlichen Diskurs werden die Proteste gegen den Verhüllungszwang im Iran stark gefeiert. Was ist das Gute, aber auch Problematische daran?

Begović-Ćorić: Wofür es gefeiert werden sollte, ist, dass Menschen immer die Möglichkeit haben sollten, zu wählen, was sie mit ihrem Leben machen. Der Diskurs bewegt sich derzeit aber nur an den Extrempolen: Entweder du willst den Hidschab tragen und es wird dir nicht erlaubt – oder aber du willst ihn nicht tragen, aber du musst. Was wir mit dem Film machen, ist, die Graustufen zu zeigen. Können wir bitte damit aufhören, große Statements darüber zu machen? Können wir es einfach bei den Frauen belassen, ob sie ihn tragen wollen oder nicht?

Latić Hulusić: Wir haben einen Film über Freiheit gemacht, und benutzen dabei ein Symbol, das nicht mit Freiheit verbunden wird. Wir ziehen dabei keine Schlüsse, aber am Ende sagen wir: lasst die Menschen sein, wie sie sein möchten. Ich bewundere den Iran als Land, für seine Menschen und Intellektuellen – aber natürlich ist der Zwang zur Verhüllung nicht gut. Es geht dabei nämlich um Politik, nicht um Religion. Genauso ist aber das „Kopftuchverbot“ ein politisches, und hat nichts mit der Befreiung von Frauen zu tun. Diese Feministinnen, die für ein Verbot sind, müssten sich noch einmal neu darüber informieren, was Feminismus eigentlich bedeutet. Wir wollen nicht befreit werden. Jede Frau hat das Recht über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Ich habe das Recht, ihn zu verhüllen, und ich habe das Recht, ihn zu enthüllen. Das ist die Linie, der Feministinnen folgen sollten.

Sabrina Begović-Ćorić

Sabrina Begović-Ćorić wurde 1986 in Sarajevo geboren. Sie hat Regie an der "Academy of Performing Arts" in Sarajevo abgeschlossen, und bekam für ihren Film "Children of Sun" eine Auszeichnung von der UNICEF.

Frauen, die den Hidschab tragen, werden in Österreich immer öfter Opfer von rassistischen Attacken. Wie sieht die Situation in Bosnien und Herzegowina aus?

Latić Hulusić: Immer wenn die Welt in eine Richtung geht, geht Bosnien in eine andere (lacht). Nach der langen Periode des Kommunismus und des aggressiven Säkularismus, war es möglich, wieder zu seiner religiösen Identität zu stehen. Heutzutage ist es in Bosnien komplett normal, den Hidschab zu tragen. Doch leider driftet das Land in die falsche Richtung ab, und die Menschen sind zu stolz auf ihre Nation und ihre Religion. Sie prahlen damit, und zwingen es etwa Minderheiten auf. Das ist natürlich auch nicht gut. Was wir zeigen wollen, ist: du kannst dir Ziele stecken und diese auch erreichen, egal wer du bist. Doch leider gibt es gerade eine neue patriarchale Gesellschaft, in der junge Mädchen aufwachsen. Auf ihrer Suche nach Religion, Identität und einem Sinn des Lebens werden sie zu Opfern der patriarchalen Gesellschaft. Einige denken, dass sie nicht arbeiten dürfen, um eine gute Muslimin zu sein. Wenn das nicht ihre eigene Entscheidung ist, ist es problematisch. Doch ebenso fehlt die Repräsentation anderer Geschichten in der Öffentlichkeit. Was wir zeigen wollten, ist, dass Lebensentwürfe junger muslimischer Frauen genauso unterschiedlich sein können wie jene aller anderen Frauen auch.

Das heißt, es wäre besser junge Mädchen zu bestärken, anstatt ihnen etwas zu verbieten?

Latić Hulusić: Der Schlüssel ist immer und überall: Empowerment. Es ist natürlich besser, ihnen das zu geben, was Österreich und Europa einer modernen Frau zu bieten hat. Bildung, Aufklärung, Möglichkeiten. Und nicht einfach ihr Kopftuch herunterzunehmen – denn so werden sie sich angegriffen fühlen, und das Gefühl haben, nicht dazu zu gehören. Sie werden in weiterer Folge etwas suchen, wo sie sich akzeptiert fühlen. Genau dann fallen extreme Gruppierungen auf fruchtbaren Boden.

Wie hängt der sozioökonomische Hintergrund mit der Möglichkeit zum Empowerment zusammen?

Latić Hulusić: Ich denke, das ist überall auf der Welt gleich. Das trifft auf alle Frauen und Mädchen auf der Welt zu, Hidschab hin oder her. Ökonomische Unabhängigkeit ist die Basis, um ein vollkommen selbstbestimmtes Leben führen zu können. Wenn sich eine Frau überlegen muss, wie sie das Essen für den nächsten Tag bezahlt, wird sie meist nicht die große Rebellin spielen können.

Undercovered

Dokumentarfilm. BOS 2017 | 53 min., Regie: Nejra Latić Hulusić, Sabrina Begović-Ćorić

Im Mittelpunkt des Films stehen junge Musliminnen aus Bosnien-Herzegowina, die sich bewusst für das Tragen des Hidschabs entschieden haben. Die öffentliche Debatte darüber, ob das islamische Kopftuch ein Symbol der Befreiung oder der Unterdrückung sei, wird sehr hitzig geführt. Für die Protagonistinnen ist es ein Symbol der Selbstbestimmung, auch der Rebellion. Sie sprechen offen über ihr Leben und ihre Erfahrungen mit dem umstrittenen Kleidungsstück.

Ausstrahlungstermine: LINK

 

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