Kommentar: Warum der Frauentag ein FrauenKAMPFtag sein muss

Blumen, Grußkarten, Rabattcodes: Der 8. März ist dabei, zum zweiten Muttertag zu werden. Dabei sollte er viel mehr sichtbar machen, womit Frauen jeden Tag zu kämpfen haben - nämlich auch mit dem eigenen, verinnerlichten Sexismus.

drei Fäuste in die Höhe, Symbol für Frauenkampftag

Ich gehe die Straße entlang, eine Frau kommt mir entgegen. „Na, der Rock ist aber kurz!“ Der Gedanke schießt so schnell in meinen Kopf, als wäre diese Reaktion die natürlichste der Welt. Unmittelbar danach kommt die Wut auf mich selber - da rede ich von Solidarität unter Frauen, bezeichne mich als Feministin und dann denk ich so.
Diese Begegnung ist einige Jahre her. Auch heute gibt es Momente, in denen ich mir auf die gedankliche Zunge beiße, weil sich einschleicht, was mir von Kindesbeinen an beigebracht wurde: die Bewertung und Abwertung anderer Frauen. Nicht von meinen Eltern (freilich indirekt auch von ihnen), aber vor allem von ihr: einer männlich geprägten Gesellschaft, in der Frauen Schmuck, Beiwerk, Übel, Sündenböcke und Körper, die es zu beherrschen gilt, sind. Internalisierten Sexismus nennt man das, das Verinnerlichen von Strukturen einer männlich geprägten Gesellschaft, dem Patriarchat.

Ausrichten bei Prosecco

Diskriminierte Gruppen gegeneinander auszuspielen ist ein beliebtes Machtinstrument und im Patriarchat hat man genau das auch uns Frauen beigebracht. Wir kämpfen gegeneinander um einen Mann, beneiden uns gegenseitig um den schöneren Busen, weil letztlich die männliche Bewunderung desselben Bestätigung gibt. „‘Ausrichten‘ tun Frauen halt gern und am liebsten einander, gell, haha“, ziehen wir uns selbst dann gern ins Lächerliche. Das Patriarchat reicht den Prosecco und die Gala dazu.

Dieses strukturelle, verinnerlichte Gegeneinander zu erkennen, dauert und kommt schleichend. Die Erfahrung im Freund*innenkreis zeigt: Je älter man wird, desto klarer sieht man. Feminismus heißt auch, das man lernen muss. Und im Zuge des Lernens ist das Entlernen die wohl größte Anstrengung. Anstrengend deshalb, weil es Auseinandersetzung braucht. Das ist Arbeit, vor allem an sich selbst: Ich spreche davon, dass ich lange nicht gesehen habe, wie, wo und wann ich als Frau diskriminiert werde. Und vor allem auch, wie ich andere diskriminiere. Dieses Entlernen, die Reflexion des eigenen Handelns tut oft weh, ist aber zwingend notwendig. Denn erst wenn's weh tut, tut sich etwas.

UN-Studie: 90 Prozent haben Vorurteile gegen Frauen

Wie tief die Abwertung von Frauen sitzt, hat eine eben veröffentlichte Studie der Vereinten Nationen mit dem Titel „Tackling Social Norms – a game changer for gender inequalities“ (dt. Soziale Normen angehen – eine treibende Kraft in Sachen Geschlechterungleichheiten, LINK) gezeigt: Trotz aller feministischer Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben beinahe 90 Prozent der Frauen und Männer Vorurteile gegen Frauen. Ein klarer und nicht wegzudiskutierender Hinweis auf jene unsichtbaren Hindernisse, die Frauen auf dem Weg zu Gleichberechtigung überwinden müssen.

Das fängt beim Bewerten von Äußerlichkeiten wie dem kurzen Rock an und hört bei der Täter-Opfer-Umkehr bei (sexualisierter) Gewalt von Männern gegen Frauen noch lange nicht auf. Laut UN-Studie halten es nämlich auch 28 Prozent der Befragten für gerechtfertigt, wenn ein Mann seine Ehefrau schlägt. Auch das sagen nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Ernüchternd im Jahr 2020, in dessen ersten drei Monaten bereits sechs Österreicherinnen durch Männergewalt aus dem nächsten Umfeld getötet wurden (die WIENERIN berichtete).

Der Frauentag ist kein zweiter Muttertag

Ich sehe sie schon kommen, die Grußbotschaften auf Social Media, in denen Männer freudig verkünden: „Wir danken all den großartigen Frauen in unserem Leben! Ohne euch wäre alles nur halb so schön!“ Der Frauentag läuft mancherorts ein bisserl Gefahr, zum zweiten Muttertag zu werden.

Ja, wir wiederholen uns, aber es scheint nötig: Wir brauchen keinen Frauentag, an dem wir Frauen gehuldigt, gefeiert werden, an dem wir (wieder einmal) lächeln sollen, weil man uns Narzissen in die Hand drückt und uns dafür dankt, dass wir das Wirtschaftssystem am Leben erhalten, weil wir so gut wie alle unbezahlte Arbeit erledigen.

Wir brauchen einen Frauenkampftag, weil jede von uns an jedem Tag im Jahr dafür kämpft, gleich viel wert zu sein. Die einen sind sich dieses Kampfes als Feministin bewusst, andere (noch) nicht.
Weil jede von uns mindestens mit dem unguten Gefühl in der Magengrube kämpft, wenn der Vorgesetzte einen Schmäh übers Dekolleté der Kollegin macht, oder wenn am Heimweg vom Tanzen die Schritte hinter uns näher kommen.

Weil Feminismus eben auch das Auseinandersetzen mit dem eigenen Verhalten ist, mit dem eigenen aktiven Diskriminieren. Und das ist auch oft genug ein Kampf.

Es ist zäh und oft genug tappen wir in die Falle und kämpfen eher gegeneinander als miteinander. Dabei sollten wir allesamt eines bekämpfen: die strukturelle Diskriminierung von Frauen. Von mir aus auch mit Prosecco. Prost, nieder mit dem Patriarchat!

 

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