Kommentar: 'Tiger King' strotzt vor Sexismus - und das Internet will Solidarität mit Joe Exotic?!

Okay, okay, wir verstehen den Hype um die Netflix-Doku ja irgendwie eh auch, aber: Bitte übersehen wir nicht, dass die Dokuserie nur so vor Sexismus überquillt.

Tiger-Illustration

Wer in den letzten Wochen au­ch nur einen flüchtigen Blick in die Medien geworfen hat, ist an Netflix'neuer Produktion 'Tiger King' wohl nicht vorbeigekommen. Das Internet quillt vor Memes und Bildern von Celebrities, die aus Quarantäne-bedingter Langeweile als Tiger Kings Joe Exotic mit Vokuhila und Kuscheltiger posieren, nur so über.

Don‘t get me wrong: Auch ich habe die Netflix-Produktion innerhalb von zwei Tagen durchgesuchtet. Den Unterhaltungswert kann und will ich 'Tiger King' also keinesfalls absprechen. Was mich allerdings irritiert, ist, dass der in der Serie in meinen Augen offensichtliche Sexismus in den allermeisten Reaktionen von Zuschauer*innen so gut wie keine Beachtung findet – im Gegenteil.

Worum geht's in 'Tiger King'?

Aber beginnen wir von vorn: Wovon handelt 'Tiger King' denn nun überhaupt? Vordergründig geht’s in der Dokuserie um die problematische Großkatzenhaltung in den USA. Was die Serie so faszinierend macht, ist allerdings viel mehr das, was drumherum passiert (Achtung, Spoiler Alert!):

Hauptprotagonist und Namensgeber der Serie ist Tiger King Joe Exotic, ein überaus exzentrischer Betreiber eines Privatzoos mit Großkatzen in Oklahoma, der es sich zum Ziel gemacht hat, seine Rivalin Carole Baskin auszuschalten – mit allen Mitteln, wie sich bald herausstellen wird. Baskin - von ihrem Ehemann als "Mutter Teresa der Katzen" beschrieben - ist Inhaberin der Einrichtung Big Cat Rescue, deren Bestreben es ist, gerettete Großkatzen zu versorgen und den Missbrauch von Großkatzen in Gefangenschaft zu beenden. Baskin wirft Exotic vor, Tierquälerei zu betreiben und berichtet auf ihrer Website regelmäßig über Missstände in dessen Zoo sowie Exotics problematische Entertainment-Angebote (jahrelang tourt er etwa mit Babyraubkatzen durch US-Shopping Malls und missbraucht seine Tiere als 'Special Acts' bei Zauberschows).

Im Gegenzug bedroht Exotic Baskin mehrfach über seinen YouTube-Kanal Joe Exotic T.V. Unter anderem unterstellt er ihr, für den Tod ihres zweiten Ehemanns, den Multimillionär Don Lewis, verantwortlich zu sein. Der über Jahre andauernde Streit zwischen den beiden endet schließlich damit, dass Exotic aufgrund erteilten Auftragsmordes an Carole Baskin sowie der illegalen Einschläferung von fünf Tigern zu 22 Jahren Haft verurteilt wird.

Baskin erhält Morddrohungen, Exotic ist der gefeierte Star

Wenngleich Exotic nachweislich die Ermordung Baskins veranlasst hat (die letztendlich aber nie stattfand) und dafür mittlerweile im Gefängnis sitzt, ist es Baskin, der nach Veröffentlichung der Dokumentation eine Welle an Anfeindungen und Hass entgegenschlägt: "That b*tch Carole Baskin" (gewissermaßen Exotics 'Catchphrase' in der Serie) ist seit Ausstrahlung der Doku in sämtlichen Social Media-Posts von Zuschauer*innen zu lesen. Joe Exotic bleibt dagegen als schräger Raubkatzenliebhaber und mieser Countrysänger, der gerne Glitzerjacken trägt und in einer polygamen Ehe mit zwei Männern lebt, im Gedächtnis.

Das, obwohl uns die Dokumentation Folge für Folge zeigt, welche (sexistischen) Gewaltfantasien Exotic gegen Baskin hegt: Von ständigen Schimpftiraden über spottende Musikvideos bis zum Erschießen einer lebensgroßen Aufblaspuppe, die Baskin darstellen sollte (und infolgedessen natürlich der tatsächliche Mordauftrag). Trotz alldem: Der Hashtag #FreeJoeExotic geht um die Welt.

Und das war noch gar nicht alles ...

Aber nicht nur Exotics misogynes Verhalten bleibt von den Zuschauer*innen weitestgehend unkommentiert: So lernen wir in der Dokuserie etwa auch Bhagavan 'Doc' Antle kennen, einen weiteren Besitzer eines Großkatzen-Zoos in den USA. Das 'Besondere' hier: Der Zoo fungiert gleichzeitig als eine Art gruseliger Sexkult: Antle lebt mit mehreren Frauen, die als Tierpflegerinnen bei ihm arbeiten, zusammen. Streben diese einen beruflichen oder 'spirituellen' Aufstieg an (Antle erklärt in der Serie, er hätte einen Doktor in "mystical sciences"), so müssten die Frauen mit ihm schlafen, berichtet eine ehemalige Mitarbeiterin in der Doku. Weiter erklärt sie, wie die angestellten Frauen stets Antles optischen Vorstellungen entsprechen und in knappen Outfits auftreten müssen. Ihr selbst hätte Antle sogar eine Brustvergrößerung gezahlt.

Und dann ist da natürlich noch Jeff Lowe, Exotics späterer Geschäftspartner, der junge Frauen in sein Las Vegas-Hotelzimmer lockt, indem er ihnen in Aussicht stellt, dort mit Tigerbabys zu kuscheln, die er in Koffern ins Hotel geschmuggelt hat, ganz nach dem Motto: "A little p*ssy gets you a lot of p*ssy." (Seriously??)

Haben wir nichts gelernt?

In einem ihrer Interviews nach Veröffentlichung der Netflix-Doku erklärt Baskin, dass sie der Teilnahme an der Produktion zugestimmt hatte, weil sie hoffte, auf diese Weise Aufmerksamkeit auf die Missstände in der Großkatzenhaltung zu lenken. Stattdessen erhält sie nun regelmäßig Morddrohungen und hat mittlerweile Angst, ihr eigenes Haus zu verlassen. "Ich bin wütend, dass die Leute das Wichtigste völlig übersehen: Dass diese Tierjungen missbraucht und ausgebeutet werden ... Die Zuschauer*innen haben gesehen, wie Jungen von ihrer Mutter weggeschleppt werden. Wieso gibt es dazu keine Kommentare?", zitiert Cosmopolitan dieTierrechtsaktivistin.

Während Baskin natürlich auch keine völlig unproblematische Figur in dem ganzen Szenario darstellt (Baskin hat selbst jahrelang Großkatzenzucht betrieben und profitiert auch heute noch von der Haltung von Großkatzen; der Mord an ihrem Ehemann wird in der Serie nahegelegt, beruht allerdings weiterhin nur auf Spekulation), wird wieder einmal klar: Frauen erfahren für zweifelhaftes Verhalten im Gegensatz zu Männern ein Vielfaches an Kritik – bis hin zu Morddrohungen.

Dass der durchwegs präsente Sexismus von vielen völlig übergangen und ein waffenbesessener, für versuchten Mord verurteilter Narzisst groß gefeiert wird, finde ich ehrlich gesagt schockierend. Man sollte meinen (oder zumindest ein bissi gehofft haben), dass mittlerweile mehr Bewusstsein für völlig unethisches, sexistisches Verhalten herrscht und Gewalt gegen Frauen ernst genommen und nicht einfach heruntergespielt oder ignoriert wird (und schon gar nicht zur Belustigung dient). Offenbar sind wir davon aber immer noch weit entfernt.

 

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