Kommentar: Streit unter Freund*innen sollte öfter vorkommen

Streiten wir genug in unseren Freundschaften oder tragen wir lieber das hässliche Brautjungfernkleid, um die Freundschaft nicht aufs Spiel zu setzen? Ein Kommentar.

Frau hat Augen zu und ist genervt. Mann diskutiert mit ihr.

Arghhh! Ich könnte schreien. Seit 3 Stunden schaue ich immer wieder auf mein Handy, schreibe paragrafenweise Nachrichten und höre mir viel zu lange Sprachnachrichten an. Die Voice-Notes pausiere ich zwischendurch, um mir die Punkte zu merken, auf die auch ich im passiv aggressiven Ton antworten werde. Meine Freund*innen und ich diskutieren wie verrückt. Im Gruppenchat eskaliert’s! Hauptsache alle Nachrichten beginnen mit einem höflichen "Hmm, ich verstehe deinen Punkt, aber …". Der Auslöser?

In besagtem Chat ist schon wieder eine unnötige Diskussion ausgebrochen: Weil Schlechtwetter angesagt ist, konnten wir uns nicht einigen, ob wir die geplante Party im Freien oder Indoor feiern sollen. Einige finden wir sollten abwarten und spontan entscheiden. Die anderen wollen auf Nummer sicher gehen und eine Location buchen. "Wann ist die Party nochmal?", die andere Hälfte des Chats kommt überhaupt nicht mit. Früher – in meinen Teenie-Jahren – hätte ich in dieser Situation einfach zu streiten begonnen. Ich hätte ein Mädel nach dem anderen zu einer Telefonkonferenz geadded und so meine kostbaren Freiminuten verbraucht, um ins Klapphandy zu schreien. Dann hätte ich das Telefon demonstrativ und verärgert zugeklappt. Warum machen wir das als Erwachsene nicht mehr?

Drama, Baby

Schon klar, dass Handy zuklappen, Türen zu schlagen oder während eines Streits einfach den Raum verlassen, "pubertierendes" Verhalten ist. Ja, je reifer wir werden, desto rücksichtsvoller und höflicher werden wir. Leider! Auf ein "Wie geht’s?" antworten wir schnell mit einem flüchtigen "Gut, danke!". Egal, wie dreckig es uns gerade geht. Und wenn uns das glitzernde Brautjungfernkleid nicht gefällt? Wir ziehen es an, um unsere Freund*innen nicht zu verärgern. Schließlich ist es IHR großer Tag. Welcome to Adulthood or Adulting!

Urban Dictionary beschreibt Adulting als "Post-Jugendphase, in der das Licht in deinen Augen schwindet und langsam stirbt". Hart, aber wahr! Meiner Meinung nach sollten wir im Erwachsenenalter nämlich viel mehr sagen, was uns beschäftigt, damit das Feuer nicht erlischt. Ohne dass dabei jedes Gespräch zur Therapiestunde wird. Außerdem g’hört einfach viel mehr gestritten. Und das ohne, dass dabei sofort eine Freundschaft riskiert oder gekündigt wird. Die fehlende Ehrlichkeit und übertriebene Angst vor Konfrontation kann ich einfach nicht nachvollziehen.

Noch mehr Drama

Konfrontation scheint es als Erwachsene nur noch selten zugeben. Zumindest in meinem Freundeskreis. Bei Streit beginnt jede Chat-Nachricht mit einem heuchlerischen: "Klingt ganz gut, ich denke aber…". Bedachte Ich-Botschaften werden hin und her geschickt und keine traut sich richtig aus ihrer Haut. Ich hab’s satt immer rücksichtsvoll zu sein und ja niemandem auf die Füße zu treten – im übertragenen Sinn natürlich! Es würde doch wirklich mal gut tun einfach ehrlich rauszulassen, was man denkt, oder? Der*die Freund*in oder Partner*in soll natürlich nicht à la Reality-TV angezickt werden. Es muss auch nicht gleich jede*r blockiert werden, nur weil "der Ton" der Chat-Nachricht nicht gefällt. Ja, virtuelle Schlammschlachten sind unglaublich mühsam. Besonders in Gruppenchats, in denen man nur die Hälfte der Mitglieder kennt. Trotzdem: Es gibt Gründe, die für Streit sprechen!

Ready to rumble

Was macht eine gute zwischenmenschliche Beziehung aus? Die Länge oder Tiefe der Bindung? Beides falsch! Ich finde, die richtige Streitkultur am wichtigsten. Wie wir mit Konflikten umgehen, zeigt erst wie kompatibel man wirklich ist. Denn, dass wir unsere Freund*innen und Partner*innen gern haben, wenn wir in der Honeymoonphase, also am Anfang, der Beziehung stehen, ist logisch. Was aber, wenn sich beide im Urlaub auf die Nerven gehen oder wir uns eben nicht für eine In- oder Outdoor Location entscheiden können?!

Wenn gar nichts mehr geht: STREITEN! Dinge, die stören sollten angesprochen werden, solange sie klein sind. Wenn man die eigenen Streitmuster und Auslöser kennt, sollte einem konstruktiven Fight à la Adulthood auch nichts im Weg stehen. Übrigens: Der Streit zeigt, dass euch an der Sache und der Beziehung etwas liegt. Er stärkt eure Bindung und ihr lernt euch noch besser kennen. Also, let’s fight!

 

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