Kommentar: Leistung schützt nicht vor Sexismus

Die neue Frauenministerin Susanne Raab und ihr problematisches Sexismus-Verständnis.

Susanne Raab (ÖVP) ist mit einem Journalisten der Tageszeitung Heute Straßenbahn gefahren. Und die kurze Fahrt, von der Wiener Innenstadt zum Hauptbahnhof, hat viel über das Sexismus-Verständnis der Frauenministerin verraten.

Auf die Frage, ob sie schon mal Sexismus erlebt hat, etwa am Arbeitsplatz, antwortet Raab: "Ich hatte das große Glück, dass ich Sexismus noch nie persönlich am Arbeitsplatz erlebt habe." Nachsatz: "Ich war natürlich als Frau in den letzten Jahren in Führungspositionen tätig. Und da muss man sich schon behaupten können."

Beginnen wir damit: Sexismus muss man erstmals als solchen erkennen. Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft, die auf der Ungleichheit von Frauen* und Männern aufbaut. Diese Ungleichheit hat viele Ausformungen und durchdringt unser Fühlen und Denken, wie wir lieben, mit wem wir uns solidarisieren – und sie macht natürlich nicht vor dem Arbeitsplatz halt. (Einmal ganz abgesehen davon, dass reproduktive Arbeit nicht als Arbeit angesehen wird).

Raab befindet sich in einer sehr privilegierten Position – als Ministerin, als Akademikerin, als Weiße und heterosexuelle Frau. Sie ist damit Sexismus um weitaus weniger ausgesetzt als es Schwarze Frauen, Women of Colour und/oder trans Frauen sind. Dass Raab noch nie Sexismus erlebt hat, ist aber unwahrscheinlich. Was sie mit ihrer Aussage meinen dürfte, ist wohl, dass sie noch nie offen sexistisch diskriminiert wurde. Das ist eine sehr verkürzte Definition von Sexismus - vor allem für eine Frauenministerin. Sie zielt auf die Spitze, und nicht auf den Eisberg. Abgesehen davon ist an Raabs Antwort noch etwas anderes enorm problematisch: ihre indirekte Schuldumkehr.

Wer behauptet, noch nie Sexismus erlebt zu haben, und dann die eigene Leistung ins Spiel bringt, impliziert: Frauen*, ihr seid selbst schuld! Wer nicht diskriminiert werden will, soll sich doch einfach mehr anstrengen, sich halt einfach mal behaupten. Das ist zu aller erst falsch. Denn Leistung schützt nicht vor Sexismus. Genauso wenig schützt sie vor Rassismus wie die rassistische Hetzkampagne gegen Justizministerin Alma Zadić (Grüne) erneut zeigt.

Raabs Antwort trägt ein gefährliches Narrativ, das die Opfer von Diskriminierung für ihre Diskriminierung verantwortlich macht und letztlich auch zwischen guten und schlechten Opfern unterscheidet: Zwischen jenen, die etwas 'geleistet haben' und deshalb unsere Solidarität verdienen und denen, die sich zu wenig anstrengen und die Benachteiligungen und den Hass schon irgendwie verdient haben werden. Auch das sollte eine Frauenministerin wissen.

 

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