Kommentar: Holt Sexarbeit endlich aus der Grauzone

Wenn Sexarbeiterinnen nicht angestellt werden dürfen, entgehen ihnen wichtige Rechte.

Sexarbeit aus der Illegalität holen: diese Forderung hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International voriges Jahr in einer Resolution verabschiedet. Das hat erneut heftige Debatten darüber ausgelöst, ob Sexarbeit legal sein sollte oder nicht.

Die Thematik ist sicherlich komplex – steht es Männern zu, sich Sex von Frauen zu kaufen? Wieso machen Menschen so viel Geld mit den Körpern von Frauen? In was für einer Gesellschaft leben wir, in der Frauenhandel und Sexarbeit derart lukrativ sein können? Das sind berechtigte Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Klar ist aber: Sexarbeit existiert. Sie wird in der Gesellschaft, wie sie derzeit besteht, immer existieren. Daher ist eine Kriminalisierung des Berufs vor allem eins: eine Gefahr für die Sexarbeiterinnen. Denn diese werden so in den Untergrund gedrängt, sind Ausbeutungsverhältnissen noch viel stärker ausgesetzt und können ihre (Arbeits-)Rechte nicht einklagen.

Prostitution zu kriminalisieren, ist keine Lösung


Internationale Beispiele zeigen, dass die Kriminalisierung den Markt kaum verändert, sagt Soziologin Helga Amesberger im WIENERIN-Gespräch. „Die Anzahl von SexarbeiterInnen und Bordellen bleibt im Wesentlichen gleich – egal ob ich nun den Sexmarkt vollkommen legalisiere wie in Neuseeland, ihn stark reguliere wie z.B. in Österreich oder ob ich lediglich den Kauf sexueller Dienstleistungen bestrafe wie zB. in Schweden oder Prostitution überhaupt verbiete wie in den USA etc.“
Die Expertin weiß auch: wie Studien aus Schweden zeigen, hat das Sexkaufverbot zu einem Anstieg von Gewalt und einem Ansteigen der Stigmatisierung von SexarbeiterInnen geführt. Sie sind vermehrt Erpressungen ausgesetzt, ihnen werden aufgrund ihrer Tätigkeit das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, Wohnungen aufgekündigt und vieles andere mehr.


Wenn sie mehr Rechte bekommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zur Polizei gehen oder sich an NGOs wenden ebenso größer. Die Kriminalisierung der Sexarbeit fördert nur gesellschaftliche Abwertung, Diskriminierung und Stigmatisierung von und Gewalt gegen SexarbeiterInnen.

Sexarbeiterinnen müssen grundlegende Arbeitsrechte bekommen


In Österreich gibt es neun verschiedene Prostitutionsgesetze. Die Ausübung von sexuellen Dienstleistungen ist fast nur in genehmigten Bordellbetrieben möglich. Die BetreiberInnen entscheiden über das Schicksal ihrer Sexarbeiterinnen – sie bestimmen Preise, Kleidung, Dienstleistungen und Anwesenheit.


Warum aber sollen Sexarbeiterinnen nicht einfach die gleichen Rechte bekommen wie alle anderen arbeitenden Menschen in Österreich? Sie sollten versichert sein, ihren Lohn einklagen können, und ein angemessenes Gehalt bekommen.


Sexarbeit einfach in den Untergrund zu drängen und so zu tun, als gäbe es sie nicht, ist mehr als nur kurzfristig gedacht. Es muss nämlich noch viel mehr passieren, damit Menschen diesen Job gar nicht erst ausüben müssen - da viele Frauen in Notlagen keinen anderen Weg sehen. Wie? Ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein voller Arbeitsmarktzugang für MigrantInnen. Denn vor allem sie haben es schwer.


So dürfen etwa Asylwerberinnen nur eingeschränkt arbeiten, doch sie können als sogenannte „Neue Selbständige“ einige Berufe, die keinen Gewerbeschein benötigen, ausüben. Darunter fallen etwa Journalistinnen, Künstlerinnen und auch: Sexarbeiterinnen.


Natürlich: auch im Falle einer Anstellung ist Ausbeutung möglich. Doch einer Berufsgruppe, die vermehrt aus Frauen und Migrantinnen besteht – die ohnehin kaum Rechte haben – einfach weitere - grundlegende - Arbeitsrechte, die ihnen zustehen, zu verwehren, ist sicherlich auch keine Option.

Der Internationale Hurentag, in englischsprachigen Ländern International Sex Workers’ Day genannt, ist ein inoffizieller Gedenktag, der an die Diskriminierung von Prostituierten und deren oftmals ausbeuterischen Lebens- und Arbeitsbedingungen erinnert. Ausgangspunkt des Internationalen Hurentags als Gedenktag war der 2. Juni 1975, an dem mehr als 100 Prostituierte die Kirche Saint-Nizier in Lyon besetzten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Die Selbstorganisation und Plattform sexworker.at, die Vereine LEFÖ (Wien), maiz (Linz), SXA-Info (Graz), PiA (Salzburg) und iBUS (Innsbruck) fordern ein Ende der gesellschaftlichen Doppelmoral, der Diskriminierung von SexarbeiteInnen und damit einhergehend ein kritisches Hinterfragen aktuell hegemonialer Diskurse über Sexarbeit und SexarbeiterInnen.

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