Komm doch näher!

Nähe ist mehr als das Gegenteil von Distanz. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Dennoch ist sie in Beziehungen oft schwer zu finden – oder zu ertragen.

"Du bist so weit weg", sage ich. Und werde nur Millisekunden später Zeuge, wie sich ein virtuelles Fragezeichen von der Größe eines 60-Tonners über T.s Kopf aufbläht. So ganz kann ich ihm seine Ratlosigkeit nicht verdenken. Denn mein soeben geäußerter Vorwurf ist alles andere als nachzuvollziehen, sitzt er doch neben mir auf der Couch. "Ich möchte einfach mehr Nähe", versuche ich es noch einmal. Doch das Fragezeichen will nicht kleiner werden. T. sieht mich vielmehr weiterhin an, als hätte ich mir gerade ein rosa Kaninchen bestellt, das Beethovens Neunte auf der Harfe spielen kann.

Ich kann T. keinen Vorwurf machen. Ihm die Übersetzung meines angemeldeten Bedürfnisses in Handlung zu überlassen, muss scheitern. Nicht einmal die Psychologen sind sich schließlich einig, was Nähe eigentlich ist. Einige definieren sie als objektiv beobachtbares Verhalten im Sinne physischer Anwesenheit. Andere als Kenntnis, Verständnis und Wertschätzung der Seele des jeweils anderen. Konsens besteht lediglich darüber, dass das Streben nach Nähe ein Grundbedürfnis ist - und das von Geburt an. "Bekommt etwa ein Säugling nicht genug Zuwendung, treten Entwicklungsretardierungen und gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod auf, auch wenn er mit ausreichend Nahrung versorgt wird", sagt die Psychologin Charlotte Hetzer. Auch Beziehungen kränkeln, wenn es an der Wunderdroge Nähe fehlt.

Beziehungen kränkeln, wenn es an der Wunderdroge Nähe fehlt.
von Charlotte Hetzer, Psychologin

Doch wie bitte bekomme ich jetzt, was ich will? Hetzers Rat: "Betrachten Sie Nähe einfach als Ihr ganz individuelles Konto mit einer Soll-Seite für Ihre Wünsche und einer Haben-Seite mit erlebter Befriedigung, um dessen Balance Sie sich täglich neu bemühen", sagt die Psychologin. Und zwar so:

Schritt 1: Die Soll-Seite erforschen.

"Meist wissen wir selbst nicht so genau, was wir wollen. Umso schwerer ist es für den anderen, unsere Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen", so Hetzer. Daher müsse ich zunächst einmal konkret werden, mich öffnen, meine Wünsche äußern - mir selbst gegenüber. Die Krux: "Bedürfnisse und Gefühle in Worte zu fassen fällt nicht leicht. Wir verstecken uns hinter oberflächlichen Wünschen, weil wir Angst haben, dass unser innerstes Sehnen vom anderen zurückgewiesen wird. Das täte sehr weh. Auch stünden wir dann vor einem echten Problem: der Erkenntnis, dass der andere nicht bereit oder nicht fähig ist, zu geben, was wir wirklich brauchen", sagt die Psychologin. Doch es ist nicht diese Erkenntnis, die den Anfang vom Ende der Beziehung einläutet. Sondern das Nicht-Eingestehen der eigenen Wünsche. "Machen Sie eine Liste davon, was Sie vermissen. Und schauen Sie dann tiefer", erklärt Hetzer. Hinter dem Wunsch nach einem gemeinsamen Opernabend verbirgt sich oft ein Sehnen nach Commitment, nach einem Wir-Auftritt. Hinter einem Candle-Light-Dinner auf der Liste steckt vielleicht Misstrauen, wenn er mal wieder allein mit den Kumpels unterwegs ist und nicht mit uns is(s)t.

Schritt 2: Wünsche streuen.

"Vergessen Sie beim Blick auf Ihre Wunschliste eines nicht: Kein Mensch kann ganz allein all unsere zahlreichen körperlichen, geistigen und emotionalen Bedürfnisse erfüllen. Es braucht viele", sagt Hetzer. Eine Freundin, mit der wir über unseren Orgasmus reden. Einen Vater, der uns zur Beförderung gratuliert. Eine Kollegin, mit der wir über den Chef schimpfen. Einen Partner, der uns nach einem langen Tag die Füße massiert. "Lernen Sie zu akzeptieren, dass Ihre beste Freundin vielleicht mehr über Ihre Träume weiß als der Liebste, hadern Sie nicht damit. Liebe muss in unseren Augen vollkommen sein. Wir erwarten, dass die Interaktion mit dem Partner ausreicht, um unser Nähe-Konto in Balance zu halten. Aber das ist eine Erwartung, die sich kaum erfüllen lässt."

Hetzer rät daher, den Wunsch nach Nähe nicht nur an den Partner zu richten, sondern zu streuen. Und Freundschaften als das Luxusgut unserer Emotionalität zu sehen. "In Freundschaften gibt es viel weniger Erwartungen, die Freiheit ist größer. Mit Freunden können wir viel stressfreier aushandeln, welchen Raum wir in einer Beziehung brauchen, ohne zu verletzen und verletzt zu werden", so die Psychologin.

Schritt 3: Andere Bedürfnisse akzeptieren.

Jetzt kann man mit dem Partner in Verhandlungen über die noch nicht gestillten Bedürfnisse treten. "In der Partnerschaft ist es wichtig, ganz bewusst nach so genannten Harmoniefeldern zu suchen, nach Dingen, die beiden Spaß machen und guttun. Und diese dann auch zu pflegen", sagt Hetzer. Wichtig sei dabei aber, zu akzeptieren, dass der Partner ein anderes Nähebedürfnis hat. "Je nachdem, wie viel Zuwendung wir als Kind bekommen haben, entwickelt sich unser Bindungsstil. Es gibt, sicher gebundene' Menschen, die kein Problem mit Bindungen haben, aber auch Distanz ertragen können. Und es gibt Menschen, die auf Nähe misstrauisch reagieren, weil sie in ihrem Leben oft zurückgewiesen wurden. Sie können aber auch Distanz nicht gut aushalten, weil sie Angst haben, den anderen zu verlieren. Was sich dann als Klammern manifestiert", erklärt Psychologin Charlotte Hetzer. "In einer Beziehung stimmt die Balance dann, wenn sich zwei miteinander wohlfühlen."

"Du willst also Nähe?", fragt T. nach. "Leg einfach die Fernbedienung weg und nimm meine Hand", sage ich. "Dann weiß ich, dass du weißt, dass ich da bin." Und siehe da: Schon ist der Laster über seinem Kopf verschwunden.

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