Kolumne: Zahlen Sie bar, mit Bankomatkarte oder mit Komfort?

Manche Erkrankungen brauchen Fingerspitzengefühl und Zeit, doch die gibt es in vielen Kassenordinationen nicht. Es scheint eine Zusatzleistung geworden geworden zu sein.

Stethoskop auf Geldscheinen

Um gleich vorweg zu sagen: Ich bin kein Fan von „leiste dir deine Gesundheit“. Ich bin froh über die Einrichtung von gesetzlichen Krankenversicherungen. Leistbare Medizin für alle, was ist das für eine großartige Vorstellung. That being said: Wenn die Lösung unserer aktuellen Situation darin besteht, die Wahlärzt*innen und ihre Ordis abzuschaffen, halte ich das für kurzsichtig, wenn sich sonst nichts ändert.

Ohne Moos, leider wenig los

Die Auswahl besteht grundsätzlich aus der Kassen-Ordi mit dem Optionen “Lange Wartezeiten auf den Termin” teilweise mehrere Monate. Das zugehörige Add-On “lange Wartezeit im Wartezimmer trotz Termin” wird bei Bedarf mit serviert. Ebenso das Gefühl der Massenabfertigung im Behandlungszimmer. “Schmerzen bei der Regel sind völlig normal” ist ein häufig verwendetes Totschlagargument, bevor überhaupt eine Untersuchung stattfindet. Findet sie dann statt, dauert die ganze Nummer plus-minus fünf Minuten. Und die Therapie? Schmerzmittel nehmen, hinlegen, passt schon. Oder die Pille.

“Aber ich hätte da noch eine Frage”, will ich sagen und das Gesicht des Arztes so:

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Gut, dafür kostet es nichts. Zumindest kein Geld - “nur” ein bisschen Frustrationstoleranz und ein schales Gefühl. Alternativ wird in die Tasche gegriffen. Was in der öffentlichen Meinung wie eine Luxusleistung verkauft wird, ist zumindest nach meinem Empfinden das, wie gesundheitliche Betreuung sein sollte. Ein zeitnaher Termin, entspanntes Personal, eine fürsorgliche Betreuung, Wohlfühlatmosphäre im Wartezimmer. Frau muss sich diesen Komfort leisten wollen. Und teilweise auch müssen.

Zeit für Zusammenhänge

Fakt ist, dass der Krankenschein in Kassenordinationen nicht viel wert ist. Zeit ist schließlich Geld. Zeit ist aber auch die Grundlage für ein Vertrauensverhältnis zu behandelnden Ärzt*innen. Bei komplexen Erkrankungen, bzw. auch seltenen Erkrankungen, fehlen in vielen Ordinationen die Rahmenbedingungen für ausführliche Gespräche und Untersuchungen. Standardisiert wird schnell abgefragt und wenn alle Stricke reißen; könnte vielleicht die Psyche Schuld sein? Grund für diese reißenden Stricke könnte vielleicht auch sein, dass es kaum Zeit gibt, um Zusammenhänge in einem persönlichen Gespräch zu erfragen.

Zusammenhänge spielen eine große Rolle, denn Beschwerden kommen bei vielen Erkrankungen selten allein. Endometriose ist etwa oft begleitet von Beschwerden im Rücken, Lipödemen oder chronischer Müdigkeit. Oder anderen Dingen. Zum Beispiel Blut im Stuhl. Aber will man das einer Person erzählen, die suggeriert: “Die nächste bitte!”?

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Es braucht Vertrauen, Geduld, gutes aktives Zuhören, eine fürsorgliche Aufklärung über den Gesundheitszustand und Zeit, um bei Patient*innen erst einmal das Unwohlsein über die Beschwerden abzubauen. Auch seitens der Ärzt*innen hat sich in den letzten Jahren der Trend Richtung Wahlärzt*innen-Ordination entwickelt - sicher aus naheliegenden finanziellen Gründen. Ehrlich gesagt, als Beraterin kann ich das Bedürfnis gut nachvollziehen, die Klient*innen und ihre Bedürfnisse gut zu kennen. Dann ist die Leistung nämlich auch besser, allein schon weil sie individueller ist. Andererseits haben auch die Kassenverträge unter den Ärzt*innen noch immer den Ruf der “Fünf-Minuten-Medizin”.

Es braucht vor allem auch Rahmenbedingungen für Ärzt*innen in den Kassen-Ordinationen, keinen zusätzlichen finanziellen Druck zu haben. Wer am Ende nämlich darunter leidet, sind die Patient*innen. Und das kann sowohl individuell, als auch gesellschaftlich und wirtschaftlich keinen Vorteil bringen.

 

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