Kolumne: Wir fasten!

Süßigkeiten sind bis Ostersonntag bei uns tabu. Denn unsere Verwandtschaft ignoriert ein kleines Detail im Essverhalten unseres großen Sohnes.

Florian Danner

Wir stehen gerade in einer kritischen Phase unseres Familienlebens. Meine Frau und ich fasten. Korrekterweise müsste es hier heißen: Meine Frau, unser großer Sohn Theo und ich fasten. Wir drei essen in der Fastenzeit keinen Zucker. Wobei es auch da korrekterweise heißen müsste: Wir nehmen keine Nahrungsmittel zu uns, die raffinierten Zucker enthalten. Auf Deutsch: Wir essen in der Fastenzeit keine Schokolade, keine Kuchen, keine Torten, keine Süßigkeiten. Obst -das ja Fruchtzucker enthält -natürlich schon.

Dinge wieder schätzen lernen

Warum macht unser sechsjähriger Sohn da mit? Theo ist eines dieser wenigen Kinder, die keine Süßigkeiten mögen. Abgesehen von einem Höflichkeits-Gummibärli lehnt er alles dankend ab, was ihm jemand an Süßem anbietet. Er fastet also nicht mit Mama und Papa, er macht das sowieso 365 Tage im Jahr.

Und da wären wir auch schon beim Grund, warum Mama und Papa die Fastenzeit wörtlich nehmen: Es ist nicht unbedingt der Gedanke an die Bibel und die 40 Fasttage, die ein gewisser Jesus vor gut 2.000 Jahren durchgezogen haben soll. Ausschlaggebend für unser Fasten ist auch nicht die Überlegung, sich im Verzicht zu üben, um Dinge danach wieder mehr zu schätzen -meine Frau und ich verehren ohnehin tagein, tagaus kaum etwas mehr im Leben als Süßigkeiten.

Es ist das Faktum, dass zwar jeder in unserer Familie und unserem Freundeskreis weiß, dass Theo nix Süßes mag, es aber auch jeder beinhart ignoriert. Und so kriegen wir jedes Jahr aufs Neue Schoko-Osterhasen, Löffeleier und essbares Ostergras in Mengen, die für zwei Kinder schon kaum essbar wären. Und dann isst es nur einer unserer zwei Söhne.

Gut gemeint

Das geht so weit, dass uns meine Mutter letztes Jahr sogar einen Drei-Kilo-Kübel Nutella aus dem Großsupermarkt organisiert hat -mit dem Ergebnis, dass wir alle Hände voll zu tun hatten, um den Bottich vor der nächsten Fastenzeit knapp elf Monate später wieder geleert zu haben. (Wir können hier übrigens voller Stolz berichten: Es ist uns dank unserer außerordentlich aufopfernden Essgewohnheiten haarscharf vor dem Aschermittwoch gelungen.)

Und so ist die einzige Wahrheit hinter unserem jährlichen Fasten vor Ostern weder eine philosophische noch eine religiöse; keine diätologische, keine globalisierungskritische und auch keine ideelle -sondern eine ganz allein praktische: Wir müssen unsere Bäuche, Hüften, Oberschenkel und Pausbacken auf die gut 300 Tage zwischen Ostersonntag heuer und Faschingsdienstag im nächsten Jahr vorbereiten.

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