Kolumne: Wer braucht ein Sackerl?

Martina Parker erstickt in Baumwollturnsackerlrucksäcken.

Wie in den meisten österreichischen Haushalten gab es bei uns daheim ein Sackerl, in dem sich alle anderen Sackerln befanden. Brauchte man für irgendwas ein Sackerl, zog man sich eines heraus und verwendete es erneut. Bekam man ein neues, steckte man es in das Sackerlsackerl. Seit Plastiksackerln ein No-Go sind, ist das Sackerl für die Sackerln leer. Es gibt ja auch kaum mehr Plastiksackerln, nur noch Baumwoll-Shopper.

ECO-LOGISCH? Am Anfang fand ich diese Baumwoll-Shopper toll: nachhaltiger als ein Plastiksackerl, langlebiger als ein Papiersackerl, und wenn man Glück hat, ist auch ein lustiger Spruch ("Who wants to be a model when you can be a scientist?") oder ein cooles Label draufgedruckt. Echt super, weil man so endlich zu einer leistbaren YSL-oder Chanel-Tasche kommt! Die Fashion-und Beauty-Industrie entdeckte nämlich recht schnell, dass Baumwoll-Shopper herrliche Werbeträger sind. Das merken wir auch in der Beauty-Redaktion, denn es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Presseaussendung samt Baumwolltasche -oder noch hipper: samt Baumwollturnsackerlrucksack - in die Redaktion schneit. Die Aufdrucke auf den Baumwollsackerln werben für Parfum und Luxuscremes, aber auch für Pflaster, Pickelpflege und Schuppenshampoos. Viele haben zu lange Henkel, sodass sie voll befüllt auf dem Boden schleifen, falls man damit seine Einkäufe heimträgt. Alle werden schnell dreckig, gehen beim Waschen ein und sind dann ungebügelt faltig und verknittert, was seltsam ironisch wirkt, wenn die aufgedruckte Werbebotschaft eine für faltenfreie Haut ist.

VIEL ZU VIEL. Mittlerweile habe ich bereits eine ganze Lade mit Baumwollsackerln und -backpacks, und es werden ständig mehr. Ich muss der Wahrheit ins Auge schauen: Ich habe ein Baumwollsackerlproblem. Also habe ich begonnen, Baumwollsackerln zu verschenken. Das klappte anfangs ganz gut, aber mittlerweile haben auch alle meine Freunde und Bekannten ein Baumwollsackerlproblem. Die Dinger werden ja mittlerweile genauso inflationär produziert wie früher die Plastiksackerln. Und obwohl diese zum Glück nicht so oft im Meer landen, sind sie auch nicht sooo umweltfreundlich wie angenommen. Man denke nur an das ganze Gift und den hohen Wasserverbrauch auf den Baumwollfeldern: Man muss ein Baumwollsackerl mindestens 131 Mal verwenden, bis sich der Produktionsaufwand umwelttechnisch rechnet. Ich weiß nicht, ob ich noch so lange leben werde, bis ich alle meine Baumwollsackerln aufgetragen habe. Deshalb bin ich jetzt im Baumwollsackerlstreik. Zurück zu Plastik ist natürlich auch keine Option, aber wie wäre es zum Beispiel mit einem hübschen Korb? Umweltfreundlich, wiederverwendbar und - nachdem das Leben ein Wunschkonzert ist - im Idealfall von YSL oder Chanel.

 

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