Kolumne "Walking Dad": Über das schlechte Gewissen

Man fühlt sich innerhalb der eigenen Familie gleich weniger schuldig, wenn auf einmal auch andere das tun, was einem selber Gewissensbisse bereitet.

Florian Danner

Was bin ich für ein Rabenvater! Und ein schlechter Ehemann. In nächster Zeit bin ich nämlich gut 20 Tage lang nicht daheim. Tagsüber nicht. Und nachts auch nicht. Ich habe mir vorgenommen, innerhalb der drei Wochen vor der Europawahl Österreich zu umradeln. 2.500 Kilometer, die Grenze entlang.

Und es kommt noch schlimmer: Ich werde bezüglich solcher Familienabwesenheiten rückfällig. Vor eineinhalb Jahren hatte ich die Idee, Österreich von der westlichsten zur östlichsten Gemeinde 1.000 Kilometer lang für Puls 4 zu durchwandern. Damit endlich nicht nur Politiker in den Medien reden, sondern Menschen aus allen Winkeln des Landes, die sonst nie eine Öffentlichkeit bekommen. Also diesmal wieder: raus aus der Blase, rein ins echte Leben.

Das echte Leben heißt aber auch: Meine Frau ist mit unseren zwei Söhnen allein. Für ganze drei Wochen. Wenn ich ihr von solchen Ideen erzähle, kommentiert sie das immer begeistert. Vielleicht einfach deswegen, weil sie die Umsetzung meiner Ideen leicht anzweifelt - und bevor es zu einer Auseinandersetzung kommt, lässt sie mir meine Hirngespinste. Die Chancen auf Umsetzung: überschaubar.

Meine Frau weiß auch: Je öfter mir jemand sagt, dass etwas unrealistisch ist - oder im Fall der vergangenen 1.000-Kilometer-Wanderung oder der bevorstehenden 2.500-Kilometer-Umradelung laut Profisportlern "für Untrainierte kaum machbar" -, desto mehr reizt es mich, all diesen Ungläubigen das Gegenteil zu beweisen.

Das löst natürlich ein gewaltiges Problem nicht: das schlechte Gewissen gegenüber unseren zwei Söhnen und meiner Frau. Natürlich videotelefonieren wir jeden Abend. Aber wenn Theo dann von einem verlorenen Milchzahn erzählt oder mir Noah eine selbst gemalte Zeichnung durchs Handy geben will, werde ich mich auch diesmal fragen, warum ich nicht lieber daheimgeblieben bin. Da hilft auch der Gedanke an die vielen Familienratgeberbücher nicht - mit dem weisen Tipp: "Nur, wer sich selbst verwirklichen kann, ist auch eine gute Mutter oder ein guter Vater." Oder der Ratschlag, man möge sich doch aufzählen, was man sonst alles für die Familie tue: Papa-Nachmittage mit den Kids, ganze Wochenenden für ihre Hobbys und so weiter. Was wirklich geholfen hat, ist erst in den letzten Tagen passiert: Unser großer Sohn hat mir eröffnet, dass er diesen Sommer ganz allein zum Trainingslager seines Skisprungklubs nach Planica fährt. Und meine Frau plant mit ihrer besten Freundin im Herbst eine Woche New York. Und ich hab mir gedacht - und ein bissl erwartet -, dass ich gebraucht werde. Aber immerhin ist meine familiäre Abwesenheit jetzt nachvollziehbarer. Immerhin bin ich ja dienstlich unterwegs. Quasi ...

 

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