Kolumne "Walking Dad": Mahlzeit, Kind!

Kinder sind beim Essen heikel und undurchsichtig - Letzteres vor allem, was ihr Erinnerungsvermögen an vergangene Mahlzeiten angeht. Das stellt Eltern oft vor ein Rätsel, schreibt WIENERIN-Kolumnist Florian Danner.

Florian Danner

Vermutlich war ich der erste Mensch im Kindergarten von unserem Noah, der den Speiseplan mit dem Handy abfotografiert hat. Ein bissl peinlich war mir das schon. Dabei gibt es eine schlüssige Erklärung für mein Verhalten. Und die hat mit dem täglichen Rätselraten zu tun, wenn wir daheim sind: Was gab es im Kindergarten zum Mittagessen?

Vom Fleck weg. Vor einem Jahr war das noch halbwegs eindeutig an Noahs Kleidung feststellbar: Rote bis orange Flecken am T-Shirt stehen bekanntlich für Spaghetti bolognese, bei leicht gelblichen Verklebungen in den Haaren gab’s Vanillepudding als Dessert; sind auf der Hose dagegen dunkelrote Punkte, hat Noah die Kirschen selbst entkernt. Damals war die Welt also noch in Ordnung, sprich: erklär- und nachvollziehbar.
Mittlerweile hat sich Noahs Feinmotorik aber doch so weiterentwickelt, dass mehr im Mund landet als an Kleidung, Haut und Haaren. Das führt dazu, dass ich nicht mehr gleich errate, was es zu essen gab. Die tägliche Frage danach wird meistens nur unzureichend beantwortet – und schwankt je nach Laune zwischen „Weiß ich nicht mehr“ und „Was Braunes!“.
Es könnte mir ja eigentlich egal sein, Noah nagt grundsätzlich nicht am Hungertuch. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das Kindergartenpersonal die Kleinen gut im Griff hat. Aber manchmal hätte ich einfach gerne eine Erklärung für einen kindlichen Wutanfall daheim, der sich auf Unterzucker zurückführen lässt: Was hat es da im Kindergarten gegeben, das ihm so gar nicht geschmeckt und ihn zum Fasten bis zum Stimmungstief gebracht hat?

Ratespiel. Nachdem Noah gerne malt, habe ich es schon mit Zeichnen probiert – aber da schaut dann ein Schnitzerl aus wie ein Vulkan und der Kaiserschmarren wie ein Zebra. Und – so vielfältig die Küche unseres Kindergartens ist – ich kann mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass bei uns im Wienerwald afrikanische Tiere auf den Tisch kommen.
Deswegen sind wir zu Beschreibungen übergegangen. Und die sind durchaus ergiebig: Da gab’s im letzten Sommer zum Beispiel als Nachspeise – ich zitiere – „Nektarinen mit Teppich“. Es dürften Pfirsiche gewesen sein. Relativ schnell sind meine Frau und ich draufgekommen, als Noah von einem Gemüseeinlauf berichtet hat: Es war selbstverständlich ein Auflauf.
Die härteste Nuss bisher war, als im Kindergarten laut Noah „ein runder Kuchen mit Knochen“ serviert wurde. Meine Frau und ich haben uns das eine ganze Nacht lang durch den Kopf gehen lassen und sind nicht draufgekommen. Die Erlösung kam am nächsten Tag von der Kindergartenbetreuerin, als wir gefragt haben, was Noah gemeint haben könnte. Es waren – tadaaa! – Marillenknödel. Seither ist der Pädagogin klar, warum ich Anfang der Woche den Speiseplan abfotografiere.

 

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