Kolumne: Soll ma uns wegräumen?

DEATH CLEANING. Was für ein seltsamer neuer Lifestyletrend!

Martina Parker

Letztens war unsere Großfamilie in morbider Stimmung. Konkret ging es um den letzten Platz in unserer Familiengruft, an dem plötzlich mehrere Anwärter des weit verzweigten Stammbaums vorsorgliches Interesse zeigten. Mehrere Lösungen wurden angedacht: von "Dort früher Begrabene umbetten, um Platz für die Neuen zu schaffen" bis zu "Ab jetzt lassen wir uns einfach alle verbrennen - Urnen nehmen viel weniger Platz weg".

SPIONAGEDIENSTE. Auf jeden Fall bin ich seit der dazu geführten WhatsApp-Diskussion überzeugt, dass ich von Google, Facebook, Instagram und Co todsicher abgehört werde. Denn mein Werbefeed war in Folge aber so was von todernst: Ich bekam Anzeigen zu Urnen im Golfballdesign (Big Brother weiß, dass ich gerne den Golfschläger schwinge), eine Sterbeamme bot ihre Dienste an. Zu guter Letzt folgte ein Newsletter, der mich zum "Death Cleaning" aufforderte - ein angeblich angesagter schwedischer Lifestyletrend. Da war ich dann doch neugierig

Death Cleaning funktioniert so ähnlich wie die Aussortiererei der japanischen Ordnungshüterin Marie Kondo: Man schmeißt alles weg, was bei den Erben keinen "joy sparklen" würde. Höchstpersönliche Erinnerungsstücke wie die Maturaballeinladung aus dem letzten Jahrtausend, das Aftershave des Ex oder die Zündholzschachtel der längst abgefackelten Lieblingsdisco räume man vorsorglich in eine Schuhschachtel mit dem Verweis "Nach meinem Tod bitte wegwerfen". Dann müssen sich die Erben nämlich nicht mit dem sentimentalen Zeugs herumschlagen. Wichtig sei auch das Führen einer Inventurliste aller Besitztümer mit dem Hinweis, was für welchen Erben "joy sparklen" könne. Und dann solle man auch noch alle Fotos "decluttern", auf denen Menschen drauf sind, die eh keiner mehr kennt.

GEHT 'S NOCH? Allein der Gedanke, Terabytes an Bilddaten zu durchforsten und dafür Tage meiner wertvollen Lebenszeit zu opfern, trieb mir Schweißperlen auf die Stirn. Leute, diesen Trend lasse ich aus! Vorsorge bedeutet für mich, dass man ein Testament verfasst, bei dem sich die Erben nicht den Kopf einschlagen, und seine Social-Media-Passwörter zu hinterlegen, damit nicht noch Jahre nach dem Tod Facebook alle Freunde auffordert, einem zum Geburtstag zu gratulieren. Ansonsten halte ich mich statt an das moderne Death Cleaning lieber an das altbewährte Carpe diem: Nutze den Tag, feiere das Leben und jede Party, lache viel und liebe heftig.

Und mit dem Nachlass sollen sich bitte meine Nachfahren herumschlagen. Die erben ja schließlich auch. Und ach ja, statt WhatsApp benutze ich jetzt das abhörsichere Threema.

 

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