Kolumne "Servus Alaykum!": Zack, zack, zack mit dem Kopftuchverbot, sagt die Frauenministerin!

Das wichtigste frauenpolitische Anliegen der neuen Frauenministerin Susanne Raab: Das Kopftuchverbot. Das sollte nicht nur jene Frauen, die es direkt betrifft, wütend machen, findet WIENERIN-Kolumnistin Menerva Hammad.

Keine Zeit zu verlieren: Innerhalb der nächsten 100 Tage möchte die neue Integrationsministerin Susanne Raab nicht nur das Kopftuchverbot bis 14 Jahre ausweiten, sondern auch eine Dokumentationsstelle einrichten, in der politisch islamische Vorfälle gemeldet werden können. Warum?
Natürlich zum Schutz. Zum Schutz „unserer Frauen“ vor „importierten Machokulturen“, die unsere eigene Kultur und vor allem unserem Frauenbild nicht gerecht werden – das das Frauenbild in Österreich ist schließlich emanzipiert. Es ist also ein großes, aber vor allem feministisches Anliegen, das Kopftuch - momentan - nur für Kinder zu verbieten, aber bald (und das ist garantiert) da kommen die erwachsenen Frauen dran. Dann - und nur dann - haben wir DAS Frauenbild erreicht, für das wir hier schon sehr lange kämpfen. Liebe Österreicherinnen, die lang ersehnte Freiheit ist schon zum Greifen nahe. Nur noch ein paar Mal schlafen.

Sexismus wird hingenommen - Hauptsache, die tragen kein Kopftuch mehr

Für jene, die die Problematik noch nicht durchschauen: Das Frauenministerium gibt es in der neuen türkis-grünen Regierung nicht als eigenständiges Ministerium. Braucht man in einer emanzipierten Gesellschaft wie jener in Österreich auch nicht, wir Frauen haben hier ja weder Probleme noch Anliegen. Deswegen wurde die Hoffnung auf ein eigenes Frauenministerium zwar nicht ganz ignoriert, aber es wurde zum Integrationsministerium quasi dazugelegt. Warum? Weil Frauen laut Bundeskanzler Sebastian Kurz „von den importierten Machokulturen“ geschützt gehören, immerhin kommen diese mit „veralteten Rollenbildern“ hier her und glauben, sie können jeder Frau ein Kopftuch um den Schädel stülpen.
Um die einheimische – zweifellos existierend, aber medial kaum dokumentiert – Machokultur des Landes muss sich ja eh keiner kümmern. Das wird einfach hingenommen. Es wird hingenommen, dass die neue Justizministerin Alma Zadic aufgrund ihrer Herkunft und ihrem nicht existierendem Religionsbekenntnis (man nahm an sie sei Muslima, was sie verneinte) von rechten PolitikerInnen und WählerInnen so viele islamophobe Hasskommentare und Drohungen bekommt, dass sie aktuell Polizeischutz braucht. Es wurde hingenommen, dass Sigi Maurer von einem Wirt ohne Migrationshintergrund sexuell belästigt wurde. Es wurde hingenommen, dass die deutsche Politikerin Sawsan Chebli einen sexistischen Tweet von Efgani Dönmez hinnehmen musste. Sexismus wird hingenommen, solange der Täter die richtige Herkunft hat. Frauenmorde werden hingenommen, solange der Täter die richtige Herkunft hat. Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz sowie die Tatsache, dass Frauen immer noch weniger bezahlt bekommen als Männer, wenn es sich doch um denselben Posten handelt, auch das wird hingenommen. Dass zahllose alleinerziehende Frauen am Ende jeden Monats mit Existenzängsten zu kämpfen haben, über Optionen wie „Pensionssplitting“ nur selten gesprochen wird und Frauenarmut auch nicht oft genug thematisiert wird, das wird hingenommen. Es wird hingenommen, dass es Frauen in Österreich - aus unterschiedlichen Gründen - nicht gut geht. Wir lassen uns spalten. Auch das nehmen wir hin.

Glauben Sie uns - ob wir Kopftuch tragen oder nicht!

Susanne Raab ist nun also neben den Integrations- auch für die Frauenagenden zuständig. Und hat frauenpolitisch nichts vorzuweisen. Keine Erfahrung, keine theoretischen Vorkenntnisse, einfach nichts. Man kann natürlich das Burkaverbot als Vorkenntnis zählen, wenn man möchte, aber wo sind diese Frauen heute? Was tun sie? Wie leben sie? Hat sich jemand darum gekümmert, diese Frauen, die man um jeden Preis der Welt befreien wollte, nach der Zwangsrettung zu fragen, um wie viel freier sie nun leben?
Wer auch immer kürzlich Zell am See besucht hat: Dort sind sie noch. Touristinnen natürlich, zahlende Kunden und zahlende Kunden verscheucht man nicht. Solange man für seine angebliche Gefangenschaft zahlt, wird auch diese hingenommen. „Mädchen tragen nie freiwillig Kopftuch“, weiß Susanne Raab und da frage ich mich schon, woher sie diese absolute Gewissheit über alle muslimischen Mädchen haben möchte? Hat sie etwa mit ihnen gesprochen? Mit allen? Und würden ihr jene Mädchen sagen, dass dieses Tuch, dieses Zeichen für das sichtbare Muslimisch Sein - und mehr ist des Tiacherl ned, egal was uns welches System einreden möchte - Teil ihrer Identität ist, ein Teil von ihnen, oder einfach ihre Art der Bekleidung, würde sie ihnen dann auch glauben?

Hier stehe ich, als sichtbare muslimische Frau und sage - nicht zu Susanne Raab - aber zu jenen Menschen, die sich wirklich um das Wohl aller Frauen kümmern: Glauben Sie uns. Glauben Sie uns, wenn wir sagen, dass wir das Kopftuch gerne tragen. Und glauben Sie uns, wenn wir sagen, dass wir es gegen unseren Willen tragen. Glauben Sie uns, wenn wir sagen, dass diese Eingriffe in und auf unsere Körper mehr Schaden als Freiheit bringen - egal welcher Natur diese sind. Glauben Sie uns, wenn wir sagen, dass so ein Tuch befreiend sein kann und glauben Sie uns auch, wenn wir sagen, dass es die Freiheit im Keim erstickt. Es kann nämlich beides. Es kann der Schlüssel zur Freiheit der Entscheidung sein und es kann das Schloss sein, das jeglichen Zugang zur Freiheit verschließt. Was es nun wird, das entscheidet eine Frau für sich selbst und nur die Freiheit der Entscheidung ist es, die hier eine entscheidende Rolle spielt und dem Tuch seine Bedeutung erst gibt.
Deswegen: Glauben Sie uns. Verallgemeinern Sie unsere individuellen Geschichten nicht. Ja, man kann gegen ein Kopftuchgebot UND gegen ein Verbot desselben sein. Das sind jene Menschen, die jegliche Kontrollen über Menschenkörper nicht für lösungsführend halten.

Die türkis-grüne Regierung: Gewählte Realität

Feministische Ziele mögen zwar lauter angesprochen werden und finden durch Social Media und der Stärke der Bewegung auch mehr Gehör, hängen aber in Österreich jedoch eng mit - vor allem muslimischem - Rassismus und der Modernisierung sozialer Ungleichheiten zusammen. Die Thematisierung von Frauenemanzipation ist unvollständig, weil sie viele Frauengruppen einfach ignoriert oder bevormundet. Durch die momentane fremdenfeindliche und konservative Regierungen zur Rechtfertigung rassistischer Ausgrenzungspolitik herangezogen, ist das von der Mehrheit der ÖsterreicherInnen gewählte Programm eine Ohrfeige in dem Gesicht einer jeden Frauenrechtlerin. Die langfristige und vor allem gesunde Lösung für alle beteiligten Frauen, ob mit oder ohne Kopftuch, wäre, eine Veränderung im Denkmuster jener Menschen, denen es nicht wurscht ist, was aus der Frauenbewegung in Österreich wird.

Hören Sie zu. Glauben Sie, was Sie hören. Hören Sie unterschiedlichen Frauen zu. Und bewegen Sie sich. Auch als Nichtbetroffene. Wer heute das Kopftuch verbietet, bestimmt morgen die Länge Ihres Minirocks. Für die gleichen Frauen, die unterschiedlich denken und die unterschiedlichen Frauen, die ähnlich denken. Wir versuchen krankhaft den Planeten zu retten, zucken aus, wenn wer an einem Plastikstrohhalm nippt, geben gerne für saisonales Obst ein paar Euro mehr aus, aber die Frauenbewegung - um die zu retten braucht es mehr als ein Kopftuchverbot. Es gehört viel mehr ein Rassismusverbot und ein ehrlicher Hinhörversuch, eine Bewegung der unterschiedlichsten Frauen, die zusammenhalten, für die eine Sache, die alles ändern kann: Die Freiheit der Selbstbestimmung. Denn solange die Flammen der Unterdrückung politischer Systeme in uns brennt, da bringt es auch nicht viel, das Feuer des Planeten zu löschen.

Menerva Hammad erzählt monatlich aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten.

Neben ihrer "Servus Alaykam!"-Kolumne für die WIENERIN online bloggt sie auf Hotel Mama und hat 2019 ihr erstes Buch "Wir treffen uns in der Mitte der Welt" veröffentlicht. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

 

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