Kolumne "Servus Alaykum!": Was wäre, wenn ...

... wir einander zur Abwechslung die Hände reichen würden, als über Kopftücher zu diskutieren und gegen "die anderen" die Krallen auszufahren?

Nach langem Warten fährt endlich die Straßenbahn ein. Eine Menschenmasse versucht. dem Regen zu entkommen und flieht in das rote Transportmittel. Mittendrin suche auch ich mir einen Sitzplatz. Die Tatsache, dass ich meine Kopfhörer verloren habe, ist heute nicht so schlimm, ich bin in ein neues Buch vertieft und komme auf dem Weg zur Arbeit und wieder nach Hause endlich mit dem Lesen weiter. Wer braucht da noch ägyptischen Jazz?!
Da sitze ich also samt meiner Lektüre, schlage sie auf und tauche in eine andere Welt ein - so kommt es mir jedenfalls immer vor, wenn ich ein gutes Buch lese. Eine Frau geht an mir vorbei, sie trägt ihren ungefähr zweijährigen Sohn im Arm. Der Kleine erinnert mich mit seinen dunklen Löckchen an meine Tochter. Da muss ich schon schmunzeln, denn ich vermisse sie schon den ganzen Tag. Wieder im Buch vertieft, genau in der Sekunde, in der ich „abtauchen“ möchte, höre ich die Dame vor mir zu zwei anderen Frauen sagen: „ Das arme Kind. Was aus dem einmal wird, möchte ich mir nicht ausmalen. Zuerst kommen sie alle zu uns, dann nehmen sie uns alles weg, dann bleibt von uns nichts mehr übrig. Und ich verstehe es einfach nicht, warum man das zulässt. So extrem patriarchalische Strukturen haben hier einfach nichts verloren.“ Die zwei anderen Damen nickten zustimmend und eine fügte hinzu: „Der einzige Schutz für unsere Kinder sind dann Privatschulen.“ Die dritte schüttelte vehement den Kopf: „Nein, das funktioniert nicht mehr, dort sind sie auch schon, weil ihnen der Staat alles schenkt. Mein Sohn bekommt in der Pause schon Falafel und Hummus angeboten, wahrscheinlich muss er nächstes Jahr den Ramadan fasten!“

Menerva Hammad Kolumne WIENERIN Servus Alaykum

Genau in diesem Moment hätte ich meine Kopfhörer gerne wieder gehabt. Jene „Kulturkämpfe“, die angeblich in Klassenzimmern stattfinden, haben nun also auch ihren Weg in der Straßenbahn gefunden. Plötzlich ist die Rede von „Haram-Generationen“ und einer „unaufhaltsamen bösen Kraft“, die von Burschen betrieben wird, die noch nicht einmal Haare am Sack haben. Aber Kulturkämpfe führen und eine gesamte Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzen - das können sie. Kinder sind keine Bedrohung! Kinder nehmen auch niemandem die heißgeliebte „Leitkultur“ weg und wie um alles in der Welt kann man sich über ein Hummus-Falafel-Angebot aufregen? Die Dinger sind im Supermarkt sauteuer, ich würde die gerne geschenkt bekommen!

Aber wieso kam dieses Gespräch überhaupt zustande? Woran lag das? Wie kann es sein, dass man beim Anblick eines Babys auf solche Gedanken kommt und solche Gespräche lostritt?

„Und hässlich sind die blöden Tücher auch, die die da am Schädel tragen“, schimpft eine der Damen weiter. Meine Augen rollen schon ganz automatisch, begleitet von 15 imaginären, gestreckten Mittelfingern. Ich versuche wieder, mich auf mein Buch zu konzentrieren, diesmal wirklich mit geschlossenen Ohren und weit geöffneten Augen.
Ich höre es trotzdem aus der Reihe vor mir: „Mein persönliches Problem ist, dass diese Frauen allesamt dumm sind. Sie sind ungebildet, sprechen unsere Sprache nicht und tragen nichts für diese Gesellschaft bei.“ In diesem Moment habe ich es bereut, die drei sprachlich verstehen zu können. Da geht eine Frau, die ein Kopftuch trägt – also ihre Haare bedeckt – samt Kind nur an jemandem vorbei und schon wird sie zum Gesprächsstoff der Fahrt. Aber nicht nur das: Ihre gesamte Existenz wird in Frage gestellt. Von anderen Frauen. Von Frauen, die sich über patriarchalische Strukturen aufregen, um genau diese gegen eine andere Frau zu pressen. Beachtlich. Mein Kopftuch haben sie wahrscheinlich nicht kommentiert, weil ich es seit einiger Zeit zu einem Turban binde und dadurch etwas „unauffälliger“ in Sachen „Muslimisch sein“ wirke. Oder war es der Pink Ribbon-Anstecker auf meiner linken Brust? Oder vielleicht das Buch (immerhin kann ich lesen)? Man weiß es nicht. Ich klappe besagtes Buch zu, werfe noch einen Blick auf die drei Damen und setze mich dann wo anders hin.

Ich sehe aus dem Fenster und erinnere mich an eine Begebenheit, die schon Jahre her ist:
Alexandria. Sommernacht. Ich war alleine unterwegs und hielt ein Taxi an, neben dem Fahrer saß schon ein Fahrgast. Ich setzte mich hinten hin und schaute aus dem Fenster. Der andere Fahrgast sah asiatisch aus und trug eine asiatische Tracht. „Sicher ein Tourist aus China oder so“, dachte ich und war wirklich von seiner Tracht beeindruckt. Als sein Handy klingelte, hob er ab und sprach in akzentfreiem Arabisch. Ich staunte. Als er aufgelegt hatte, fing ich ein Gespräch mit ihm an. Als ich ihn nach seiner Herkunft frage, sagte er, er wäre Ägypter. Seine Eltern kämen zwar aus China, aber er wurde in Alexandria geboren und sah die Stadt auch als seine Heimat an. Trotzdem kannte er seine „andere“ Herkunft und stand zu beiden - wirklich komplett unterschiedlichen - Kulturen und Sprachen.
Zum allerersten Mal war ich in den Schuhen der besorgten Wutbürger. Nun war ich die, die in ihrer Heimat einen „Eindringling“ quasi interviewte und interessiert unter die Lupe nahm. Und noch nie zuvor in meinem Leben war ich stolz auf eine mir fremde Person. Ja, ich trug die Schuhe der besorgten Bürgerin, aber sie passten mir nicht. Ich fühlte mich weder bedroht, noch überfallen. Ich hatte nicht das Gefühl, „meine Leute“ würden nach und nach verschwinden, oder die Angst „die“ würden sich „mit uns“ vermischen und Kinder würden die arabische Sprache nicht mehr sprechen können. Seine Tracht fand ich wunderschön und ich hatte nicht das Gefühl, durch seine bloße Anwesenheit bedroht zu sein.

Ich mochte die Idee von einem bunten Ägypten, mehreren Sprachen, authentischem Essen von überall aus der Welt und einem Miteinander der Menschheit.

Wieder zurück in der Straßenbahn - auch gedanklich - habe ich einen verrückten Gedanken: Was, wenn wir Menschen als Menschen sehen würden und nicht als Kleidung, Status, Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder sonstiges - bis wir tatsächlich mit eben diesem von uns mit Vorurteilen beworfenem Menschen mindestens ein Gespräch hatten?
Was wäre denn verkehrt daran, einer tragenden Mutter den eigenen Sitzplatz anzubieten, anstatt ihr Erscheinungsbild eine komplette Fahrt lang zu diskutieren? Und was muss in deinem Leben alles schief laufen, damit dich die Kleidung anderer so sehr interessiert, dass du eine ganze Bim-Fahrt nur darüber reden kannst?

Was wäre, wenn wir Weiblichkeit und Mensch Sein in aller Vielfalt so vereinen, dass wir einander Hände reichen anstatt gegenseitig Krallen und Ellenbogen auszufahren? Was, wenn es nicht nur die eine Meinung geben kann, sondern Platz für mehr da ist? Platz für alle!

Die Welt ist offen. Grenzen finden im Schädel und am Papier statt und sind von Menschen geschaffen worden. Sie gelten nur dort, wo wir sie gültig haben wollen und genau dort werden Menschen in Klassen eingeordnet und es entstehen Hierarchien auf vielen Ebenen. Nun stellt sich hier die Frage, ob wir mit solch einer Einstellung anderen Menschen gegenüber auch tatsächlich frei von jeglichen patriarchalischen Strukturen sind und ob wir eigenständig genug denken können, um diese Grenzen in den eigenen Köpfen so zu durchbrechen, dass ein friedliches Miteinander tatsächlich funktioniert.

Menerva Hammad erzählt monatlich aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten.

Neben ihrer "Servus Alaykam!"-Kolumne für die WIENERIN online bloggt sie auf Hotel Mama. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

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