Kolumne "Servus Alaykum!": Lasst uns den Burkini, wir gaben euch Falafel!

Sie sind im Sommer so sicher wie Hitzerekorde und Pommes im Freibad: Blöde Blicke und rassistische Kommentare, wenn Kolumnistin Menerva im Burkini schwimmen geht. Dabei ist die Sache doch ganz einfach!

Kolumne Menerva Hammad Burkini

Im Winter juckt das Kopftuch und im Sommer ist es der Burkini, der dann einigen - es sind immer die Nichtbetroffenen - zu eng sitzt und Jahr für Jahr eine neue Debatte anwirft. Nicht nur den Betroffenen hängt die Materie schon aus allen Löchern raus, sondern auch allen anderen. Aber wenn wir dieses Sommerloch schon stopfen müssen, dann reicht das Mikrofon bitte an jene weiter, die der ganze Bullshit tatsächlich betrifft: die Kopftuchträgerinnen.

Badeanzug, Bikini, Burkini. Basta.

Es wäre wirklich, wirklich einfach, fast schon utopisch, würde sich jeder um seinen eigenen Kram kümmern, aber dazu sind wir im deutschsprachigen Raum noch nicht ganz bereit. In vielen Staaten Amerikas klappt es, auch in vielen muslimischen Ländern wie Dubai, Tunesien, Ägypten, auch in einigen Flecken Europas und Asiens klappt es, da liegt der Bikini am Strand friedlich neben dem Burkini. Nur das kleine Österreich will es nicht ganz verstehen: Der Burkini ist bloß eine weitere Option neben Bikini und Badeanzug.

Man muss der Trägerin, sobald man diese im Freibad erblickt, keine Löcher in das Ding starren oder kopfschüttelnd rassistische Bemerkungen vor sich hin murmeln oder sie gar angreifen. Man muss nicht automatisch davon ausgehen, dass der männliche Begleiter der Dame, falls überhaupt vorhanden, sie in das Ding reingezwungen hat. (Die Sorte Männer, die ihren Frauen das Kopftuch gegen ihren Willen draufklatschen, lassen sie gar nicht schwimmen gehen.) Man kann - ja, das ist tatsächlich menschenmöglich - einfach auf die Frau zugehen und ein Gespräch mit ihr anfangen, anstatt die weiße mitteleuropäische, vermeintliche Frauenrechtlerin rauszulassen, die einmal den Film „Die Wüstenblume“ gesehen hat und durch drei iranische Freundinnen einen Trigger-Anfall bekommt, wenn sie irgendwo einen Schleier sieht und sich als Hobby-Islam-Expertin ausgibt, denn sie „habe einmal darüber gelesen“ und „mit vielen darüber gesprochen“ und „voll viel darüber recherchiert“. Diese Frauen sind nämlich um keinen Groschen besser als jene Menschen, die zwar Kinder im Mittelmeer ertrinken lassen, aber die Ungeborenen in fremden Uteri um alles in der Welt beschützen würden, auch gegen den Willen der Austragenden. Die Doppelmoral dabei darf unverschämt und grenzenlos sein, wie bei der niemals endenden Kopftuchdebatte, die ja mit allem zusammenhängt, oder nicht? Denn wo kein Richter, da kein Kläger.

Warum gibt es keine Kläger? Weil es keine Sau interessiert. Rassismus und vor allem antimuslimischer Rassismus steigen in Österreich nicht nur an, sondern sind auch salonfähig geworden, denken wir nur an Mitglieder der ehemaligen Regierung. Es ist vollkommen in Ordnung geworden, Menschen herabzuwürdigen, weil sie - und nichts anderes macht eine sichtbare Muslima - die Haare bedecken. Das alleine reicht, um den Hass auf sich zu schüren und mit Bemerkungen klarkommen zu müssen, auf die man eigentlich verzichten könnte.

Hört Body Positivity da auf, wo der Burkini anfängt?

Zwischen all den „Sei du selbst“-, „Body Positivity“- und „Kleide dich, wie du willst“-Sprüchen, die man online und im Leben hört, sind die wirklich „anderen“ immer ausgeschlossen. Denn wenn frau tatsächlich diesen Sprüchen folgt, wird sie aufgehalten und darauf aufmerksam gemacht, dass sie viel zu anders sei und damit den gemeinten Rahmen sprengt.

Das Problem der Nichtbetroffenen liegt darin, dass sie von "den Kopftuchfrauen" sprechen, so, als seien wir eine homogene Gruppe, keine Individuen. Und nein, es reicht nicht, ein paar Frauen zu kennen, die den Hijab abgenommen haben, um darüber diskutieren zu können.

Was ich verteidige ist, nicht der Hijab. Was ich verteidige, ist das Recht einer jeden Frau, sich so zu kleiden, wie sie es möchte, ohne sich dafür rechtfertigen oder Bestätigung einholen zu müssen - ich hoffe, dass der Unterschied selbsterklärend ist.

Bis zum nächsten Sommerloch also: Zieh an, worin du dich am meisten DU fühlst und wer damit nicht klarkommen kann oder will, der hat sowieso ganz andere Probleme, die du mit einer bloßen Garderobenänderung sowieso nicht ändern würdest.

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Menerva Hammad erzählt monatlich aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten.

Neben ihrer "Servus Alaykam!"-Kolumne für die WIENERIN online bloggt sie auf Hotel Mama. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

 

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