Kolumne "Servus Alaykum!": Großprojekt Frauensolidarität

Warum bashen Mütter andere Mütter? Kolumnistin Menerva fragt sich, warum Respekt und Verständnis unter Mamas gar so wenig praktizierte Tugenden sind.

Nachdem ich meine Tochter in der Früh in den Kindergarten gebracht habe, steige ich in die U-Bahn und fahre in die Arbeit. Es ist Rush-Hour, halb neun in der Früh, die U-Bahn ist voll. Eines Tages steht eine sehbehinderte Dame in der U-Bahn neben mir und einer anderen Frau. Die U-Bahn bremst unerwartet, die sehbehinderte Frau verliert den Halt, die andere Dame und ich reagieren sofort und fangen sie auf. Sie bedankt sich vielmals und lächelt, dabei sagt sie: “Da ist man ja froh, dass man aufgefangen wird, wenn man fällt.“
Ich kenne die Frau vom Sehen. Sie wohnt gegenüber vom Kindergarten meiner Tochter. Ich sehe sie zirka eine Woche später wieder, da grüßt sie mich herzlich und bedankt sich erneut. „Woher wissen Sie, dass ich es bin?“, frage ich verwundert. Da lächelt sie: „Ich erkannte Sie am Geruch.“ In diesem Moment habe ich zwei Gedanken: Ich brauche definitiv ein neues Deo und: Es tut gut, Gutes zu tun. Es tut gut, andere aufzufangen, genauso wie es innere Sicherheit und positive Energie gibt, zu wissen, dass man aufgefangen wird.

Wenn Mütter Mütter verurteilen

Hin und wieder geschehen Dinge, an denen ich merke: Wir Frauen sollten echt viel mehr aufeinander achten. Wir würden einander das Leben um vieles erleichtern und mehr noch, jede einzelne von uns würde vorankommen. Erst neulich warte ich mit einer Frau, die mit Kinderwagen unterwegs war, auf die Straßenbahn. Sie und ich stellen uns bei der Bim auf die Seite und lassen die Passagiere aussteigen, bevor wir beide mit unseren Kinderwägen einsteigen können. Plötzlich sagt eine der aussteigenden Personen zu uns: ”Natürlich, immer wieder diese Kinderwagenkarambolagen, wenn man aussteigen will.” Der Witz daran: Sie hat ein etwa sechsjähriges Kind hinter sich gezerrt. Mothershamingvon einer Mutter tut besonders weh, weil Mütter einander eigentlich gegenseitig unterstützen sollten - immerhin sitzen wir im selben Windel-Boot. Es tut weh, wenn man Mütter als Barriere sieht und es ihnen dann selbst als Mutter auch noch reinsagt.

Ich kenne es auch anders. Wenn mir eine fremde Frau mit - wieder dem verflixten Kinderwagen in der Straßenbahn - hilft und mit einem Lächeln sagt: „Ich bin auch Mama, ich weiß, wie das ist“. Ich merke dann, wie sehr wir einfach aufeinander angewiesen sind und wie viel besser wir miteinander funktionieren. Wieso schaffen wir das nicht immer?

Die Thematik - oder eher Problematik - bewegt sich aber leider abseits von Kinderwägen in Straßenbahnen. Es hat viel mehr mit dem Umgang zu tun, den Frauen mit den Entscheidungen anderer Frauen haben - in fast allen Bereichen.

S. stillt ihr Neugeborenes nicht. D. versteht das nicht, hat selber drei Kinder und weiß genau, wie wichtig das Stillen für Kinder in diesem Alter ist. Nun, S. weiß das auch, möchte sich aber nicht jedes Mal für ihre Entscheidung rechtfertigen müssen. Denn auch wenn D. die Gründe für S.s Entscheidung nicht nachvollziehen kann, so geht es D. einfach nichts an, was S. für ihr Kind entscheidet. Dafür versteht S. auch nicht, wieso D. mit ihrer Mutterschaft aufgehört hat zu arbeiten. Immerhin sind ihre drei Kinder nun schon in der Schule und sie könnte problemlos wieder ins Berufsleben einsteigen, sie hat aber auch Gründe für das Leben als Hausfrau gefunden, die S. überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Anstatt einander zuzuhören, verurteilen wir immer mehr die Entscheidungen anderer Frauen - und das als Frauen. Wir wollen Barrierefreiheit im Beruf und die Anerkennung für unsere harte Arbeit, aber einander respektieren, das haben wir noch nicht ganz geschafft.

Fangt einander auf!

Wie kann man das ändern? Indem man anerkennt und realisiert, dass das Glück anderer außerhalb der eigenen Vorstellungskraft liegt. Was mein Glück ist, muss nicht unbedingt jede andere Frau als Glück empfinden. Frau muss nicht immer verstehen und nachvollziehen können, warum nun eine andere Frau einen anderen Lebensstil hat, Hauptsache ist: Sie hat sich für diesen Stil entschieden und gut ist. Grenzen zu erkennen, wenn es um die eigene Meinung geht, und Grenzen aufzubrechen, wenn es darum geht, Brücken zu bauen, ist dabei sehr wichtig. Und wenn es dann darum geht, diese Brücken zu überqueren, braucht es Verständnis und ein wenig Selbstlosigkeit.

Probieren wir es mit mehr Verständnis für die Entscheidung anderer. Probieren wir es mit mehr Offenheit gegenüber der Vielfalt unser aller Weiblichkeit und versuchen wir - einfach so aus Neugier - einander mehr zu vertrauen. Weil es sich lohnt. Wenn Frauen Frauen stärken, kann nur etwas Gutes dabei rauskommen.
Damit keine mehr von uns fallen muss und sollte sie es doch tun, dann mit der Gewissheit, dass sie ihre Schwestern auffangen würden.

Menerva Hammad erzählt monatlich aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten.

Neben ihrer "Servus Alaykam!"-Kolumne für die WIENERIN online bloggt sie auf Hotel Mama. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

 

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