Kolumne "Servus Alaykum!": Grab, wo du stehst!

Nichts klappt und das Chaos um dich herum wird immer größer? Da hilft vielleicht ein wenig Motivation von Kolumnistin Menerva. Denn wenn Frauen eines füreinander tun sollten, dann ist es: sich gegenseitig den Rücken stärken.

Stell dir vor, J.K. Rowling hätte nie Harry Pottergeschrieben. Den sympathischen Jungen mit der berühmtesten Narbe der Welt, der Millionen Menschen weltweit berührt hat, gäbe es gar nicht.
"Ein Buch über Zauberer, wer soll das schon von einer nichtbekannten Möchtegern-Autorin lesen", hat sie sich vielleicht gedacht. Aber geschrieben hat sie das Buch trotzdem. Sie hätte aber auch nach der ersten oder spätestens zweiten Verlagsabsage aufgeben können. Erst beim sechsten Anlauf klappte es mit der Buchveröffentlichung. Fünf Mal zuvor war ihr Buch abgelehnt worden, fünf Mal zuvor versank sie in ein tiefes Loch und fünf Mal zuvor musste sie sich eingestehen, vielleicht „einfach nicht gut genug zu sein“.

Stell dir vor, Lady Gaga würde sich kleiden wie alle anderen und ihre Plattform nicht für Obdachlose oder gleichgeschlechtliche Paare nützen. Stellt euch vor, sie würde keine Jugendlichen stärken, die tagtäglich mit Mobbing zu kämpfen haben? Es gibt eine Facebook-Seite von Gagas ehemaligen Schulkollegen, die den Namen „Stefania Germanotta, you will never be famous“ trägt. Stell dir vor, sie hätte sich von dieser Aktion so einschüchtern lassen, dass sie ihren Traum aufgegeben hätte, eine Stimme für jene zu sein, die ungehört sind.

Stell dir vor, Malala hätte keinen Mut, weil sie sich vielleicht dachte: "Ich bin nur ein Kind, was kann ich schon bewirken“. Stell dir vor, sie hätte ihr junges Alter als plausiblen Grund genommen, um einfach auf Erwachsene zu hören, denn „die wissen doch alles besser“. Stell dir vor, dieses Kind hätte nicht den Mut einer Löwin gehabt und somit nicht das wichtige Zeichen gesetzt, das ihr später einen Nobelpreis sicherte.

Stell dir bitte vor, Frida Kahlo hätte ihre eigenen Bilder für hässlich gehalten oder sie erst gar nicht gemalt, weil sie nichts anderes als ihren Schmerz und die ungewöhnliche Schönheit der Absurdität festhalten.

Was wäre, wenn P!nk über runde Ärsche und volle Brüste singen würde, anstatt über das Leben und die Power des Frauseins? Was wäre, wenn sie mit ihren Songs etwas Anderes als ein kompromisslos starkes und selbstständiges Frauenbild an junge Mädchen weitergeben würde?

Stell dir vor, Oprah hätte ihre Schicksalsschläge als Ausrede genommen und einfach aufgegeben, weil sie ihr Leben lang hören musste, wie mittelmäßig sie ist. Sie glaubte aber, dass da mehr ist, dass sie mehr kann und so kämpfte sie weiter, bis sie die weltbekannteste Moderatorin wurde.

Stellt dir vor, Marie Curie hätte damals ihre Weiblichkeit für nicht professionell genug gehalten und Physik "nur als Hobby" betrachtet.

Stell dir vor, Ahed Tamimi hätte sich einfach nicht drum geschert, Aktivistin zu werden, weil sie als Palästinenserin sowieso weit unter den israelischen Soldaten steht und die Ohrfeige, die sie einem solchen Soldaten verpasste, als er sie angriff, hätte ihr keine internationale mediale Aufmerksamkeit verschafft. Und auch die acht Monate, die sie in Haft verbringen musste, brachen ihren Mut kein bisschen.

Stell dir vor, Halima Aden hätte ihren Hijab als Hindernis in der Modewelt betrachtet und erst gar nicht mit dem Modeln angefangen oder ihn deswegen abgenommen. Heute inspiriert sie viele andere Musliminnen, zu ihrer Identität zu stehen und das, obwohl sie auch mit vielen Hasskommentaren konfrontiert wird.

Und nun zu dir:

Du bist nicht mittelmäßig. Deine Ideen auch nicht. Das ist nur deine Einstellung über dich. Auch wenn du später anfängst. Auch wenn du anders bist. Auch wenn du den Weg ein paar Mal aus den Augen verloren hast: Die Richtung bestimmt dein Herz. In dir sind Fähigkeiten verborgen, von denen du noch nichts weißt. Manchmal, in den Stunden der Verzweiflung, da blicken sie ein wenig durch, die Knospen der Hoffnung. Klar, in den euphorischen Momenten des kleinen Erfolges weißt du, dass da noch mehr ist. Du kannst mehr. Du spürst, dass da noch lange kein Ende in Sicht deines Könnens ist. Weil dein Können kein Ende hat.

Aufzugeben scheint trotzdem nah, denn die Stimmen um dich herum geben keine Ruh' - bis du ihnen glaubst. Sie lachen dich aus, rauben dir kostbare Zeit und saugen dir die Energie aus. Sie sind lauter, sie sind in der Überzahl, deine Kraft geht aus und mit ihr das Licht der Hoffnung und der Glaube an dich selbst.

Und wenn dir das „an dich Glauben“ schwer fällt, weil es oft einfach verdammt schwer ist, dann hab‘ um dich herum nur jene Menschen, die an dich und deine verrückten Ideen glauben, denn sie sind es, diese Menschen, die in der Stunde des Selbstzweifels Hoffnung in dein Herz setzen.

Steh' noch einmal auf. Und dann noch einmal mehr. Immer einmal mehr.

IMMER. EINMAL. MEHR.

Dein Können ist nicht mittelmäßig und du nicht zu gewöhnlich. Deine Zeit wird kommen, wenn deine Bühne bereit ist und deine Stimme bereit, um gehört zu werden. Egal wie du aussiehst. Egal wie alt du bist. Wie, wo und wer du bist. Dein Können wird sich durchsetzen. Zu deinem Tempo. Zu deiner Zeit. Zur richtigen Zeit.

Eine weise Frau sagte einmal zu mir: "Grab dort, wo du stehst." Du brauchst nicht irrsinnig viele Mittel. Du brauchst vor allem Geduld und langen Atem: GRAB'! Dein Glück liegt hinter deiner Angst und wartet dort auf dich.

Menerva Hammad erzählt monatlich aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten.

Neben ihrer "Servus Alaykam!"-Kolumne für die WIENERIN online bloggt sie auf Hotel Mama. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

 

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