Kolumne "Servus Alaykum!": Das Los der Working Mom

Nach zwei Jahren Karenz startet Menerva in einen neuen Job. Und sieht sich plötzlich in einer Situation wieder, die ihr als Mama ziemlich bekannt vorkommt.

Was das Muttersein an Freuden und Lebensumstellungen mit sich bringt, davon können alle Mamis ein Liedchen singen, oder sogar ganze Liederbücher schreiben. Die ersten paar Monate sind märchenhaft schön (abgesehen von der möglichen Depression, dem neuen Körper, der Überforderung mit den neuen Aufgaben und, ach ja: man vergesse bitte nicht das Kind). Irgendwann kommt dann schleichend, aber sicher das Gefühl auf, es fehlt etwas. Nicht dem Kind, aber der Mama selbst. Ich hatte es nachdem meine Tochter das erste Halbjahr lebend hinter sich hatte:
Ich habe meinen Beruf vermisst. Ich war vorher freie Journalistin. Das ging natürlich gut auf freie Basis, weil ich nur eine Person füttern musste: Mich selbst. Da überlegt man aber als Mutter schon ein paar Mal in der Woche (also eigentlich pausenlos), was man nach seinem Dasein als Mama a)vorzuweisen hat und b)wann man es vorweisen möchte.

Mir hatte sich da ein Bild in die Erinnerung eingebrannt: Als ich nach der Geburt meiner Tochter noch im Krankenhaus lag, teilte ich das Zimmer unter anderem mit einer anderen, frischgebackenen Mutti. Sie hat ihr erstes Kind mit 40 Jahren auf die Welt gebracht, war fast zwanzig Jahre vorher berufstätig und hatte einen fixen Job, in dem sie nach der Karenz wieder einen Platz finden würde. Als ich Laila bekam, war ich 26 Jahre alt und der Blick den die andere Mutter ihrem Sohn zuwarf, war ein anderer als jener, den ich meiner Tochter zuwerfen konnte. Sie war nach einer langen berufliche Reise „endlich angekommen“, sagte sie und meinte dann noch:“Er ist mein Preis von mir an mich für die letzten 20 Jahre.“ Na bumm! Da kamen das erste Mal Überlebensängste in mir auf. „Was mach ich, wenn die Karenzzeit vorbei ist, wenn ich nur ein Publizistik-Studium, ein paar veröffentliche Artikel und eine halbwegs angenehme Persönlichkeit vorweisen kann?“

Was mach ich nach der Karenz?

Dadurch, dass das Mama-Leben keine Zeit für solch philosophische Fragen lässt, habe ich den Gedanken daran auch gleich wieder verloren. Mal ehrlich, ich habe mir ein inneres High-Five verpasst, wenn ich mehr als zwei Mal die Woche geduscht habe, wer denkt da also an „nach der Karenzzeit“?!

Als (noch) Nichtmutter denkt man „Die Hausfrauen tun ja nix, das Kind füttern und schauen, dass das Haus nicht abbrennt, das wird man doch schaffen.“ Ja, aber wenn man das tagtäglich macht, dabei nach Kotze riecht und vergisst, in welchem Jahr man sich befindet, weil man es eben JEDEN TAG durchlebt, dann muss diese Zeitschleife auch unterbrochen werden. Über zwei Jahre lang blieb ich zuhause bei meiner Tochter und liebte es. Liebte, dass ich ihre Entwicklung miterleben durfte. Liebte, dass nicht alles, was ich kochte, im Müll landete und vor allem liebte ich, dass ich die Hausfrau in mir zu lieben gelernt habe. Auch wenn wir beide zugeben müssen, dass Bügeln nix für uns ist und nie etwas sein wird, so kommen mein Karriere-Ich und mein Martha-Stewart-Ich doch ganz gut miteinander klar. Die Angst, danach keinen Job zu finden, war groß, aber der Wille einen zu finden noch viel größer. Nach sechs Monaten Bewerbungsmarathon, über 50 Absagen, um die drei Kilos (eher 10) mehr, unzähligen Tränen und Selbstliebe-Bücher, habe ich dann tatsächlich einen Job gefunden.

Aller Anfang ist schwer

Überhaupt die Zusage zu bekommen fühlte sich an, wie am Gipfel des Mount Everests angekommen zu sein. Super happy war ich, aber was sollte ich nun damit machen? In meinem Kopf ging es „Mayday mayday, du hast keine Ahnung mehr, wie man mit Erwachsenen kommuniziert!“ Was mir den Start unheimlich erschwerte: Ich wollte fehlerlos, professionell und auf keinen Fall zu persönlich mit anderen KollegInnen sein. Also höflich schon, aber bitte distanziert. Fehler machen, ja klar, aber noch bevor sie jemand bemerkte, mussten diese ausgebessert sein. Ich wurde quasi zum Roboter, weil ich Angst hatte. Ich hatte tagtäglich das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Das hat keiner im Büro von mir erwartet, das kam von mir.

Ich hatte mir auch vorgenommen keine Fotos, Sprüche, oder Stofftiere am Schreibtisch zu stellen, bin ja kein sensibles Pflasterchen, sondern höchst professionell und bloß zum Arbeiten hier. Und nun ratet mal, wer schon in der ersten Woche über sieben Fotos, zwei Stofftiere und unzählige Becher am Schreibtisch stehen hat? Ich sensibles Pflasterchen. Der Anfang war die Hölle. Von skurrilen Träumen bis zu blöden Anfängerfehlern und einem immensen Druck, den ich mir selber aufgedrückt habe, blieb dann zuhause für meine Tochter nicht mehr viel von mir übrig.

Eines Abends sah ich mir dann mein Kind beim Essen an, war total fertig und da sagte sie einfach so: “Mama, du bist so fleißig.“ Ich lächelte meinen Wuschelkopf an, küsste ihre kleine, süße Hand und erinnerte mich an die ersten Wochen der Mutterschaft. Ich war überfordert, hilflos, schlief kaum, träumte schlecht, hatte Angst und setzte mich unter Druck. Das Gefühl kannte ich doch schon…

Die Baustellen einer Mama sind niemals leicht. Egal wo wir gerade bauen. Ob wir Zuhause sind, um dort für unsere Kinder zu sorgen, oder eben im Büro so arbeiten, als hätten wir gar keine Kinder. Ob wir auf andere Menschen zählen dürfen, die uns ab und zu mit den Kindern helfen, oder ob wir komplett auf uns gestellt sind.
Ich habe nach zwei Jahren Hausfrau-Dasein arbeitende Mütter beneidet, weil sie ihre Karriereleiter besteigen. Als arbeitende Mutter habe ich Mütter beneidet, die sich in der Früh nicht tummeln müssen, sondern noch im Bett mit ihren Kindern kuscheln dürfen und ihre Entwicklung aus erster Hand erfahren anstatt von der Kindergartenpädagogin. Es mag hier und da Unterschiede, Vorteile wie Nachteile geben, aber Working Moms, das sind wir alle. Und wir alle bauen für unsere Kinder.

Menerva Hammad erzählt monatlich aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten.

Neben ihrer "Servus Alaykam!"-Kolumne für die WIENERIN online bloggt sie auf Hotel Mama. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

 

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