Kolumne "Servus Alaykum!": Alice Schwarzer und die Kleidung aller anderen Frauen

Selbst Alice Schwarzer, einst Queen des Feminismus, fällt mehr mit rassistischen Kommentaren gegen den das Kopftuch sichtbarer Musliminnen auf als mit echten feministischen Forderungen. "Geht's noch?", fragt sich WIENERIN-Kolumnistin Menerva Hammad.

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Vergangenen Montagabend gab es in der Universität für angewandte Kunst (Hufak) in Wien eine Action der anderen Art. Der Grund war keine Geringere als die Queen des Feminismus selbst: Alice Schwarzer.

Bereits im Vorfeld hatte die HochschülerInnenschaft einen Protest gegen den Auftritt von Schwarzer wegen deren Äußerungen zu sichtbaren Musliminnen, sprich kopftuchtragenden Frauen, angekündigt. In den Medien wird es mit „islamischem Rassismus“ betitelt, andere meinen, es sei kein Rassismus, denn der Islam sei ja gar keine Rasse. Viel mehr fällt es unter „Islamkritik“ und das soll in einem Land wie Österreich doch bitte noch gemacht werden. Lustig ist dabei nur, dass seit Jahren - vor allem in Medien und Politik - über fast nichts Anderes mehr gesprochen wird. Unter dem Deckmantel der Freiheit und natürlich des „Feminismus“ (weil der grad so modern ist) werden nichtexistierende Kopftücher auf Kinderschädel verboten. Die alleinerziehende Kassiererin im Supermarkt - und davon gibt es in in Österreich mehr als man denkt - hat nichts davon. Ihre Kinder übrigens auch nicht. Von den Pensionen möchte ich gar nicht anfangen, vor allem jede, die frau nicht bekommen wird.

Die Sache mit dem Kopftuch - zum tausendsten und sicher nicht letzten Mal

Was ist da passiert? Studierende möchten nicht, dass einer - in ihren Augen - Rassistin eine Bühne gewährt wird. Frau Schwarzer hatte vor Monaten eine sichtbare Muslima in Frankfurt auf einer Demo verbal verspottet. Mit den Worten „Ich dachte, nur Männer dürfen Sie nicht berühren“ provozierte sie die junge Frau und es kam zur Auseinandersetzung. Viele dieser Studierenden haben entweder muslimische Freunde oder sind selbst Musliminnen und kennen daher den Kern der Thematik wahrscheinlich etwas eher als Frau Schwarzer: Die Sache mit dem Kopftuch ist nunmal nicht so einfach, wie sie in Österreich oftmals dargestellt wird. „Das Kopftuch“ gibt es nicht, genauso wenig wie es „die Musliminnen“ gibt und „die Kopftuchfrauen“ gibt es so oder so nicht, denn diese Frauen sind keine homogene Gruppe, sondern Individuen. Auch Minirock und Dirndl haben so gesehen einen bestimmten Ruf im Kleiderschrank. So ist der Minirock eine erwünschte sexuelle Belästigung und ein Dirndl eine rechtsextreme politische Einstellung. Aber ist es denn so? Immer? So ist es nicht. Und ähnlich ist es mit dem Kopftuch, denn jedes Kleidungsstück hat seine eigene Geschichte.

Man kann satirische Kinofilme über das Kopftuch machen, sich fragen, womit wir die ganzen Muslime in Österreich verdient haben und warum die ganzen „Fetzenschädel“ jetzt bei uns wohnen müssen, wie es nur möglich ist, dass man sich ein Kopftuch umbindet, nachdem wir doch die BHs verbrannt haben und was ist mit den Frauen im Iran? Ja. Kann man sich natürlich alles fragen und wenn man darauf keine Antwort findet - und die wird man nicht finden - dann vertraut man auf Schwarzer. Warum? Weil sie als Vorreiterin des Feminismus im deutschsprachigen Raum gilt. Auf die Idee, einfach die betroffenen Frauen zu fragen, sich ein eigenes Bild darüber zu machen und sich mit der Thematik so auseinanderzusetzen, dass man unterschiedliche Meinungen darüber kennt, nein, diese Mühe ist es dann fast keinem wert.
Urteilen geht schneller, ist viel einfacher und immerhin denken andere für uns.
Ja, das kann niemand bestreiten. Schwarzer ist vorgeritten, nur wurde sie mit der Zeit einfach überholt. Wenn eine Feministin ihren Namen nutzt, um für eine der sexistischsten Zeitungen Deutschlands zu schreiben, wenn sie Frauen untereinander anhand von Kleidungsstücken dividiert, anstatt diese auf Augenhöhe zu vereinigen, wenn sie seit Jahren eine Zeitschrift herausgibt, in der Frauen anderen Frauen ihre Idee der Freiheit aufdiktieren, dann ist da etwas schief gegangen und da reichen keine jahrelang erarbeiteten Lorbeeren. Auch der Feminismus hat sich weiterentwickelt und der Ausschluss von Frauen durch andere Frauen ist wohl das antifeministischste, was man als Feministin tun kann.

Jetzt erst recht!

Von mir aus können wir noch weitere Jahre über das Kopftuch sprechen, denn immerhin haben wir in Österreich gefühlt neun Millionen Experten was dieses Tiacherl betrifft und es ist zwar mühsam, aber wirklich unterhaltsam und anscheinend können viele Politiker damit ihre Miete, den Ibiza-Urlaub und sogar genug Kokain bezahlen. Aber was tun wir damit eigentlich genau? Wir beurteilen Frauen nach Kleidung. Wir geben deren Kleidung Bedeutung (zu sexy, verklemmt, traditionell) und blenden dabei die Frau darunter völlig aus, sprechen über sie, nicht mit ihr und tragen dabei mit feministischen Sprüchen bedruckten T-Shirts, tun aber in Wirklichkeit nichts für den Zusammenhalt oder die Entwicklung DER Frau. Es geht dabei nicht um Alice Schwarzer, nicht um ihren im Feminismus getarnten Rassismus, ohne den sie nichts mehr hätte, und auch nicht um die Kleidung, denn am Ende des Tages stehen wir alle nackt unter der Dusche und überlegen, was wir nicht alles am nächsten Tag erledigen müssen. Es geht eher darum, dass der feministische Diskurs immer oberflächlicher wird und sich im Kern des Bewusstseins vieler Menschen bezüglich Frauenthemen nicht viel ändert. Wieso reden wir zum Beispiel nicht über das Geld? Ich finde, dass dieses Thema absichtlich aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen wird. Es wird darüber geredet, dass mehr Frauen im Alter in Armut verfallen, ja, das schon, aber wo sind die Lösungen? Wo sind die barrierefreien Arbeitsbedingungen für Mütter? Wo sind die finanziellen Absicherungen für Frauen, die es schon längst für Männer gibt und warum reden so gut wie keine Politiker darüber? Warum gibt es keine öffentlichen Räume für Frauenbegegnungen? Räume, die unterschiedlichste Frauen so zusammenbringen, dass ein Gespräch alles oder nichts an Kleidung unwichtig macht? Es fehlt der kritische Diskurs auf Augenhöhe, Lösungen für Probleme, die alle Frauen betreffen und ein Zusammenhalt der Weiblichkeit.
Dafür haben wir Diskussionen über das Kopftuch und das Binnen-I.
Um es mit den Worten von Christine Nöstlinger - einer wirklich zeitlosen Feministin - zu kommentieren: „Des is mir a bisserl z’wenig.“

Menerva Hammad erzählt in unregelmäßigen Abständen aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten.

Neben ihrer "Servus Alaykam!"-Kolumne für die WIENERIN online bloggt sie auf Hotel Mama. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

 

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