Kolumne: Schneiden und stöhnen

Martina Parker lässt sich nicht gerne von Fremden den Kopf waschen. Auch nicht beim Friseurbesuch.

Martina Parker

Letztens war ich bei einer fremden Friseurin. Es war eine sehr gute Friseurin. Meine Haare sahen danach umwerfend aus. Aber bis es so weit war, musste ich mich
erst meinen Sozialphobien stellen. Was damit zu tun hat, dass ich echt kein Fan davon bin, von Fremden berührt zu werden.

ENTSPANNEN SIE SICH! Es fängt schon damit an, dass mir der fremde Lehrling der fremden Friseurin die Haare wäscht und mir etwas Gutes tun will, indem er mir gaaanz laaang die Kopfhaut massiert. Zwischendurch fragt er immer wieder: „Ist das angenehm für Sie?“ „Mhm, sehr angenehm“, lüge ich. Zehn fremde Finger verschieben mir rhythmisch die Kopfhaut. Ich überlege, ob ich die Augen schließen oder offen lassen soll. „Geschlossene Augen signalisieren Entspannung“,
denke ich und mache die Augen zu. Weil ich mich aber so unwohl fühle, seufze ich dabei aus ganzem Herzen. Schlagartig reiße ich die Augen wieder auf. Shit!
Habe ich gerade gestöhnt? Was, wenn der fremde Lehrling das jetzt falsch aufgefasst hat und denkt, ich genieße die Massage zu sehr? Wie peinlich ist das!? Der fremde Lehrling ist tatsächlich irritiert. Ob alles in Ordnung sei, fragt er besorgt. „Mhm“, lüge ich und werde tomatenrot. Ich glaube, er ist froh, dass er mich an die fremde Friseurin weiterreichen kann.

Noch mit knallrotem Haupt unter dem Handtuchturban sitze ich vor dem Spiegel und erkläre, dass ich eh nur Spitzen schneiden will. Die fremde Friseurin will mich zu etwas Gewagterem überreden. Ich finde es schon gewagt genug, dass mir eine Wildfremde die Haare zerwühlt und sich meine Strähnen um ihre Finger wickelt.
Um diese Grenzüberschreitung zu ignorieren, schnappe ich mir die Gala. Aber leider erfahre ich nie, wie es im royalen Meghan-Kate-Streit aktuell gerade steht, weil die fremde Friseurin sagt, ich solle bitte geradeaus schauen. Ich starre in den Spiegel.

FRISEUR-SMALL-TALK. Mein Spiegelbild sieht so breit aus. Habe ich zugenommen oder ist das der Spiegel? Ich überprüfe unauffällig, ob das Kaffeehäferl vor mir im Spiegel breiter aussieht als in echt. Das tut es nicht! Während die Friseurin mit flinker Schere an mir rumschnippelt, versucht sie, die Stimmung mit Small Talk
aufzulockern: Job, Urlaubspläne, Hobbys. Genau so stelle ich mir ein Parship-Date vor. Dann bietet sie mir Produkte an, die ich nicht brauche, aber kaufe, weil ich
nicht möchte, dass sie mich, die Neukundin, für eine Schnorrerin hält. „Bis zum nächsten Mal!“, ruft sie mir nach, als ich mit meiner neuen Frisur den Salon verlasse.
„Bis zum nächsten Mal“, sage ich. Es ist überstanden. Und das nächste Mal wird hoffentlich besser laufen. Weil die fremde Friseurin und ihr Lehrling dann nicht mehr
ganz so fremd sein werden.

 

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