Kolumne: Krieg der Sterne

Sternhagelvoll: Martina Parker hinterfragt Online-Bewertungen.

Letztens zog ich mir ein Uber. Der Fahrer grüßte, drehte sich breit grinsend um und sagte so was wie: "Mein Name ist Goran, ich fahre Sie über den Ring zum gewünschten Ankunftsort, es hat 21 Grad Innentemperatur, wir hören Radio Superfly. Ist das für Sie angenehm?" Mein Weltbild, das noch auf grantige Wiener Taxler gepolt war, war kurz erschüttert. "Was ist denn mit dem los?", flüsterte ich meiner Kollegin zu. "Der will, dass wir ihm fünf Sterne geben", klärte sie mich auf.

AM PRÜFSTAND. Dank des Internets ist es heute so einfach wie noch nie, seine Meinung über Produkte und Menschen in die Welt hinauszutragen, von der Klobürste bis zur Kosmetikerin. Alles wird heute bewertet. Besitzt etwas keine Sterne, existiert es vermutlich überhaupt nicht - oder auch umgekehrt, wie das niemals existierende Fake-Restaurant Shed of Dublin, das es auf Platz eins bei Trip Advisor schaffte. Das ewige Benoten ist stressig. Grad so, als ob die ganze Welt zur Matura antreten muss. Und man kann sich dem Ganzen kaum entziehen. Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal eine Mascara oder einen Föhn gekauft, ohne erst die Bewertungen zu googeln? Was in der Theorie toll klingt, hat in der Praxis einen Haken. Denn beim Bewerten sind Fähigkeiten gefragt, die die Mehrheit der Menschheit nicht hat: Geschmack, Sachkenntnis und Hausverstand. Bewertungen werden getürkt und gekauft, es wird grundlos gejubelt und grundlos verdammt. Meine kompetente Hautärztin wurde online niedergemacht, weil sie eine Patientin, die ihr aufgekratztes Muttermal in epischer Breite diskutieren wollte, nach einer Stunde hinauskomplimentiert hat. "Die Ärztin nahm mich nicht ernst!", steht da jetzt für immer im Netz. Echt jetzt? Der ganze Warteraum war voller Menschen, die wirklich krank waren. Selbst meine Working Attitude wird bewertet. Kürzlich war ich zu einem Infogespräch über Badezusätze geladen. "Die Beraterin meinte, der Termin mit dir war sehr angenehm und dass du sehr interessiert warst", schrieb mir die PR-Frau am nächsten Tag mit Zwinkersmiley. Ich schickte ein Bin-erleichtert-Smiley zurück.

BESTNOTEN. Weil das ganze Bewerten ohnehin voll subjektiv ist, riss ich mich bei meinem letzten Airbnb-Aufenthalt in Paris zusammen. Ich schrieb in die Bewertung nicht, dass das entzückende Appartement an der Seine meinen Monk'schen Hygienestandards nicht standgehalten hat und ich die ersten drei Stunden mit Putzen verbracht habe, sondern lobte nur Lage und Ausstattung. Dass mein Bemühen dennoch nicht unbemerkt geblieben war, zeigte sich, als die Bewertung der Gastgeberin zu meiner Person freigeschaltet wurde. "Renter was very clean." Da musste ich dann doch herzlich lachen.

 

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