Kolumne: "Kleid? Woher? Wie viel?"

Warum sich mit Höflichkeiten aufhalten, wenn man sich auch aufs Wesentliche beschränken kann, um ans Ziel zu kommen? An einem Abend im Theater bekam WIENERIN-Kolumnistin Katharina Reményi ein Kompliment der anderen Art zu hören.

Katharina Reményi

Was war das denn ­bitte? Die B. und ich können es bis heute nicht richtig einordnen, aber wir gehen davon aus, dass es als Kompliment gedacht war.
Die Sache war so: Wir waren im Theater. Als wir in der Pause auf dem Weg zum Buffet waren, um uns ein wohlverdientes Glas Sprudel und ein Brötchen zu gönnen, stapfte uns eine Frau entgegen, baute sich vor der B. auf, musterte sie von oben bis unten und ­sagte: „Kleid? Woher? Wie viel?“ Kein „Hallo!“, kein „Darf ich Sie etwas fragen?“, kein „Sie haben aber ein schönes Kleid an!“ – kein gar nichts. Nur diese vier Wörter. Die Frau hatte es offenbar nicht so mit Höflichkeiten und offensichtlich keine Zeit zu verlieren. Dabei hatte die Pause gerade erst begonnen, dauerte eh noch 20 Minuten, und die Schlange vor dem Klo war auch nicht besonders lang. Sie beschränkte sich trotzdem auf das Wesentliche.

Es war fast so, als hätte sie die B. mit einem Posting auf Instagram verwechselt. Da hätte sie diese drei Fragen nicht einmal ausformulieren müssen und sie wären dennoch mit ein bis zwei Wischern beantwortet gewesen. Sie hätte es schnell mit einem Like versehen und gehofft, dass das Kleid mit einem Onlineshop verlinkt ist, um die restlichen Informationen zu bekommen. So werden heute eben Komplimente gemacht. Das Größte in den sozialen Netzwerken scheint jedenfalls, wenn einen die anderen nachahmen wollen. Und das in einer Zeit, in der nichts mehr propagiert wird, als die eigene Individualität zu leben …
Im Netz ist es leicht, dem zu entgehen – man verlinkt die Stücke einfach nicht. Aber wie reagiert man auf diese „Kleid? Woher? Wie viel?“-Fragen im echten Leben – auch, wenn sie höflich gestellt werden? Es gibt natürlich Menschen, denen man freimütig alles sagt und sich darüber freut, zu teilen, und sich vielleicht sogar geehrt fühlt. Aber wie umschifft man diese Situation, wenn man die Informationen nicht weitergeben will, weil man gar nicht möchte, dass das Gegenüber womöglich nächste Woche mit dem gleichen Stück auftaucht? Die B. macht das immer clever. Sie lächelt vielsagend und stellt eine Gegenfrage.

Kleid? Woher? Wie viel? Die Frau im Theater war definitiv nicht auf der Suche nach einem Gespräch. Die B. war diesmal jedenfalls so perplex, dass sie sich bei der Antwort ebenfalls auf das Wesentliche beschränkte und wie ein Schulmädchen Auskunft gab: „Stine Goya! Sterngasse 4! Weiß ich nicht mehr!“ Und rief ihr sogar noch eine nicht unwesentliche Info nach: „Aber das Geschäft gibt es nicht mehr!“ Doch das hat die Frau gar nicht mehr gehört, denn nach „Weiß ich nicht mehr!“ war sie schon ums Eck verschwunden. Ums Eck ist übrigens das Klo. Vielleicht hat sie es wirklich eilig gehabt …

 

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