Kolumne: Ist das noch normal?! Von Spleens, Ticks und schrägen Macken

Ist das noch normal? Martina Parker erkennt: Irgendeinen skurrilen Tick hat jede von uns.

Letztens interviewte ich eine französische Schauspielerin. Ihr liebstes Hobby, sagte sie, sei es, Pickel auszudrücken. „Aber Sie haben doch gar keine Pickel!“, wandte ich ein. „Weil ich sie alle ausdrücke!“, gab sie zurück. Darüber musste ich erst mal nachdenken. Natürlich ist das Feld der körperlichen Marotten ein weites. Es gibt die Haarzwirbler, die Nägelbeißer, die Zwangszwinkerer. Ich gehöre zu den Daumendrehern. Allerdings nicht, wenn mir fad ist, sondern wenn ich gestresst bin. Dann wackeln meine Daumen wie verrückt. Wobei das nur die Spitze des Eisbergs ist. Ich habe
nämlich ziemlich viele Pracker.

IST DAS NORMAL? Wenn ich tanke, muss das Ergebnis immer ein runder Betrag sein. Wenn die Tankanzeige auf 50,01 Euro steht, muss ich bis 51 Euro weitertanken, besser noch bis 52, weil das eine gerade und somit hübschere Zahl ist. Wenn ich im Regen fahre, passe ich das Tempo so an, dass die Scheibenwischer – optisch betrachtet – keinesfalls eine Schneestange treffen. Nachrichten am Handy muss ich immer sofort lesen, damit diese grässliche rote Zahl verschwindet. Bei fremden Displays, die 2.467 ungelesene Nachrichten anzeigen, kriege ich Schnappatmung. Beim Einkaufen nehme ich immer die Produkte, die ganz hinten im Regal stehen. Nicht nur wegen der Frische – der Handel schlichtet die alte Ware ja immer nach vorne –, sondern auch, weil der Gedanke, dass jemand „mein“ Shampoo vor mir beschnuppert haben könnte, für mich unerträglich ist.

LUSTIGE MACKEN. Zum Glück sind meine Freundinnen genauso gaga wie ich. Lena ist lippenpflegestiftsüchtig und würde lieber nackt als ohne Labello außer Haus gehen. Katrin wird ganz unrund, wenn bei jemandem hinten im Kragen das Etikett raussteht oder sie Preiszettel auf den Sohlen anderer Leute Schuhe sieht. Wenn es sich bei diesen anderen Leuten um Fremde handelt, die sie nicht einfach zur Ordnung rufen kann, muss sie ob dieses unerträglichen Anblicks den Raum verlassen. Und Uschi muss Gummibärchen erst töten, bevor sie sie essen kann – sie schlägt sie deshalb immer erst mit dem Kopf gegen die Tischplatte. Weil die anderen im Raum sie dabei so komisch ansehen, mordet sie nur mehr ohne Zeugen. RUNDE SACHE. Prinzipiell sind all diese Spleens ja harmlos und liebenswert. Und man ist damit auch nicht alleine – was einerseits beruhigend ist, aber andererseits auch nicht: Durch das Internet weiß ich jetzt, dass auch andere ausschließlich die hinten stehenden Produkte im Regal befingern und beschnuppern. Ich werde künftig also nicht mehr das letzte Shampoo in der Reihe, sondern eines aus der Mitte nehmen. Hauptsache, der Platz entspricht einer geraden Zahl!

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