Kolumne: "Ich brauche mehr Freiraum ..."

Olivia Peter ist Sternzeichen Waage. Und deshalb nicht nur harmoniebedürftig, sondern auch konfliktscheu. Dem Lieblingswirten sagen, dass man kein Stammgast mehr sein will, kann da schon ein verdammt schwieriges Unterfangen sein ...

Ich bin im Sternzeichen Waage. Positiv formuliert: harmoniebedürftig. Negativ formuliert: konfliktscheu. Ich bin der Typ Mensch, der einem Gspusi nicht sagt: "Du, ich mag dich nicht küssen, weil ich dich nicht mehr toll finde." Sondern: "Du, ich kann dich nicht küssen, weil ich, glaub ich, eine Fieberblase krieg. Aber nächste Woche voll gerne !"

Der Mann und ich sind vor ein paar Jahren in den neunten Bezirk gezogen. Nicht in den hippen Teil. Eher in den zwielichtigen. Die Auswahl an Lokalen? Begrenzt. Es gibt in unserer Straße ein grindiges Beisl, einen durchgeknallten Inder und ein typisches Wiener Wirtshaus. Klar, wofür wir uns entschieden haben. Mit großer Freude marschierten wir von da an einmal wöchentlich ins Wirtshaus. Auf Gulasch, Schweinsbraten und Kartoffelsalat. Ja, man kann sagen: Das Wirtshaus und wir wurden Freunde. Stammgäste. Solche, bei denen schon mal der eine oder andere Spritzer aufs Haus geht.
 

"Das grindige Beisl hat echt gutes Essen"

Der Bruch kam schleichend. Denn wenn mich jemand oft auf einen Spritzer einlädt, habe ich im Gegenzug das Gefühl, ich kann jetzt nicht nur die billige Suppe essen. Aber manchmal mag ich eben nur die billige Suppe. Meine Geldtasche ist da total meiner Meinung. Mein Freund eher nicht. Die Folge? Diskussionen zwischen uns. Weil: Sternzeichen Waage bin ich nur im Bedarfsfall.

Kolumne Peter Illu

Dann der Abend, der alles veränderte. Essen mit unseren Nachbarn. Wohin gehen? Unser Vorschlag: Wirtshaus. Ihr Vorschlag: grindiges Beisl. Wir ließen uns überreden -und siehe da: Das grindige Beisl hat echt gutes Essen. Ist drinnen nicht ganz so grindig wie draußen, und die Preise sind der Oberhammer. Klar, wer mein neuer Favorit war. Die Besuche im Wirtshaus wurden von da an weniger und weniger und hörten schließlich ganz auf. Jetzt ist das im Winter kein großes Problem: Du ziehst dir die Kapuze vom Wintermantel drüber und huschst mit eingezogenem Kopf vorbei. Weil es draußen fast immer dunkel ist und drinnen fast immer hell, sieht dich sowieso keiner. Im Frühling wird es schon schwieriger: weil du für gewöhnlich keine Kapuze trägst und die Tür des Wirtshauses ab und zu offen steht.

Ba ba, Wirtshaus!

Doch seit in Wien Sommer herrscht und das Wirtshaus seinen Schanigarten geöffnet hat, ist Heimkommen für mich der totale Albtraum. Ich fahre absichtlich an Parkplätzen vorbei, die in der Nähe des Wirtshauses liegen. Das will in Wien echt was heißen! Simuliere Telefonate, wenn ich trotzdem am Wirtshaus vorbei muss. Oder krame demonstrativ in meiner Handtasche nach dem Haustürschlüssel, nur um nicht Richtung Wirtshaus blicken zu müssen. Der einzige gute Tag ist der Samstag: Da hat das Wirtshaus nämlich zu.

Mir ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Deshalb mache ich es jetzt öffentlich: Liebes Wirtshaus, ich hab dich lieb. Aber ich mag auch die Preise der anderen.

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