Kolumne: "Haben Sie ein Diätgesicht?"

Wir sollen also Diät halten, aber ansehen darf man uns das nicht. WIENERIN-Kolumnistin Martina Parker über die optischen Ansprüche der Gesellschaft an Frauen.

Martina Parker

Letztens bekam ich eine Presseaussendung, in der Folgendes zu lesen war: „Es kommt nicht infrage, ausgehöhlte Wangen, schlaffe Wangenknochen oder völlig nach­gebende Gesichtskonturen im Spiegel zu sehen. Da die Frauen von heute nicht mehr leiden wollen, greifen sie zu anderen Mitteln als dem chirurgischen Lifting, das früher eine wahre Referenz zur Verjüngung des Gesichts war. Vermehrt wenden sie sich der ästhetischen Medizin zu …“

Problemzone. Ich war erschüttert. Nicht ob der Angst vor ausgehöhlten Wangen und schlaffen Wangenknochen, sondern weil mit so einem Wording Frauen ein neuer Leidensdruck aufs Auge – Pardon: auf ihre nachgebenden Gesichtskonturen – gedrückt wird: die Furcht, nicht zu genügen, wenn die Wangen nicht (mehr) prall und straff sind.
„Haben Sie ein Diätgesicht?“, fragte mich anderntags auch die London Times. Man sollte ja glauben, dass die Briten mit dem Brexit gerade andere Sorgen haben als den Zustand meines Gesichts. Aber denkste.
Auslöser für die Debatte war die BBC-Sprecherin Jenni Murray, die nach einer Magenband-OP 25 Kilo abnahm und nun vor dem wie oben beschriebenen Diät­gesicht warnt. Murray beruft sich auf den Rat, den ihr einst Kitschautorin Barbara Cartland gab: „Ab einem gewissen Alter musst du dich für den Hintern oder das Gesicht entscheiden. Entscheide dich lieber für das Gesicht und bleib künftig einfach sitzen!“
Dazu passt eigentlich nur mein österreichisches Lieblingswort: „Oida!“ – das einzige Wort, das Wut, Frust, Erstaunen, Verwunderung, Verwirrung und Zorn gleichermaßen ausdrückt.

Optisches Dilemma. Es scheint, dass Frauen – und es sind wie immer Frauen, die aufgrund ihrer Optik kritisiert werden – diesen Kampf einfach nicht gewinnen können. Entweder sie achten auf eine schlanke Linie, hungern, rennen jede freie Minute ins Fitnesscenter und „büßen“ dafür mit einem Diätgesicht – oder sie entscheiden sich für pralle Backen und bekommen dann den Rat, nur ja niemandem den Anblick ihrer prallen Pobacken zuzumuten.
Man kann sich natürlich, wie in der Presseaussendung angeteasert, in die hilfreichen Hände eines Beautydocs begeben. Der repariert dann die schlaffen Wangen mit Fillern, auf dass man aussieht wie ein Lollipop auf zwei Beinen. Es gibt ja auch Verfahren, bei denen man sich das Fett aus dem Po saugen lässt und dann in die Wangen spritzt. Damit schlägt man dann zwei Fliegen mit einer Klappe. Kostet zwar ein Vermögen, aber das muss es einem schon wert sein, um den optischen Ansprüchen der Gesellschaft an die „Frauen von heute“ zu entsprechen. Oder?

 

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