Kolumne: Ganz schön alt aussehen

Alt sein und dabei noch alt ausschauen? Oida! WIENERIN-Kolumnistin Martina Parker hinterfragt Altersdiskriminierung.

Martina Parker

Letztens war ich auf der Präsentation eines Diversity-Parfums. Um das Thema Divööörsitiii so richtig abzufeiern, kam ein Schwarzer, molliger Mann im Damenkleid und tanzte. "Unglaublich, wie hier alle Body-Positive-, Gender-und Race-Equality-Topics abgefeaturt werden!", ätzte meine Kollegin. "Nein", sagte ich: "Aufrüttelnd wäre es, wenn er auch noch alt aussehen würde!"

Böse Alte. Denn seien wir mal ehrlich: Alt zu sein und - noch schlimmer - alt auszusehen ist das letzte No-Go. Die Gesellschaft lässt uns hier eiskalt im Stich, und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Meldungen wie "I wü jo ned ausschaun wie a oide Frau" höre oder auf Events 60-jährige Frauen treffe, die sich ob genau dieser Angst zu grotesken Barbie-Puppen umoperieren haben lassen. So viel Panik, so viel Verzweiflung! Und es trifft immer jüngere Frauen: Influencerin Alexa Chung (35) widmet in ihrer Biografie ein ganzes Kapitel dem Thema, wie sie ihr nahender 30er (!) damals in tiefste Verzweiflung gestürzt hat.

Das Problem an der Chose ist, dass wir das Idealbild einer Frau, die nie älter aussieht als neunundzwanzigeinhalb, einfach nicht aus unseren Köpfen kriegen. Jugendliche (= fruchtbare) Schönheit war vor der Frauenbewegung oft die einzige Währung, um an einen Mann und somit an Sicherheit zu gelangen. Und auch, wenn viele Frauen heute sehr gut selbst für sich sorgen können, wir kriegen dieses Cinderella-Klischee einfach nicht aus unseren Köpfen.

Keine Angst. Frauen geben Millionen für zum Teil komplett nutzlose Anti-Aging-Mittel aus und lassen sich mit dem Argument "Das sieht so jugendlich-flott aus!" schreckliche Frisuren verpassen. Alle streben eine einzige Norm an, und jede, die da nicht mithalten kann oder möchte, wird gedisst - und zwar vor allem von ihren Geschlechtsgenossinnen. Hören Sie mal einen Tag lang ganz genau hin und zählen Sie die Meldungen, in denen Frauen ob ihres altersgemäßen Aussehens abgewertet werden: "Sieht noch ganz gut aus für ihr Alter", "Ist auch nicht mehr die Jüngste","Könnt auch wieder mal färben gehen". Kürzlich las ich den Post einer amerikanischen Feministin, die sich wünschte, alle Haarfarben würden auf einen Schlag ihre Wirkung verlieren: Milliarden von Frauen würden ohne diese Tarnung plötzlich weiß-oder grauhaarig sein - und sich endlich einmal bewusst werden, wie viele sie eigentlich sind. Dass nicht Cinderella die Realität ist, sondern sie selbst. Was würde das an Druck wegnehmen! Und allen, die ständig am Lästern sind - zumeist, weil sie selbst ein Problem mit dem Alter haben -, gebe ich folgendes Zitat mit auf den Weg: "It is amazing how many people are ashamed of their looks and how few of their minds."

 

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