Kolumne: "Frauen, seid wachsam!"

Rechtsanwältin Katharina Braun erzählt aus ihrer Praxis. Und hat anlässlich des Frauenkampftages 2020 eine klare Botschaft - denn für eine Gleicht(wert)stellung der Geschlechter ist in Wahrheit noch viel zu tun.

Noch in den 1970er Jahren waren Männer, aber auch viele Frauen selbst der Auffassung, dass die alleinige Lebensaufgabe einer Frau sei, sich um das Wohlergehen der Familie zu kümmern. Bis 1976 konnte ein Mann seiner Ehefrau verbieten, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, und brauchte Frau für die Eröffnung eines Kontos die Unterschrift ihres Ehemannes. Ganz klar: Der Mann war das Oberhaupt der Familie. Durch eine Eheschließung begab sich eine Frau also in den Zustand der Entmündigung - aus heutiger Sicht hätte ich einer jungen Frau dringend von einer Heirat abgeraten!

Es geht weiter: In Österreich gibt es die Möglichkeit einer einvernehmlichen Scheidung seit 1978. Zuvor wurden bei einer Scheidung die Kinder dem Mann zugesprochen. Und erst 1989 wurde Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt.

Das alles ist also noch überhaupt nicht lange her.

Wir dürfen uns der Errungenschaften von gestern nicht zu sicher sein

Diese Änderungen, wie viele andere Errungenschaften (Frauenhäuser, Gewaltschutzgesetz) auch, sind maßgeblich der Verdienst von Johanna Dohnal, Österreichs erster Frauenministerin. Doch bei allen Errungenschaften haben wir mitnichten eine gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter erreicht. Spätestens mit der Familiengründung werden viele Frauen von den ihnen von der Gesellschaft aufoktroyierten Geschlechterrollen eingeholt und befinden sich im Strudel zwischen Kinderbetreuung, Haushalt und Teilzeiterwerb. Nach wie vor verdienen in Österreich Frauen (dies auch wenn man vergleichbare Tätigkeiten mit gleichem Zeitaufwand vergleicht, sogenannte „ bereinigte gender pay gap“) deutlich weniger als Männer und verfügen Frauen im Durchschnitt über eine um 34 Prozent geringere Pension als Männer. Nach wie vor tragen die Frauen das Risiko der Familienversorgung. Alleinerzieherinnen leben oft mit ihren Kindern in prekären Verhältnissen.

Auch zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes liegt das Einkommen von Frauen in Österreich durchschnittlich 51 Prozent unter dem Wert von einem Jahr vor der Geburt. Die Ungleichbehandlung von Arbeitnehmerinnen aufgrund Karenz bestätigt auch das Wiedereinstiegsmonitoring der Arbeiterkammer.

Wichtige Botschaften, die wir aus dem Film "Die Dohnal" mitnehmen sollten

  • Sozialsystemabbau bedeutet immer auch Abbau von Frauenrechten.
  • Es fehlt nach wie vor an einer gleichen Wertstellung der Familienarbeit mit Erwerbstätigkeit.
  • Es gilt endlich mit den Pauschalgeschlechterzuschreibungen aufzuhören. Uns Menschen macht mehr als unser Sexualorgan aus. Es gibt nicht die Frau, den Mann als solches.
  • Eine viel verwendete Methode um feministische Argumente totzureden ist, ist diese als bloße Meinung abzutun.
  • Wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen sorgt für Machtgefälle in Beziehungen.
    Es gibt zwar bereits während der Ehe einen Ehegattenunterhaltsanspruch, doch wird dieser selten geltend gemacht und decken die Naturalleistungen des besser verdienenden Ehepartners diesen Ehegattenunterhaltsanspruch zumeist nicht ab.
  • Frauen leisten immer noch mehr unbezahlte Arbeit als Männer.
  • Es wäre wirklich, an der Zeit das Familienrecht einer grundlegenden Adaptierung zu unterziehen. Ein System, welches neue Fakten schafft, und dazu beiträgt dass das Machtgefälle in Beziehungen ein Ende findet. Denn bis lang gilt in Beziehungen oft, wer das Geld hat, schafft an.
  • Von alleine geschieht nichts. Veränderungen in die Selbstverantwortung der Bürger*innen zu geben reicht nicht (etwa Kinderbetreuung/Karenzzeiten). Tatsächlich können Gesetze maßgebend dazu beitragen, eine soziale Veränderung herbeizuführen.

Um die Gleichstellung in der Partnerschaft zu bewirken, könnte es eine wirksame Maßnahme sein, dass in einer Partnerschaft/ Ehe das Einkommen beider per Gesetz auf ein Familienbudgetkonto einbezahlt wird. Von diesem Konto wären die Kosten des Haushalts zu bestreiten. Damit wäre in der Partnerschaft volle wechselseitige Transparenz über die Einkommensverhältnisse gegeben und gebe es dann bei Scheidungen keine Streitigkeiten mehr über allfälligen Ehegattenunterhaltsrückstand. Die Phrase „in guten wie in schlechten Zeiten“ würde hierdurch an Bedeutung gewinnen und dazu beitragen, dass sich viele wohl mehr damit beschäftigen würden, was es überhaupt bedeutet verheiratet zu sein.

Wir Frauen müssen wachsam sein und für unsere Rechte eintreten

Johanna Dohnals Denken hat für mich nichts an Aktualität verloren. So sagte Dohnal bereits im Jahr 2001: „Das gegenwärtige Wiedererstarken männlicher Werthaltungen und traditioneller Rollenbilder geht einher mit Xenophobie, Nationalismus, Sexismus und Sozialabbau, mit dumpfem Populismus und Provinzialismus, mit Militarismus und der Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit“.

Wir Frauen müssen wachsam sein und vor allem aktiv für unsere Rechte eintreten, denn sonst laufen wir Gefahr, die Gleichstellung der Geschlechter nicht nur nie zu erreichen, sondern auch die paar für die Frauen hart erkämpften Errungenschaften wieder zu verlieren.

Und wie ebenfalls Dohnal sagte: "Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen."

Katharina Braun Anwältin WIENERIN Kolumne

Kolumne: Frag' die Braun!

Mag. Katharina Braun ist Rechtsanwältin und spezialisiert auf Ehe- und Familienrecht, also die Themen Ehevertrag, Scheidung, Obsorge, Unterhalt, Besuchsrecht und Lebensgemeinschaft. Für die WIENERIN berichtet sie aus ihrer Praxis und erklärt anhand konkreter Fälle rechtliche Möglichkeiten.

www.rechtsanwaeltin-braun.at

 

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