Kolumne: Eine Achterbahn der Gefühle durch die Erinnerungen

FOTOBOX. Wenn die Vergangenheit einen plötzlich auf Bildern einholt und man begreift, dass eigentlich alles gar nicht so schlimm war.

Katharina Reményi

Neulich war ich auf der Suche nach irgendwas. Was es war, habe ich in dem Moment vergessen, als mir diese alte Schachtel in die Hände gefallen ist. Vergessen habe ich auch die Zeit, nachdem ich die Schachtel geöffnet habe. Denn in der Schachtel habe ich einen Haufen alter Fotos und anderes Zeug gefunden. Und plötzlich war ich in einer Zeitmaschine, die mich zwischen den letzten Jahrzehnten hin-und hergebeamt hat. Sorgfältig nach Jahren und Ereignissen geordnete Fotoalben (mit Beschriftung!) gibt es von mir nämlich nur aus der Kindheit, als meine Mutter noch für die Bilder zuständig war. Mit der Teenagerzeit hat sich das geändert. Ich war nie der Typ für aufwendig gestaltete Scrapbooks, der neben die Fotos womöglich noch die Kinokarten vom ersten Date, ein paar Sandkörner oder kleine Muscheln vom Ibiza-Urlaub oder die Haarlocke, die man vom Friseur nach einer Totalveränderung mitgenommen hat, um sie nach einer Trennung als den ersten Moment im neuen Leben aufzubewahren, klebt.

Memories ...

Nicht, dass sich diese sentimentalen Erinnerungen nicht auch bei mir finden -sie sind eben nur in Schachteln verpackt. Oder auf irgendwelchen externen Festplatten (ohne Kinokarten, Sand und Locken). Letztere sind übrigens auch in irgendwelchen Schachteln und warten auf den Tag, an dem ich wahrscheinlich irgendetwas anderes verzweifelt suche und sie mir zufällig in die Hände fallen. Und wenn man eine dieser Boxen öffnet, ist es dann eben so, als würde man bei der Lieblingsserie einen Zufallsgenerator einstellen: Da gibt es lustige Folgen, in der die Hauptdarstellerin (ich) sich das mit den raspelkurzen braunen Haaren wirklich noch mal überlegen hätte sollen (weil der Typ wirklich ein Trottel war und das natürliche Blond von damals für immer verloren ist); es gibt mysteriöse Folgen (wo ist eigentlich dieser blaue Pulli hingekommen, der wäre jetzt wieder eine Herrlichkeit?)- und es gibt ganz blöde, traurige Folgen (warum habe ich mich damals eigentlich mit meiner Freundin T. zerstritten und seitdem nie wieder mit ihr gesprochen?).

Entspann dich!

Als ich mit der B. meinen Fund besprach, hatte sie wieder einmal etwas sehr Cleveres zu sagen. Ihr ging es neulich nämlich ganz genauso. Sie hat die alten Fotos zwar nicht zufällig gefunden und durchgesehen, sondern weil ihre Mama einen runden Geburtstag gefeiert hat, aber die Achterbahn der Gefühle war eine ähnliche. Ihre Schlussfolgerung nach stundenlangem Vergangenheit-Anschauen war: "Ich hätte mir echt nie so viele Sorgen um mein Aussehen machen dürfen. Ich hab super im Bikini ausgesehen und mein Popo war nie so groß, wie ich ihn im Spiegel immer gesehen habe. Den ganzen Druck, den ich mir damals gemacht habe, hätte ich mir echt sparen können!" Gescheite B.! Das merk ich mir fürs nächste Foto, auf dem ich mich nicht anschauen kann.

 

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