Kolumne: Der Tod steht mir gut!

WIENERIN-Autorin Katharina Reményi sieht in letzter Zeit immer öfter aus wie ihre eigene Großmutter.

Echt jetzt? So siehst du endgültig aus wie meine Tante Elke", sagte mein Mann neulich zu mir. Hätte ich einen schlechten Tag gehabt, hätte diese Aussage garantiert auch seinen vermiest. Aber ich war gut drauf. Und ich muss zugeben, er hatte in gewisser Weise sogar recht. Zumindest, was die Klamotten anging. Es waren nämlich allesamt Erbstücke von seiner Tante Elke. Ich trug ihren blauen Hosenrock, den sie sich in den 1970er-Jahren selbst genäht hatte, dazu ihren schwarzen Kaschmirpulli, den sie noch aus einem dieser (analogen!) Otto-Kataloge bestellt hatte, mit denen man an Miese-Laune-Tagen echten Schaden hätte anrichten können. Am Handgelenk trug ich das goldene Gliederarmband, das schon ihrer Mutter gehört hatte. Heute sagt man zwar statt Hosenrock Culotte, aber das war auch das Einzige, was an diesem Outfit nicht cool war.
 

A schene Leich

Wenn ich es mir genau überlege, schaue ich eigentlich meistens aus wie irgendeine Mutter, Tante oder Großmutter. Von mir persönlich sind die Hosen, aber der Rest was soll ich sagen? Wenn ich mir den Inhalt meines Kleiderschranks so anschaue, hängen da ehrlich gesagt immer mehr Sachen von toten Menschen drin. Sachen von Menschen, die ich kannte, oder etwa die schwarze Strickjacke mit den aufgenähten goldenen Paillettenpfauen, die ein Lieblingsstück der Mutter einer Flohmarktstandlerin aus Eisenstadt war. Mein karierter Blazer ist von meiner Großmutter, der schwarze Mantel von der Tant' Annerl, der Burberry-Schal gehörte meinem Vater. Das ist irgendwie gruselig, aber auch irgendwie echt super. Denn ich kenne zu fast jedem Stück, das ich trage, eine Geschichte. Und die kann mehr als "Das war ein Schnäppchen im Ausverkauf"! Obwohl die Story "Das habe ich aus dieser kleinen Boutique in Brooklyn" auch nicht übel ist. Na ja.

Erst letzte Woche sind ein paar neue Stücke dazugekommen -die Großmutter meiner Freundin C. ist gestorben. Die Frau wurde 97 Jahre alt und ist ganz friedlich in ihrem Bett eingeschlafen. Nachdem die Beerdigung vorbei und die Zeit reif war, die Wohnung auszuräumen, war ich zur Stelle, um zu helfen. Wenn ich jetzt sagen würde, dass es ganz uneigennützig war, würde ich lügen. C. hatte nämlich eine unglaublich modebewusste Großmutter, und die konnte sich zum Glück über Jahrzehnte von keinem Kleidungsstück trennen. Ich sag nur: Escada und 1980er-Jahre.

Erbstücke sind toll, und es sind auch diese Stücke, für die man meistens die schönsten Komplimente bekommt. Eben weil sie anders sind, weil man sich mit ihnen die Individualität nicht aus einer Flut an Massenware erst mühsam selbst kreieren muss. Und mit Erbstücken bekommt jedes Modemärchen garantiert ein Happy End.

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