Kolumne: Der Role-Model-Stresstest in der Arbeitswelt

Wenn sowohl Unternehmen als auch Bewerber*innen eine florierende Firmenkultur priorisieren, warum gibt es 2022 noch immer schwerwiegende Beispiele für toxische Arbeitsweisen?

Der Role-Model-Stresstest

Mentale Gesundheit nimmt einen immer höheren Stellenwert ein. Auch wenn die “weinerlichen, alles hinterfragenden Millennials” sehr auf Work-Life-Balance stehen, arbeiten wir hart für unseren Erfolg. Nicht immer mit dem erhofften Revenue. Aber das ist ok. Wir kennen genug Geschichten, in denen sich Beharrlichkeit, Resilienz und Durchhaltevermögen unter widrigsten Umständen ausgezahlt haben. Langfristig wird es sich ausgehen. Oder?

Das Drama in Dramaturgie

Ob als Fiktion oder auf LinkedIn: Erfolgsgeschichten sind fesselnd. Die Inszenierung dieser Stories sind dafür designt, um zu unterhalten und Botschaften zu senden. Botschaften wie: Wer ehrgeizig ist, gewinnt! Traumhaft, wenn das so simpel wäre.

Nicht selten werden Situationen aus der Popkultur oder von bekannten Entrepreneur*innen romantisiert, bei der eigentlich die Alarmglocken läuten sollten. Der Youtuber Rezo zeigt in seinem Beitrag Ausschnitte einer toxischen Kultur in der Casting Show Germany’s Next Top Model. Der Ton wird gesetzt - Ziel ist Dramatik. Sexualisierung und viel nackte Haut mit der vermeintlichen Rechtfertigung: Das Model-Business ist nunmal hart und du bist “motzig”, wenn du Grenzen gegen Sexualisierung setzen willst. “So motzig” und “Welcher professionelle Fotograf würde dich mit so einem Verhalten buchen?”

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Aber das ist doch sicher gescriptet für die Quote, fragt sich vielleicht jemand? Okay, also weg von der gescheckten Halb-Fiktion von Reality-TV und hin zu E-Mails so mancher Innovations-Ideale. Die Top-Down Hierarchien in den Firmen von Elon Musk, der harsche Tonfall und die Androhung einer Kündigung, wer nicht mindestens 40 Stunden wöchentlich arbeitet. Mentale Gesundheit ist Priorität? Fehlanzeige! Argumentiert wird mit Führungsparolen aus dem letzten Jahrhundert á la “Ich Chef, du nix!” Wahnsinnig innovativ.

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Hinterfrage die Held*innen

Warum üben Menschen wie Heidi Klum oder Elon Musk eine solche Faszination aus? GNTM erreicht im Jahr 2021 2,46 Millionen Zuschauer*innen. Musk hat 80,6 Millionen Follower*innen auf Twitter (Stand 07.04.2022). Ich tippe auf den Drama Effekt und die Inszenierung ihres eigenen Erfolges. Harte Arbeit lohnt sich - schon wieder so eine false-friendly Botschaft. Sie suggeriert: Wenn du dich nur richtig anstrengst, dann schaffst du das auch. Wenn nicht? Tja, dann hast du es offensichtlich nicht genug gewollt. Ja ne, is klar!

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Wer glaubt, sich für den Erfolg beide Beine ausreißen zu müssen, sollte sich nicht wundern, wenn der Fortschritt schwer fällt. Aber so leicht ist das auch nicht, irgendwo zwischen Erfolgsdruck, Pandemie und sich einschleichendem Imposter-Syndrom, an dem überwiegend Frauen leiden. Das Jahr 2020 wurde mir mal beschrieben als die “Zeit der Highperformer”. Tatsächlich hat arbeitsbedingter Stress in der Pandemie zugenommen. Antiproportional zur Fähigkeit, sich beruflich abzugrenzen - so eine aktuelle Umfrage des Portals Karriere.at. Hallo, Burn-Out. Komm rein und nimm dir’n Keks. Performance-Druck, Angststörung, Depression und Schlaflosigkeit warten schon auf dich.

So manches Ideal, ob fiktiv oder ganz real, sollte mal dringend einem Stresstest unterzogen werden. Nicht vergessen: Selbst hinter der Erfolgsgeschichte von Self-Made-Millionär*innen stecken viele Sub-Stories über die gar nicht gesprochen wird. Das Netzwerk. Der Mut, im richtigen Moment eine Chance zu erkennen. Die Unterstützung im Hintergrund, die finanzielle Stabilität. Und so ungern das auch gesagt wird: Zufall! Dinge, die man von außen nicht sieht.

In einer anderen Welt…

Insbesondere für Young Professionals ist es ohnehin schon eine Überwindung, faire Entlohnung für geleistete Arbeit einzufordern. Da braucht es nicht noch falsche Vorbilder, die schwache Argumente mit einer Machtposition verbinden. Ganz andere Tragweite.

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In einer anderen Welt oder einem Paralleluniversum wäre es vielleicht - einfach for the sake of Karma - möglich, das Casting-Format umzukehren. Firmen bewerben sich auf Mitarbeiter*innen. Analog zu “Der Bachelor”; die Ausscheidung erfolgt über bekannte Mechanismen.

“Du willst mehr Gehalt? Du glaubst wohl nicht an unsere Idee!” Ich glaube eher daran, Andrea, dass meine Arbeit einen Wert hat und je mehr ich lerne, umso bessere Ergebnisse erziele ist, was der Firma zu Gute kommt. Dafür sollte ich kompensiert werden. Heute keine Rose für dich.

Oder auch: “Also ich lese auch E-Mails am Wochenende und im Urlaub!” Good for you, Peter, aber deine Entscheidung deine freie Zeit für die Arbeit zu verwenden, hat nichts mit mir und meiner Wertschätzung zu meiner freien Zeit zu tun.

Oder dieses: “Wir haben Personal-Engpass, kannst du diese Woche länger arbeiten, wir müssen jetzt alle anpacken!”. Okay, Katharina, ich bleibe heute ausnahmsweise 20 Minuten länger, aber das ist die Ausnahme, nicht der Regelfall. Ich bin nicht die langfristige Lösung für die mangelhafte Personalplanung der Firma. Heute kein Foto für dich.

Wenn sich das jemand trauen würde - ich würde einschalten!

 

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