Kolumne: Das wird der traurigste Wahlsonntag aller Zeiten.

Der Wahlsonntag war einer der wenigen Tage, an denen ich das Gefühl hatte, das Leben richtig hart im Griff zu haben. In Zeiten einer Pandemie ist auch das nicht mehr, was es einmal war.

Traurigster Wahlsonntag

Seit ich denken kann, sind Wahlsonntage ein Riesending. Da ging ich als Knirps mit der Mama und dem Papa auf die Gemeinde, da wurde am Weg dorthin politisiert und über Demokratie geredet. Ich hab' schnell gelernt, dass Wahlen quasi sowas wie das mit den Klassensprecher*innen sind, nur halt ein bisschen größer und für ganz Österreich oder die Gemeinde. Ich hab' am Weg zum Wahllokal gequengelt, dass ich mit in die Wahlkabine gehen und das Kreuzerl machen will. Ich hab' wahnsinnig nervige Fragen gestellt ("Aber warum Wahlgeheimnis, Mama? Genierst du dich?") und solche, auf die ich bis heute keine Antworten hab' ("Aber Papa, warum sind manche Leute so gemein und wählen einen Klassensprecher, der nicht will, dass es allen gut geht?"). Ich habe später gelernt, dass Deutschland nun eine Klassensprecherin hat, was ich irrsinnig cool fand.

Aufbrezeln für die Demokratie

Seit ich ausgezogen bin, hat sich mein Wahlsonntagsprogramm natürlich ein bisserl verändert. Was gleich geblieben ist: Der Wahlsonntag ist immer noch ein Riesending für mich, die Traditionen und Rituale sind halt jetzt anders. Ich häng der Mama nimmer am Fuß, wenn ich am Weg zum Wahllokal bin, aber es fühlt sich immer noch ganz besonders und ganz wichtig an. So nach Verantwortung, die man wahrnimmt und so, als hätte ich mein Erwachsenenleben (von dem zugegebenermaßen in 98 Prozent der Zeit maßlos überfordert bin) für einen Tag lang so richtig im Griff. Es ist alles ganz aufregend, ich mach mir morgens Kaffee, lese die Zeitung und brezel mich dann für gewöhnlich ein bisserl auf. Ich putz mich selten raus, aber die Wahlkabine und die Demokratie sind bei mir sogar Gründe für Eyeliner. Dann geh ich wählen, treff' die Nachbar*innen auf dem Weg dorthin und stell noch immer wahnsinnig komische Fragen – nur halt jetzt an mich selbst. Was diese strenge Frau mit den lila gefärbten Haaren und dem Pudel von Stiege 2 wohl wählt? (Nur for the record: Ich habe sie noch nie gefragt, was sie wählt und sie dann gefragt, ob sie sich leicht geniert, weil sie auf das Wahlgeheimnis besteht. Ich hab dazugelernt.)

Nachdem das Kreuzerl gesetzt und mit der Nachbarin kurz gesmalltalked wurde, ging's an den vergangenen Wahlsonntagen immer mit Freund*innen in ein Altwiener Kaffeehaus. Da wurde dann Melange getrunken, politisiert und im Minutentakt Liveticker und ZIB-Sendungen aktualisiert.

Wählen während einer Pandemie

Heute wird bzw. war das anders. Die Wienwahl ist die erste Wahl dieser Dimension, die in Österreich seit Ausbruch der Corona-Pandemie abgehalten wird. Bis Donnerstagfrüh wurden bereits 375.000 Wahlkarten ausgestellt, das sind fast ein Drittel aller für die Gemeinderatswahl 1.133.010 Wahlberechtigten. Auch ich hab' schon via Wahlkarte gewählt – und es war komisch und hat sich nicht so angefühlt wie ich das von meinen bisherigen Wahlerfahrungen kenne. Nicht weniger verantwortungsvoll, ganz im Gegenteil: Wir wissen mittlerweile, dass die Covid-19-Pandemie wie ein Vergrößerungsglas für die Gesellschaft wirkt und Ungleichheiten, die schon immer da waren, sichtbarer werden. Umso wichtiger ist also die Stimme diesen Sonntag.

Auf einer ganz persönlichen Ebene sudere ich aber ein bisserl meinem Wahlsonntagsritual nach. Es war heuer einfach so furchtbar unspektakulär und – not gonna lie – ein bisserl traurig: Nach der Arbeit noch schnell zur Post sausen, die Wahlkarte abgeben und dann eben nicht in ein Altwiener Kaffeehaus setzen, Freund*innen treffen, den Wahlergebnissen entgegenfiebern und währenddessen vom grantigen Kellner anschnauzen lassen. Sondern einfach nur Stimme abgeben und danach alleine nach Hause. Ich vermiss das Aufbrezeln, das Politisieren und den Grant vom Kellner.

Vielleicht mach ich deshalb am Sonntag eine kleine Corona-konforme Wahlergebnis-Party bei mir. Ich wäre zumindest bereit, ich hab' mir sogar einen Milchschäumer gekauft. Die Melange á la Altwiener Kaffeehaus könnte ich also schon mal servieren. Und grantig bin ich heuer sowieso genug.

 

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