Kolumne: "Brav" wird gestrichen!

WIENERIN-Kolumnistin Andrea Burchhart findet: Es ist Zeit, endlich mal Tacheles zu reden und uns ein für alle Mal vom kleinen Wörtchen "brav" zu verabschieden!

Andrea Burchhart

Brav sind sie, wenn sie schlafen und nicht stinken!“ – einer der Lieblingssprüche meines Vaters, den er fröhlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit jungen Eltern
zuruft. Bei der Mama, die einen schweißtreibenden Kampf mit ihrem Zweijährigen hat, weil sich der partout keine Windel anziehen lassen will, oder dem Papa, der gerade Stunden damit verbracht hat, das Baby in den Schlaf zu singen, kommt der Sager naturgemäß extrem gut an. Obwohl die Aussage per se gar nicht so blöd ist. Nur über brav muss man jetzt diskutieren: Brav, das darf man so nicht mehr sagen. Meine Mama hat das kürzlich schmerzlich erfahren. In ihrem gesamten Umfeld traut sich jetzt niemand mehr brav zu sagen. Mein Neffe geht in so einen Was hat uns bloß so ruiniert-Kindergarten. (Wer den Film nicht gesehen hat: absolute
Empfehlung an dieser Stelle!) Es handelt sich um eine elternverwaltete Bildungseinrichtung, wo sehr viel diskutiert wird und alle Kinder mit superkreativen Namen
einen freien Tag unter der Woche haben müssen. (Was die eine oder andere Familie doch auch in einen Betreuungsnotstand bringen könnte; das nur nebenbei bemerkt.) Meine Mutter holt also den Kleinen ab und fragt völlig naiv und ohne böse Hintergedanken: „Und, war der Kleine eh brav?“ Nur der höchsten Professionalität der Kleinkindpädagogin ist es zu verdanken, dass ihr das anvertraute Kind nicht vor Schreck aus dem Arm gefallen ist. „Was meinen Sie mit BRAV?!?“ Atempause. „Ihr Enkelsohn hat sich SEHR WOHLGEFÜHLT!“

HARMONIESUCHT. Jetzt muss man Omas nicht unbedingt auf oberg’scheit schelten, aber ganz objektiv gesehen ist die Idee, brav aus dem Wortschatz zu streichen, gar keine dumme. Dann würde uns auch dieser elende Slogan „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ erspart. Wie Mädchen sich verhalten, ist nämlich weniger bedeutsam als die Tatsache, dass es sich um Frauen handelt. Wenn man jünger ist, spürt man diese strukturellen Benachteiligungen weniger – aber irgendwann trifft es dich mit voller Wucht: Du merkst, wie Frauen ab einem gewissen Alter einfach übergangen werden. Du siehst Freundinnen dabei zu, wie sie die Karriere ihren Männern überlassen, wie Väter in Karenz frenetisch beklatscht werden, ja dafür sogar Preise abräumen, und weißt von Witwen, die kaum Geld zum Überleben haben. Du hörst, wie privilegierte PolitikerInnen von Chancengleichheit sprechen und zugleich ungemütlichere Lebensrealitäten gestalten.
Und dann wirst du böse. Dabei willst du doch nur, dass sich alle wohlfühlen.

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