Klimawandel & Flugscham: Wie wir künftig reisen werden

Unsere Art des Reisens wird sich ändern müssen. Warum das nicht nur dem Klima, sondern auch uns selbst gut tut, erklärt Nachhaltigkeitsexpertin Regine Gwinner.

Nachhaltig Reisen

WIENERIN: Alle Welt redet davon, dass wir weniger fliegen sollten, und von Flugscham. Aber ändert sich wirklich etwas am Reiseverhalten der westlichen Menschen?

Regine Gwinner: Diese Auseinandersetzung mit dem Klimathema, die ist neu. Vor fünf Jahren noch wurde abgewunken: "Na ja, ist schon wichtig, aber es hat nichts mit mir zu tun." Das hat sich geändert - Klimaschutz ist heute tatsächlich ein ernsthaftes Anliegen. Aber dann kommt beim Fliegen: "Ja, da kann ich's halt doch nicht anders machen." Ich könnte eine ganze Sammlung an Sprüchen rausgeben, warum man "eigentlich eh gar nicht fliegt", aber es in diesem speziellen Fall gar nicht anders machbar ist.

Was hindert uns denn daran, öfter aufs Flugzeug zu verzichten?

Ich glaube, ein Haupthindernis ist Gewohnheit; ein bisschen die Berührungsangst mit dem anderen System. Der Flughafen, der hat immer so was Cleanes: Man geht da rein, setzt sich in den Flieger, kommt raus -da passiert unterwegs nicht viel. Bei der Bahn, da ist viel mehr Kommen und Gehen: Einsteigen, aussteigen, man muss umsteigen Es ist nicht so abgeriegelt. Man ist so näher am Leben dran und mit Menschen konfrontiert.

Lange Zugfahrten sind auch anstrengend.

Man braucht immer Pausenzeiten dazwischen, also man muss immer schauen, was einem tatsächlich gut tut. Wenn ich fernfliege, ist das auch anstrengend, aber das nimmt man halt in Kauf, denn sonst kommt man eben nicht nach Bali. Meine absolute Lieblingsstory ist ja, dass man, um für 19 Euro fliegen zu können, um drei Uhr in der Nacht aufsteht und irgendwo hinfährt - also da bräuchte ich eine Woche Urlaub, um mich zu erholen. Da sagt keiner: "Boah, das ist aber anstrengend!", sondern jeder sagt: "Super, ist total günstig!

Soll man jetzt überhaupt keine Flugreisen oder Langstreckenflüge mehr machen?

Ich finde, Fernreisen gehören inzwischen auch zu unserer weltweiten Vernetzung dazu. Aber es ist tatsächlich die Frage: Wie oft mache ich das? Und kann man dieses Bedürfnis tatsächlich nur dort erfüllen? In dem Fall würde ich sagen: Okay, es muss jetzt mal Thailand sein oder Kambodscha. Aber es gibt auch diese Fernreisen, wo Leute dann sagen: "Das war so günstig, da konnte ich nicht Nein sagen." Und dann fliegt man irgendwo hin, wo man vorher vielleicht gar nicht wusste, dass man da hinwollte, ist dort zehn Tage und kriegt nicht wirklich was mit.

Wie kann es zu einem Umdenken kommen?

Für mich ist der Schlüssel eine Bewusstwerdung: Wie will ich wirklich leben? Worauf kommt es mir an? Wobei geht es mir wirklich gut? Und ich finde, Reisen geht heute leider oft in die andere Richtung: immer schneller, mehr, weiter. Und eigentlich ist man gar nicht so richtig dabei. Wenn man sich die Zeit nimmt, zu überlegen: "Wo stehe ich gerade, was brauche ich?" - dann kann man gar nicht so viel falsch machen im Sinne von Nachhaltigkeit.

DIE EXPERTIN: Regine Gwinner ist Geschäftsführerin des Fairkehr-Verlags, Chefredakteurin des Anderswo-Magazins und Expertin für nachhaltiges Reisen (wirsindanderswo.de).

 

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