Klimaforscherin: "Es wäre klimafreundlicher, nur 20 Stunden zu arbeiten"

Bio essen, aufs Auto verzichten und Leerstand renovieren - Zeichen eines hippen Lebensstils oder klimapolitische Notwendigkeiten? Wir haben bei der Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb nachgefragt.

Der Klimawandel schreitet schneller voran als erwartet. Das stellt der im Oktober veröffentlichte IPCC-Sonderbericht über die Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 °C gegenüber vorindustriellem Niveau fest. Was kommt auf uns zu und wie können wir es noch abwenden? Die Klimaexpertin und Meteorologin Helga Kromp-Kolb hat die Antworten. Sie forscht über die Ursachen und Folgen des Klimawandels.

Was macht den Klimawandel zu so einem dringlichen Problem?

Helga Kromp-Kolb: Es gibt eine Reihe von Kipppunkten, jenseits derer keine Stabilisierung des Klimas mehr möglich ist -zum Beispiel beim Schmelzen des Eises in der Arktis: Je mehr Eis schmilzt, desto dunkler wird die Oberfläche im Sommer, desto mehr Sonnenstrahlung wird absorbiert und desto schneller schmilzt wiederum das verbleibende Eis. Dann muss man damit rechnen, dass im Ozean eingelagertes Methan austritt und den Klimawandel noch dramatischer verstärkt.

Manche Leute bezweifeln nach wie vor, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Wie argumentiert eine Naturwissenschaftlerin?

Das ist sehr einfach: Wie sich Temperatur und Niederschläge über lange Zeiträume geändert haben, zeigen die Daten aus dem Klimamonitoring der meteorologischen Dienste, die frei verfügbar sind (zamg.ac.at). Auch die Messungen der Treibhausgaskonzentrationen sind verfügbar und passen gut zum globalen Verbrauch fossiler Brennstoffe. Dass Anstieg von Temperatur und Treibhausgaskonzentrationen zusammenhängen, kann man im Experiment zeigen, aus Paläodaten ableiten und mit Modellen berechnen.

Unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgerichtet. Kann man gleichzeitig wachsen und das Klima schonen?

Langfristig brauchen wir ein zukunftsfähiges System, in dem es den Menschen gut geht und die Biosphärengrenzen respektiert werden. Kurzfristig geht es primär um den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

Helga Kromp-Kolb

Was könnte Österreich tun?

Nehmen wir den Bausektor her: Österreich verbaut viel zu viel Fläche. Was muss wirklich gebaut werden, und wo kann Leerstand renoviert werden? Und wenn man nicht mehr baut, was passiert dann mit der Bauindustrie? Damit sind wir beim nächsten Thema: Arbeit. Erwerbsarbeit wird stark überbewertet - es wäre klimafreundlicher, auf 20 Stunden zu reduzieren und mehr für die Gemeinschaft zu machen. Eine umfassende gesellschaftliche Transformation ist notwendig.

Was hat Klimapolitik mit dem Nord-Süd-Verhältnis zu tun?

Etwas verkürzt gesagt: Wir erzeugen mit dem Klimawandel Fluchtgründe, beschweren uns, wenn die Menschen zu uns kommen, und nützen das, um Angst zu erzeugen und einen Rechtsruck in der Politik zu rechtfertigen. Im Pariser Abkommen wurde ein Fonds zur Unterstützung südlicher Länder festgeschrieben. Es wäre vor allem wichtig, sie finanziell dabei zu unterstützen, nicht in die fossile Sackgasse zu laufen - gegen das Interesse mancher Industrien, die sich den Markt für fossile Brennstoffe und Produkte, der bei uns schwindet, anderswo sichern wollen.

Wie ließe sich der Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren?

Fossile Brennstoffe müssen besteuert werden - nicht als Geldbeschaffung, sondern als Steuerungsinstrument hin zu erneuerbarer Energie, aber vor allem zu Effizienz und Bedarfssenkung. Will die Regierung den Menschen keine neue Steuer zumuten, dann kann sie die Einnahmen gleichmäßig auf alle wieder verteilen - die, die wenig fossile Brennstoffe nutzen, werden finanziell besser aussteigen als die, die viel konsumieren.

Was können wir von der UN-Klimakonferenz im Dezember erwarten?

Sie muss den Prozess des Nachschärfens auf den Weg bringen. Mit den bisherigen Maßnahmen gehen wir eher in Richtung 3,6 °C. Freiwilligkeit ist eine gute Sache, aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Auf nationalstaatlicher Ebene heißt das: Die Bundesregierung muss sicherstellen, dass die jeweils klimafreundlicheren Entscheidungen - gegen das Bauen, für Biolebensmittel, gegen motorisierten Individualverkehr - die leichteren sind.

Buch Klimawandel

BUCHTIPP:

Helga Kromp-Kolb, Herbert Formayer: Plus 2 Grad: Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten. Molden Verlag, € 23,-.

 

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